Pop-Held Ryan Adams "Ein guter Comic ist wie Rock'n'Roll"

Ryan Adams ist der Liebling aller Rock-Kritiker. Stephen King nennt ihn den besten amerikanischen Songwriter seit Neil Young. Mit SPIEGEL ONLINE sprach er über seine überwundene Drogensucht, Songschreiben als Stressfaktor und den Rock'n'Roll in Superhelden-Comics.


SPIEGEL ONLINE: Mr. Adams, wie um Himmels Willen haben Sie Stephen King persönlich dazu bewegen können, den Begleittext zu Ihrem neuen Album zu schreiben?

Sänger Adams: "Die meiste Zeit denke ich über den größten Mist nach"

Sänger Adams: "Die meiste Zeit denke ich über den größten Mist nach"

Adams: Jeder in der Musikbranche weiß, dass King ein großer Rockfan ist. Außerdem war er so nett, seinem letzten Roman eine Zeile aus meinem Song "When The Stars Go Blue" voranzustellen. Das war eine große Ehre für mich. Also dachte ich gleich an ihn, als es darum ging, eine Biographie für "Easy Tiger" zu verfassen. Ich liebe seine Bücher! Eines hat mich sogar mal zu einem Song über Werwölfe inspiriert.

SPIEGEL ONLINE: Auf der Platte, Stephen King nennt sie die beste, die Sie je gemacht haben, klingen Sie sehr aufgeräumt und erwachsen. Haben Sie sich von King auch eine gesündere Arbeitsweise abgeguckt?

Adams: Ich hole mir jetzt jeden Morgen eine Tasse Kaffee und setze mich für ein paar Stunden an meine alte Schreibmaschine, als wäre Songwriting eine ganz normale Arbeit wie jede andere. King macht das mit seinen Büchern auch so, glaube ich. Mir geht es immer darum, die Arbeit so effizient wie möglich zu gestalten. Deshalb sind die anstrengendsten Seiten des Rockstar-Daseins für mich wie Urlaub: Songs im Studio aufnehmen oder live auf Tour spielen ist für mich Freizeit. Aber die Songs zu schreiben? Das kommt mir manchmal wie ein Rund-um-die-Uhr-Job vor.

SPIEGEL ONLINE: In den letzten Jahren machte man sich oft Sorgen um Ihren Gesundheitszustand, Sie schienen sich in einem permanenten Alkohol- und Drogenrausch zu befinden, ließen Konzerte ausfallen, fielen von der Bühne und brachen sich das Handgelenk. Jetzt wirken Sie ganz nüchtern.

Adams: Es klingt vielleicht ein bisschen komisch, aber in Wahrheit hat dieser exzessive Lebensstil nie meine Arbeit behindert, im Gegenteil, die Arbeit stand immer im Vordergrund. Oft habe ich mich nur zugedröhnt, um noch Tage und Nächte durcharbeiten zu können. Die Motivation dahinter, es jetzt wieder auf die nüchterne und cleane Art zu versuchen, ist dieselbe wie damals: Ich will bessere Arbeit abliefern.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Einstellung zur Arbeitsethik in allen Ehren, aber sind es nicht meistens Frauen, die einen Mann dazu bringen, sein Leben von Grund auf zu ändern? Wie man hört, hat Ihre derzeitige Freundin dafür gesorgt, dass Sie einen Entzug machen.

Adams: Na gut, das könnte sein. Sie würde jetzt vermutlich sagen: "Niemand kann dir helfen, außer du selbst." Und natürlich war ich es letztlich, der sich dazu entschieden hat, mich selbst zu retten. Ich hatte mich auf eine große Erkundungsreise begeben und mehr über mich herausgefunden, als ich erwartet hatte. Und jetzt war es an der Zeit, aus dieser dunklen Höhle, in die ich mich vergraben hatte, wieder herauszukommen. Zum Glück war ich stark genug dafür.


SPIEGEL ONLINE: Auf "Easy Tiger" gibt es einen Song namens "Halloween Head", in dem Sie sich fragen, was mit Ihnen nicht stimmt. Ist das eine Reflexion dieser Abgründe?

Adams: Nein, eigentlich geht es in dem Lied um Horror-Filme, die ich früher immer in Matinee-Vorstellungen im Kino gesehen habe, richtig übles Zeug. Danach, wenn ich wieder nach Hause ging, verfiel ich oft in Tagträume und bildete mir ein, dass gleich das Alien oder Freddie Krueger um die Ecke unseres Apartment-Blocks biegen würde. Diese paranoide, ausgeflippte Stimmung meinte ich mit "Halloween Head".

SPIEGEL ONLINE: Schade, wir dachten, es sei tiefsinniger.

Adams: Ja, es glauben immer alle, dass ich so ein großer Denker bin. Aber ganz ehrlich? Die meiste Zeit denke ich über den größten Mist nach.

SPIEGEL ONLINE: Sie gelten als großer Comic-Fan. Wer sind Ihre Lieblings-Superhelden?

Adams: Ich mag Batman, vor allem Oracle, die Tochter von Commissioner Gordon, das ist ein ganz heißes Babe. Bei Marvel mochte ich die Defenders, weil sie so ein trauriger Haufen sind, die Loser-Truppe des Comic-Universums. Der Anführer ist ein Magier, ich meine: Hallo!? Und die X-Men schätze ich sehr, vor allem wegen der Düsternis und den guten Dialogen.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es eine Schnittmenge zwischen den amerikanischen Mythen, die Sie in Ihren Country- und Americana-Songs beschwören, und den gebrochenen Heldengeschichten der Comics?

Adams: Ganz sicher gibt es die. Das Schöne an Superhelden-Comics ist ja, dass es nur ganz selten wirklich um deren Superkräfte geht. Die wirklich guten Comic-Storys handeln von ihren menschlichen Schwächen. Und manchmal ist ein guter Comic wie Rock'n'Roll: Wenn sich der richtige Autor, der richtige Zeichner und Tuscher zusammenfinden, dann fängt so eine Comic-Serie richtig an zu schwingen. Wie eine Jam-Session.

SPIEGEL ONLINE: Wie darf man sich das vorstellen?

Adams: Na ja, nehmen wir an, Sie lesen eine "X-Men"-Geschichte, und Rogue und Scott fangen plötzlich mitten in einer Schlacht mit einem Superschurken an, über ihre Beziehung zu streiten, und trennen sich. Dann würde ich mal stark darauf schließen, dass der Autor der Story gerade eine Scheidung durchmacht. Und wenn dann plötzlich ein kaputter Typ wie Son of Satan auftaucht, ein Charakter, der da gar nicht hingehört - vielleicht lässt das Rückschlüsse darauf zu, dass der Zeichner ein Alkoholproblem hat. Für mich ist dieser Subtext immer sehr wichtig.

SPIEGEL ONLINE: Comic-Teams sind wie Rockgruppen - Sie selbst haben ja auch gerade eine neue Besetzung ihrer Band The Cardinals zusammengestellt. Schwingt's schon?

Adams: Aber klar. Wir haben da eine großartige Serie am Start: Ich habe den richtigen Plot, die richtigen Charaktere - alles ist gut!

Das Interview führte Andreas Borcholte


Ryan Adams: "Easy Tiger" ist bei Lost Highway/Universal erschienen



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