Pop! Fröhlichkeit war schon immer überschätzt

Tristesse in ihrer vollendeten Form: Die Charts der traurigsten Trennungslieder. Anlass zur Trübsal bietet zudem die Nachricht, dass Indie-Künstler die US-Charts entern - weil sie dafür kaum noch Platten verkaufen müssen. Und dann kommt auch noch das Aus für "Guitar Hero".

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Abgang

Es ist selbstverständlich ein Klischee und trotzdem wahr, dass leidende Künstler regelmäßig zu Hochform auflaufen. Das belegen all die am Herzen verwundeten Musiker, die großartige Platten aufnahmen, die dann ihren Hörern in ähnlich verregneten Lebenssituationen Trost spendeten. Denn nicht wenige Menschen trösten sich mit Liedern, wenn sich mal wieder eine Liebe aus dem Staub gemacht hat. Die Online-Ausgabe des "Guardian" hat nun eine Art "Trennungs-Soundtrack" zusammengestellt. Dabei ist auch das finstere Meisterwerk "Here My Dear", das Marvin Gaye seiner entfleuchten Gattin Anna Gordy nachschleuderte. Oder Dylans gnadenloses "Idiot Wind" mit Zeilen wie "One day you'll be in the ditch, flies buzzing around your eyes", Abbas Trennungs-Terror-Hit "The Winner Takes it all" ("But tell me does she kiss, like I used to kiss you") und Tracey Thorns nüchterne Bestandsaufnahme zerbröselnder Partnerschaften "Oh, The Divorces". Fröhlichkeit war schon immer überschätzt.

Abwärts

Die gute Nachricht zuerst: Der milde Barde Amos Lee rauschte diese Woche mit seinem Werk "Mission Bell" auf die Pole-Position der US-amerikanischen Album-Charts. Das ist einerseits überraschend, weil Lees dezent kultivierte Songs keine wirklichen Radio-Renner sind, andererseits, weil die Platte von den Wüsten-Rock-Assen Calexico produziert wurde und Gäste wie Lucinda Williams und Willie Nelson an Bord sind. Meister ihres Fachs, die die Pop-Charts jedoch nur von unten kennen.

Das Erstaunen perfekt macht ein weiterer Blick auf die Top-Ten-Album-Liste, wo auf Platz zwei der Vollbartträger Sam Beam alias Iron & Wine thront, auf Rang sechs sonnen sich die aufgedrehten britischen Folkrocker Mumford & Sons, und über Position zehn jubilieren die ambitionierten Künstler von The Decemberists. Sogenannte "Indie/Alternative"-Künstler, die sich nun in der Champions League von Madonna, U2 und Lady Gaga wiederfinden.

Der schlechte Teil der Nachricht ist, dass das Phänomen ein weiterer Beleg für den Niedergang der Musikindustrie ist, denn mit seinem Nummer-Eins-Sieg setzte Amos Lee auch einen traurigen Rekord: Er landete ihn mit nur 40.000 verkauften Tonträgern - so wenigen wie noch nie in der Geschichte dieser Hitliste. Die CD-Verkäufe überhaupt sind vergangene Woche im Vergleich zum Vorjahr um 18 Prozent eingebrochen. Ein Ende der Talfahrt ist nicht in Sicht.

Exitus

Die zunehmende Bedeutungslosigkeit von Musik illustriert auch das diese Woche vermeldete Ende des Videospiels "Guitar Hero". Nach sechs Jahren zog die verantwortliche Firma Activision Blizzard Inc. den Stecker. Schon länger murrten Manager über das schwächelnde Musik-Genre. Außerdem sei das alles zu aufwendig gewesen wegen der Instrumente und anderer Nichtigkeiten. Mehr lohnen sich dieser Tage Massaker-Spiele wie "Call of Duty: Black Ops", das in den USA in sechs Wochen für eine Milliarde Dollar Umsatz sorgte und ebenfalls von Activision Blizzard Inc. verantwortet wird.

Kindersache

Einst kauften Kinder sich Platten, während ihre Eltern nützliche Dinge taten. In diesem Jahrtausend haben sich die Koordinaten verschoben. Der coole Londoner Plattenladen Rough Trade East bietet an Wochenenden neuerdings einen "Kids Club". Hippe Erwachsene können ihre Kinder (2-8 Jahre) bei Babysittern parken, während sie das Angebot an Dub-Step- und Krautrock-Tonträgern begutachten. Gerüchte über Gehhilfen für alte Stammkunden wurden nicht bestätigt.

