Fotostrecke

Kate Bush: Grande Dame des Pop

Foto: Trevor Leighton

Pop-Großmeisterin Kate Bush "Musik ist ein brutales Gewerbe"

Legenden arbeiten langsam - doch dieses Mal brauchte Kate Bush nur fünf Jahre für ein neues Album! Im Interview spricht die Pop-Perfektionistin über ihr neues Werk, erklärt, warum sie ihre alten Platten nicht mehr mag - und lästert über das Horrorgerät iPod.

SPIEGEL ONLINE: Mrs. Bush, vor Ihrem letzten Album "Aerial" waren Sie zwölf Jahre lang von der Bildfläche verschwunden. Für Ihr neues Werk "Director's Cut" haben Sie sich nur fünf Jahre Zeit gelassen. Darf man behaupten, Sie haben sich beeilt?

Kate Bush: Ha! Schnell ist anders, ich weiß! Aber in Kate-Bush-Zeit bemessen war es wirklich rasant.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind wahrscheinlich die unabhängigste Frau der Popmusik, aber hilft es nicht manchmal, eine Deadline zu haben? Ist zu viel Freiheit nicht auch anstrengend?

Bush: Ob Sie es glauben oder nicht: Ich nehme mir immer wieder vor, schnell zu sein. Mein Kopf ist voller Deadlines. Aber dann geht doch immer etwas schief. Kreativität ist eben nicht berechenbar, sie entwickelt sich.

SPIEGEL ONLINE: Was genau hält Sie immer wieder auf?

Bush: Das fängt schon bei den Liedern an. Bei jedem Album möchte ich vermeiden, dass ein Song etwas abfällt, ein Füller ist. Und wenn man die Lieder endlich ausgewählt und eingespielt hat, sollte man sie etwas liegenlassen, bevor man sie endgültig abmischt und veröffentlicht. Aber genau diese Zeit nimmt sich kaum noch jemand. Wenn ich mir meine alten Platten anhöre, bin ich auch nicht glücklich.

SPIEGEL ONLINE: Mit Ihren alten Platten sind Sie nicht zufrieden?

Bush: Ehrlich gesagt: Nein. Am liebsten würde ich die alle nochmal neu einspielen. Aber ich denke, dass diese Haltung normal ist. Denn als Künstler ist man doch niemals glücklich. Jeder Mensch möchte doch vieles ändern, was er im Leben getan hat, oder nicht? Sind Sie mit jedem Text, den Sie geschrieben haben, glücklich?

SPIEGEL ONLINE: Nein.

Bush: Sehen Sie!

SPIEGEL ONLINE: Hören Sie sich je Ihre alten Platten an?

Bush: Oh Gott! Nein! Besser gesagt, sehr selten. Jedesmal denke ich dann, was da alles verändert werden müsste.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie deshalb für "Director's Cut" alte Songs Ihrer Alben "The Red Shoes" und "The Sensual World" neu eingespielt?

Bush: Eine Distanz von zwanzig Jahren verändert den Blick auf die eigene Arbeit. Ich hatte das Gefühl, aus diesen Songs so viel mehr rausholen zu können, dass sie zu neuen Liedern werden. Das Album "The Red Shoes" klang für mich immer etwas problematisch, was wohl an den digitalen Geräten liegt, mit denen es aufgenommen wurde. Jetzt haben wir alles in Analog neu gemacht. Weil sich die Lieder insgesamt sehr verwandelt haben, betrachte ich das Album auch als neue Platte. Jetzt habe ich die Gelassenheit, mich neuen Songs zuwenden zu können.

SPIEGEL ONLINE: Die Originalversion Ihres Songs "The Sensual World" basierte auf einem Text von James Joyce. Sie mussten dann etwas eigenes schreiben, nachdem Joyce' Erben Ihnen die Nutzungsrechte verweigerten. Waren Sie sehr enttäuscht?

Bush: Kann man wohl sagen. Aber es war ihr gutes Recht, nein zu sagen; immerhin versuchen sie einen der schönsten Texte aller Zeiten zu schützen. Mein Ersatztext war in Ordnung, aber eben nur okay, ich bin halt nicht James Joyce. Es beschäftigte mich so, dass ich nach einigen Jahren nochmal anfragte; mehr als ein zweites Mal nein sagen, konnten sie nicht. Diesmal gaben sie mir grünes Licht! Ich war außer mir vor Freude.

