Pop-Entdeckung Jens Friebe Ironisch leicht statt rockig erdig

Ironie, Intelligenz und Mut: Der Berliner Sänger Jens Friebe verbindet auf seinem Debüt "Vorher Nachher Bilder" die Kardinaltugenden des Pop mit Stilbewusstsein und einem Gespür für komplexen Sound.
Von Jan Wigger

Popmusik macht man in Berlin schon lange. Doch wirklich ins Gespräch kam die Hauptstadt erst wieder, als Bands wie 2Raumwohnung oder Mia erste Überraschungserfolge vorweisen konnten und Wir sind Helden schließlich stetig dem Weltruhm entgegeneilten. Den Songschreiber Jens Friebe mit den Berliner Stars in einen Topf zu werfen, wäre allerdings ein sträflicher Fehler - die Gemeinsamkeiten beschränken sich auf den Herkunftsort.

Die Geschichte, die zu Friebes Debüt "Vorher Nachher Bilder" gehört, ist eine von Zufällen, Glücksfällen und genutzten Gelegenheiten. Im Jahr 2002 bekam Friebe, der Wahlberliner aus Lüdenscheid mit ausreichend Erfahrung als Pop-Schreiber für Publikationen wie "Intro" oder "Jungle World", ein Angebot: Almut Klotz vom Berliner "Pop Chor" bat den Musiker, beim Auftritt in Hamburg das Vorprogramm zu übernehmen.

"Natürlich hatte ich daraufhin erst einmal große Angst und saß zwei Wochen paralysiert auf dem Bett", berichtet Friebe mit selbstironischem Unterton. Dann lieh er sich doch einen Drumcomputer aus, kaufte sich ein Stage-Piano und trat auf. Jochen Distelmeyer, Sänger der Hamburger Popintellektuellen-Band Blumfeld, befand sich, für Friebe nicht sichtbar, ebenfalls im Publikum und ließ ausrichten, dass es ihm gut gefallen habe.

Dann griff Distelmeyer höchstselbst zum Telefon und rief bei Alfred Hilsberg an, dessen Label "ZickZack" einst Bands wie Einstürzende Neubauten oder Blumfeld zu erstem Ruhm verhalf. Nun hat man auch Friebe unter Vertrag genommen, und "Vorher Nachher Bilder" ist sicher eines der schönsten, schillerndsten und vor allem glamorösesten Pop-Alben der letzten Zeit geworden.

Friebe, der früher als Tour-Keyboarder in der Band von Maximilian Hecker aushalf, spielt in seinen Texten raffiniert mit Themen wie Sexualität, Narzissmus oder den eigenen Widersprüchlichkeiten. "Und ich will nicht, dass du mich trotz meiner Schwächen/ Ich will nicht, dass du mich, weil man mit mir über alles sprechen kann/ Ich will nicht, dass du mich, weil ich für dich da bin/ Ich will, dass du mich willst, weil ich ein Star bin", wehrt sich der 28-Jährige in "Star" gegen die Zufälligkeit von Beziehungskonstellationen.

"Es geht da um die Übertreibung eines Grundgefühls, was ja auch viele Leute kennen: Ein Gefühl der Austauschbarkeit in Beziehungen. Das Gegenteil ist eigentlich Startum, dass man selbst der einzige ist, um den es eigentlich geht. Auch der Wunsch nach etwas Zwingendem", erklärt Friebe.

Einigen Liedern haftet etwas höchst Artifizielles, ja Überkandideltes an, was programmatisch zu verstehen ist. Er wolle "einen Gegensatz zu diesem ehrlichen, erdigen Rock-Ethos" aufbauen, erklärt der Pop-Dandy, "von wegen alles handgemacht und die Songs einfach gespielt."

Friebe lässt die Dinge lieber in der Schwebe: Schon sein Album-Cover ist mehrdeutig und spielt mit Haltungen, Rollenklischees. Und so passt zum dick aufgetragenen roten Lippenstift auch das schmachtende Bekenntnis aus "Bring mich zum Wagen": "Bring mich zum Wagen/ Bring mich zum Weinen/ Lass mich dir sagen / Ich hab außer dir noch keinen so geliebt".

Die Entscheidung für "keinen" und gegen "keine" fiel dabei nicht nur aus phonetischen Gründen. "Das ist dann als Popsong universeller, weil sich auch jeder damit identifizieren kann. Ich finde es blöd, immer aus der männlichen Sicht zu texten und mag diesen schwulen Gestus ehrlich gesagt ganz gerne. Dieses Freundlich-Eitle macht mir auch bei anderen Künstlern viel Spaß."

Aufgeschlossenheit ist dabei nicht nur bei den Themen, sondern auch beim Sound tonangebend, die musikalischen Einflüsse von "Vorher Nachher Bilder" sind so vielfältig wie raffiniert. So zitiert der weit ausholende, schwelgerische Song "Wenn man euch die Geräte zeigt" zu Beginn "Just Like Honey" von The Jesus & Mary Chain und somit auch Phil Spector. "Gespenster" oder "Stehen geblieben" nehmen das komplexe Songwriting des Synthie-Pops der Achtziger Jahre wieder auf.

Dem Vorwurf, er produziere Kitsch oder schlicht Schlager, begegnet Friebe mit Gelassenheit: "Man müsste analysieren, was die Sachen sind, die man am Schlager nervig findet. Dieses besinnungslose Reizwort-Gulasch, die völlige Vorhersehbarkeit der Melodie." Auf Friebes erster Platte war dafür zum Glück kein Platz.


Jens Friebe: "Vorher Nachher Bilder" ist bei Zick Zack/Indigo erschienen