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11. Februar 2011, 08:42 Uhr

Pop!

Fröhlichkeit war schon immer überschätzt

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Tristesse in ihrer vollendeten Form: Die Charts der traurigsten Trennungslieder. Anlass zur Trübsal bietet zudem die Nachricht, dass Indie-Künstler die US-Charts entern - weil sie dafür kaum noch Platten verkaufen müssen. Und dann kommt auch noch das Aus für "Guitar Hero".

Abgang

Es ist selbstverständlich ein Klischee und trotzdem wahr, dass leidende Künstler regelmäßig zu Hochform auflaufen. Das belegen all die am Herzen verwundeten Musiker, die großartige Platten aufnahmen, die dann ihren Hörern in ähnlich verregneten Lebenssituationen Trost spendeten. Denn nicht wenige Menschen trösten sich mit Liedern, wenn sich mal wieder eine Liebe aus dem Staub gemacht hat. Die Online-Ausgabe des "Guardian" hat nun eine Art "Trennungs-Soundtrack" zusammengestellt. Dabei ist auch das finstere Meisterwerk "Here My Dear", das Marvin Gaye seiner entfleuchten Gattin Anna Gordy nachschleuderte. Oder Dylans gnadenloses "Idiot Wind" mit Zeilen wie "One day you'll be in the ditch, flies buzzing around your eyes", Abbas Trennungs-Terror-Hit "The Winner Takes it all" ("But tell me does she kiss, like I used to kiss you") und Tracey Thorns nüchterne Bestandsaufnahme zerbröselnder Partnerschaften "Oh, The Divorces". Fröhlichkeit war schon immer überschätzt.

Abwärts

Die gute Nachricht zuerst: Der milde Barde Amos Lee rauschte diese Woche mit seinem Werk "Mission Bell" auf die Pole-Position der US-amerikanischen Album-Charts. Das ist einerseits überraschend, weil Lees dezent kultivierte Songs keine wirklichen Radio-Renner sind, andererseits, weil die Platte von den Wüsten-Rock-Assen Calexico produziert wurde und Gäste wie Lucinda Williams und Willie Nelson an Bord sind. Meister ihres Fachs, die die Pop-Charts jedoch nur von unten kennen.

Das Erstaunen perfekt macht ein weiterer Blick auf die Top-Ten-Album-Liste, wo auf Platz zwei der Vollbartträger Sam Beam alias Iron & Wine thront, auf Rang sechs sonnen sich die aufgedrehten britischen Folkrocker Mumford & Sons, und über Position zehn jubilieren die ambitionierten Künstler von The Decemberists. Sogenannte "Indie/Alternative"-Künstler, die sich nun in der Champions League von Madonna, U2 und Lady Gaga wiederfinden.

Der schlechte Teil der Nachricht ist, dass das Phänomen ein weiterer Beleg für den Niedergang der Musikindustrie ist, denn mit seinem Nummer-Eins-Sieg setzte Amos Lee auch einen traurigen Rekord: Er landete ihn mit nur 40.000 verkauften Tonträgern - so wenigen wie noch nie in der Geschichte dieser Hitliste. Die CD-Verkäufe überhaupt sind vergangene Woche im Vergleich zum Vorjahr um 18 Prozent eingebrochen. Ein Ende der Talfahrt ist nicht in Sicht.

Exitus

Die zunehmende Bedeutungslosigkeit von Musik illustriert auch das diese Woche vermeldete Ende des Videospiels "Guitar Hero". Nach sechs Jahren zog die verantwortliche Firma Activision Blizzard Inc. den Stecker. Schon länger murrten Manager über das schwächelnde Musik-Genre. Außerdem sei das alles zu aufwendig gewesen wegen der Instrumente und anderer Nichtigkeiten. Mehr lohnen sich dieser Tage Massaker-Spiele wie "Call of Duty: Black Ops", das in den USA in sechs Wochen für eine Milliarde Dollar Umsatz sorgte und ebenfalls von Activision Blizzard Inc. verantwortet wird.

Kindersache

Einst kauften Kinder sich Platten, während ihre Eltern nützliche Dinge taten. In diesem Jahrtausend haben sich die Koordinaten verschoben. Der coole Londoner Plattenladen Rough Trade East bietet an Wochenenden neuerdings einen "Kids Club". Hippe Erwachsene können ihre Kinder (2-8 Jahre) bei Babysittern parken, während sie das Angebot an Dub-Step- und Krautrock-Tonträgern begutachten. Gerüchte über Gehhilfen für alte Stammkunden wurden nicht bestätigt.

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