SPIEGEL ONLINE: Wissen Sie eigentlich, dass Sie von vielen HipHop-Titanen wie 2Pac, dem Wu-Tang Clan oder Dr. Dre verehrt wurden und werden?

Bush: Das ist mir bewusst, und ich kann dazu nicht viel mehr sagen außer, dass ich es überraschend und unfassbar cool finde.

SPIEGEL ONLINE: Gab es eigentlich in Ihrer Jugend eine Alternative zur Musik für Sie?

Bush: Absolut. Sogar einige. Ich träumte lange davon, Psychologie zu studieren. Ein reizvoller Beruf. Wäre ich nicht in so jungen Jahren mit Musik so erfolgreich gewesen, hätte es einige Alternativen für mich gegeben.

SPIEGEL ONLINE: War es hart, sich als so junge Frau in der Musikindustrie behaupten zu müssen?

Bush: Es war hart, und das ist es immer noch. Ausrufezeichen! Das ist ein brutales Gewerbe - aber auch für Männer.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie sich eigentlich noch als Teil der Industrie?

Bush: Nur bedingt. Ich bin in der glücklichen Position, mir eine relativ entspannte Nische erkämpft zu haben. Das beginnt damit, dass ich zu Hause mein eigenes Studio habe, in dem ich ungestört an meiner Musik arbeiten kann. Ich habe keine Plattenfirma mehr, die mir wegen Abgabeterminen im Nacken sitzt. Ich allein bestimme, was ich wann mache.

"Viele Alben sind lieblos zusammengeschludert"

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist Ihnen kommerzieller Erfolg heutzutage?

Bush: Nicht so unwichtig wie Sie vielleicht annehmen: Von mir gibt es ja verhältnismäßig wenige Platten, weil ich immer so lange brauche. Und im größten Markt der Welt, den USA, war ich immer eher ein Außenseiter. Außerdem werden immer weniger Platten verkauft. Dazu kommt, dass das Album als Kunstform deutlich an Bedeutung verloren hat. Und ich bin ja keine Single-Künstlerin, sondern konzentriere mich auf Alben.

SPIEGEL ONLINE: Warum bedeuten Alben nichts mehr?

Bush: Vielleicht, weil viele Menschen immer weniger Zeit haben, ihnen die Ruhe fehlt, sich auf eine Sammlung von Songs überhaupt einzulassen? Ein Jammer! Für mich war es als Teenager ein tolles Ereignis, in einen Laden zu gehen und ein Album zu kaufen. Aber heutzutage sind viele Alben lieblos zusammengeschludert, mit ein, zwei guten Songs und viel Füllmaterial. Das mag auch ein Grund für den Niedergang der Kunstform sein. Aber vielleicht muss man akzeptieren, dass die Menschen nur noch Tracks auf iPods hören möchten.

SPIEGEL ONLINE: Besitzen Sie einen iPod?

Bush: Nein! Der Klang ist doch entsetzlich.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich gegen die digitale Kultur lange gesperrt. Ihr voriges Album "Aerial" war anfangs nicht digital zu haben und später nur komplett, nicht in einzelnen Tracks.

Bush: Ganz schön dumm, oder? Ich wollte den zweiten Teil von "Aerial" nur komplett digital anbieten, weil ich es als Konzeptalbum angelegt habe, als etwas, das man von Anfang bis Ende durchhören sollte. Ich glaube, dass die einzelnen Tracks ihre Kraft einbüßen, wenn man sie losgelöst aus dem Ganzen hört. Es war schwierig, das bei der Plattenfirma durchzusetzen, glauben Sie mir, aber ich war da nicht kompromissbereit. Und am Ende haben wir uns geeinigt.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist Ihnen die Kontrolle über Ihr Werk?

Bush: Die ist mir das Wichtigste. Im Idealfall sollte eine Platte frei von Kompromissen sein. Ich akzeptiere als Kompromiss nur die eigenen Grenzen.

