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Naima Husseini: Silvester war gestern

Foto: Torben Höke

Pop-Entdeckung Naima Husseini Karriereknick als Kick

Die Berliner Sängerin Naima Husseini hätte vor zwei Jahren Karriere als Pop-Sternchen machen können, zog aber die Notbremse. Jetzt bringt sie ohne viel Plattenfirmen-Tamtam ihr erstes Album heraus - und keiner redet drüber. Das sollte sich schleunigst ändern.

Fangen wir mal mit ein paar Phrasen an, die hier passen könnten: "Gut Ding will Weile haben" zum Beispiel, oder "Nur nichts überstürzen". So, das hätten wir hinter uns, jetzt können wir unbekannteres Terrain betreten, das weite, medial unbestellte Feld nämlich, auf dem sich talentierte Musiker in Deutschland abrackern, um wahrgenommen zu werden. Vorausgesetzt, sie haben sich dagegen entschieden, sich in einer Castingshow für den schnellen Erfolg zum Affen zu machen. Manche bekommen auch ohne solchen Zirkus einen Plattenvertrag - erkennen sich dann aber plötzlich in dem Produkt, zu dem sie gemacht werden, nicht mehr wieder.

So ging es Naima Husseini , die vor kurzem relativ unbeachtet von einer größeren Öffentlichkeit ihr Debüt-Album herausgebracht hat. Unbeachtet auch deshalb, weil für verwandte Acts wie Klee, Boy oder Frida Gold mehr Werbung gemacht wird. Vor zwei Jahren wäre es Naima Husseini vielleicht anders ergangen, es hätte Interview-Tage gegeben, TV-Termine, the whole shebang. Zusammen mit ihrer Band Silvester sollte die Hamburgerin damals von Universal Music als neuer deutscher Pop-Act aufgebaut werden, sozusagen als Enkelin des schon etwas in die Jahre gekommenen Fräuleinwunders, das Juli und Konsorten bewirkt hatten.

Mitverantwortlich dafür war der mit Husseini bekannte Produzent Berend Intelmann (Paula, Jens Friebe), der ihre versponnenen, experimentellen Demos zu geradlinigem Pop umbaute - was in den Augen der Plattenfirmenleute sogleich Euro-Symbole zum Leuchten brachte. Doch die erste Single "Du willst mehr" chartete nicht wie erhofft, die Maschinerie geriet ins Stocken. Zum Glück, wie Naima Husseini heute meint: "Eigentlich wollten die da dann nur einen anderen Stempel draufdrücken und mich als Solo-Künstlerin vermarkten", erzählt sie im Interview. "Aber ich habe dann erstmal Abstand genommen zu dem ganzen Karussell, weil ich gemerkt hatte, dass das in diesem Stadium gar nicht meinem Standpunkt entsprach, weder inhaltlich noch musikalisch. Heute weiß ich, dass ich zu viel Eigenes mitbringe, um mich in so einen Vermarktungsrahmen zu stellen."

Klarmachen, worum's geht

Der Husseini-Hype beim Label ging vorüber, das Album erschien nicht, Silvester wurde zu den Akten gelegt. Auch für die heute 30-jährige Sängerin. "Ich habe mir eine Auszeit genommen, bin nach Berlin gegangen, so'n bisschen ins Exil", sagt sie. Der Kontakt zu Universal riss ab, der zur Band auch. Ironie des Schicksals: Silvesters Keyboarderin Valeska Steiner feiert inzwischen als eine Hälfte des Duos Boy Erfolge in den Charts und in den Medien. Für Naima Husseini kein Problem, sie weiß, dass sie erst einmal ihren eigenen Weg finden musste: "Ich musste mir mein eigenes Profil zurückholen", nennt sie das. "Auf dieser Basis kann mein öffentliches Leben jetzt beginnen."