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insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
JacksonBlood 11.02.2011
1. ^^
---Zitat--- Mehr lohnen sich dieser Tage Massaker-Spiele wie "Call of Duty: Black Ops" ---Zitatende--- Wunderbares beispiel bzgl. der Qualität des Artikelschreiber.
gurkenhändler 11.02.2011
2. *
SInd wir doch mal ehrlich, die Musikindustrie, in der heutigen Form, kann doch ruhig den Bach runter gehen. Die wird eh kein Wert mehr auf das künstlerische gelegt. Es werden Produkte erzeugt und die dann verkauft, wie Autos, wie Computer oder sonst was. So geht das halt nicht ewig.
derSpatz 11.02.2011
3. Nicht bedeutungslos
Die MUSIK als solches ist mitnichten bedeutungslos geworden. Das Konsumverhalten hat sich lediglich geändert. Es wurde noch nie soviel Musik gehört wie heute. Das Verschwinden von physischen Tonträgern ist lediglich konsequent. Auf einem Speichermedium mit der Größe eines Pommes Frites kann man inzwischen 20-40 Alben (unkomprimiert!) mit sich herumtragen. Es gibt iTunes und "Wolken" und diesen ganz Tech Heck Meck warum also CD's mit sich herumschleppen? Trotzdem ist die Schuld für den Niedergang der MusikINDUSTRIE deren eigene Schuld. Als man Anfang der 90-iger damit begann sich Heuschrecken einzuladen, die den Laden erst mal "optimiert" und "Risiken minimiert" haben, hat man sich selbst der Geschäftsgrundlage beraubt. Man hat nicht mehr in neue Künstler investiert (zu hohes Risiko), sondern nur noch die etablierten recycled obwohl die zu nichts Innovativem mehr fähig waren (ich nenne das die "Ära der Best Off... Arien"). Gleichzeitig hat man den Beruf des Produzenten durch Casting Shows pervertiert und hat den Konsumenten das was da rausgefurzt wurde als Musik verkauft. Jetzt kommt der Boomerang endlich zurück und die Herren bei EMI und Warner bekommen was sie verdienen, oder wie es ein bekannter Künstler, der wohl heutzutage niemals eine Platte rausgebracht hätte, mal gesungen hat: "You can fool some poeple sometimes, but you can't fool all the people all the times." Die musikalische Wirklichkeit spielt sich doch heute ganz wo anders ab. Nämlich in den unendlichen weiten des Webs gibt es so wahnsinnig viel gute Musik. Wer braucht eine solche Industrie?
grashalm, 11.02.2011
4. unabhängig abhängig
Zitat von sysopTristesse in ihrer vollendeten Form: Die*Charts der traurigsten Trennungslieder.*Anlass zur Trübsal bietet*zudem die Nachricht, dass Indie-Künstler die US-Charts entern - weil sie dafür kaum noch Platten verkaufen müssen. Und dann kommt auch noch das Aus für "Guitar Hero". http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,744826,00.html
als es mit der direkten Musik, aufnahmemässig anfing ( z.B. Robert Johnson ) entstanden Bahnhöfe der Plattenfirmen, mit Chartfahrplänen. Inzwischen ist das Musik produzieren, als weitere Möglichkeit studiounabhängig geworden, durch Home-basierende Sequenzerprogramme auf PC`s und dem rumschiefern der Sounds übers Netz, zu wem auch immer. Trennung und Trübsal, liegt eher im Bereich der Verkäufer, Aushalten und partizipieren fördert den Livecharakter wehement.
Spydrow 11.02.2011
5. Massakerspiele - "Bravo" SPON
Zitat von JacksonBloodWunderbares beispiel bzgl. der Qualität des Artikelschreiber.
Da kann ich Ihnen nur zustimmen, absolut lächerliche Berichterstattung, die Qualität auf SPON nimmt auch täglich ein weiteres Stück ab. Zum Glück halten noch ein paar wenige Redakteure die Qualität über Bildniveau!
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