SPIEGEL ONLINE: In England erschien im vergangenen Jahr die sehr detaillierte Biographie "Under The Ivy", die von Ihnen nicht autorisiert wurde. Wie sehr stört Sie so etwas?

Bush: Ich habe generell ein Problem mit der zunehmenden Tendenz, jedes Kunstwerk und jeden Künstler bis ins kleinste Detail zu sezieren. Kann man Kunst nicht so nehmen, wie sie ist? Das irritiert mich schon bei DVDs: Fast jeder Film, den man kauft, enthält begleitende Kommentare des Regisseurs, Dokumentationen, in denen jeder Trick erläutert, jede Szene ausdebattiert, jede Kameraeinstellung erläutert wird. Ich finde das überflüssig und schaue es mir niemals an. Ich genieße die Illusionen. Ein Zauberer erläutert doch im Zirkus auch nicht, wie er die Taube aus dem Ärmel gezogen hat. Das macht die Magie kaputt, und um die geht es doch schließlich.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Internet, das Medium, wo alle Geheimnisse gelüftet werden, Ihr Feind?

Bush: Überhaupt nicht! Es ist ein tolles Werkzeug, um sich Informationen zu besorgen. Auch zur Kommunikation ist es sehr praktisch. Wie so vieles hat es Vor- und Nachteile. Ich liebe es als Nachschlagewerk.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie sich schon mal gegoogelt?

Bush: Garantiert nicht. Was für eine Vorstellung! Danke! Nein! Man muss wirklich nicht alles wissen!

SPIEGEL ONLINE: Sie haben viel Geld und Zeit in einen aufwendigen Video Clip zu Ihrer neuen Single "Deeper Understanding" investiert. Ist das nicht Geldverschwendung?

Bush: Ich weiß, was Sie meinen: Teure Videoclips sind dieser Tage ungefähr so sinnvoll wie aufwendige Alben. Ich leiste mir den Luxus gerne, aber ich hasse den Begriff "Video", weil er so abwertend und billig klingt. Die Kunstform bietet die Möglichkeit, anspruchsvolle Kurzfilme zu produzieren. Mein Song "Deeper Understanding" hat eine Geschichte, die sich anbot als Film. Ich liebe Filme und nutze die Gelegenheit, mit dem Medium zu spielen.

SPIEGEL ONLINE: Sind ausschweifende Kurzfilm-Clips wie der von John Landis zu Michael Jacksons "Thriller" Ihr Ideal?

Bush: So was hat mich sehr beeindruckt. Jackson war überhaupt ein Meister der Visualisierung von Musik. Ein gewaltiges Talent, was wohl vielen Leuten erst klar wird, seit er nicht mehr da ist.

SPIEGEL ONLINE: Trauern Sie dem Umstand nach, dass der visuelle Aspekt von Musik im digitalen Zeitalter immer unwichtiger wird?

Bush: Ich ignoriere ihn. Das digitale Zeitalter belegt übrigens auch, dass man mit wenig Geld sehr kreativ sein kann.

SPIEGEL ONLINE: Was liegt Ihnen mehr: Komödien oder Horrorfilme?

Bush: Ich liebe beides.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie gern mal einen großen Film drehen?

Bush: Theoretisch: Ja. Das ist als Kunstwerk eine große Herausforderung. Praktisch ist bei einem großen Film viel zu viel Geld im Spiel. In Hollywood zu arbeiten, muss oft schrecklich sein, wenn man sich für all das Geld, das man ausgibt, vor anderen Menschen rechtfertigen muss. Meine Platten kosten dagegen fast nichts. So arbeitet es sich viel entspannter.

SPIEGEL ONLINE: Werden Sie je im Supermarkt erkannt?

Bush: Nein, weil ich nur alle paar Jahre eine Platte mache, vergessen die Menschen immer wieder mein Gesicht. Und Einkaufen gehe ich sowieso nie.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange müssen wir auf Ihre nächste Platte warten?

Bush: Bis sie fertig ist. Aber ich arbeite gerade daran und komme gut voran. Aber ich habe auch, wie immer, viele andere Dinge zu tun.

Das Interview führte Christoph Dallach
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.