Doch die Zeit des Neubeginns war beschwerlich, die Monate vergingen, während sich Husseini mit Piano, Gitarre und vielen Maschinen, die Geräusche erzeugen, in einem kleinen Berliner Studio verschanzte und ihre Songs zurückeroberte. Eines Abends traf sie bei einem Konzert den Produzenten Olaf Opal, der früher Punkbands und die Weilheimer Avantgardisten The Notwist betreute, inzwischen aber Hausproduzent von Juli ist. "Er sagte zu mir: 'Jetzt hör' doch mal mit dem Herumgeeiere auf und bring' endlich dein Album 'raus'. Und ich so: 'Das ist kein Geeiere, ich muss mir erstmal klarmachen, worum's hier geht, warum ich das mache'." Zusammen machten sich die beiden dann an die Arbeit, um eines des bemerkenswertesten deutschen Pop-Alben der letzten Zeit aufzunehmen.

Vieles auf "Naima Husseini" kennen alte Fans noch von früher, Songs wie "Auf Wiedersehen", "Du willst mehr" oder "Ein Schritt vor" gehörten schon damals zu Husseinis Repertoire. Nur klingen sie jetzt nicht mehr wie straighte Gitarrenpop-Schlager, sondern schweben in einer vielschichtigen Klanglandschaft, deren Vorbilder man außerhalb des engen deutschen Referenzrahmens suchen muss. Lykke Li fällt einem ein, vielleicht auch Florence & The Machine und Fever Ray, ganz sicher auch die allgegenwärtige Feist. Als noch ein weiteres Folk-Mädchen, das Kate Bush als Übermutter zitiert, möchte Husseini jedoch nicht gesehen werden. "Das Songwriting habe ich jetzt eher zurückgenommen", sagt sie. Davor stehe nun eine Idee von Musik, eine eigene Stimmung, ein eigenes Klangbild, "düsterer, elektronischer, ein bisschen Gruselfilm-Atmosphäre".

Bei der Arbeit an dem Album sei vieles zurückgekommen, was beim kurzen Anlauf in die Instant-Popkarriere verloren gegangen sei. Schon früher habe die Tochter eines Musiker-Ehepaares "so komische Sounds" aus dem Fernsehen gesampelt und daraus Beats gebaut, ein eigenwilliger Ansatz, der nun in den charmant vertrackten Rhythmen und kaleidoskopartigen Arrangements von Liedern wie "Oben ist unten" oder "Komm mit" Vollendung gefunden hat.

"Man muss standhaft bleiben"

Die Pop-Melodien, die Husseinis großes Talent ausmachen, sind natürlich auch noch da, man muss die Songs aber ein paarmal hören, um sie zu entdecken. Dann aber bleiben sie umso nachhaltiger im Gedächtnis. Neulich, bei einem Radio-Auftritt in Berlin, habe sie sich widerwillig mit einer Akustikgitarre hingesetzt und ein paar Songs gespielt. "Das haben die Leute dann sofort verstanden. Aber ich mache als nächstes ganz bestimmt kein Folk-Album. Man muss da standhaft bleiben, das wird den Leuten nämlich irgendwann langweilig, wenn's immer nur um emotional aufgeladene Stimmen und Akustikgitarren geht."

Das große Plattenlabel ist ihr letztlich treu geblieben und hat das Album herausgebracht, "weil sie mich als Künstlerin schätzen, aber nicht, weil sie wirklich verstehen, was ich da mache". Trotzdem begreift sie den schwierigen Prozess ihrer künstlerischen Selbstfindung als wichtigen Zwischenschritt. "Das eine wäre ohne das andere nicht gegangen". Ein Schritt vor, ein Schritt zurück, so heißt es auch im Refrain von Naima Husseinis bekanntestem Lied: "Zieh' meine Schlüsse, zieh' einen Strich/ Ich will nach vorn', will nicht zurück/ Geh' wieder raus, versuch' mein Glück/ Von Zeit zu Zeit spielt es verrückt".

Womit wir wieder bei den Phrasen angekommen wären: "Ein gerader Weg führt immer nur ans Ziel". Eben. Naima Husseinis verschlungene Pfade sind viel spannender.

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