Pop-Newcomer Laing Das Rundum-stachellos-Paket

Mit "Morgens immer müde" landeten Laing einen der größten Hits der vergangenen Monate. Jetzt legen die vier Berlinerinnen "Paradies naiv" vor. Auf dem Album stellt sich das Quartett musikalisch überraschend breit auf - und kommt enttäuschend flach rüber. Wie wär's mit ein paar Widerhaken?

Universal Music

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Pop ist in weiblicher Hand. Das gilt nicht nur international - siehe Katy Perry, Rihanna und Lady Gaga -, sondern auch national - siehe MIA., Boy und eben Laing, der neuesten und zurzeit größten Pop-Hoffnung Deutschlands. Auf ihrem Debütalbum "Paradies naiv" besingen die vier jungen Berlinerinnen, bei welchem weltpolitischen Ereignis frau ihre Tage bekommen hat ("Die Nachrichten") und bedauern den Umstand, dass sie zwar weiß, welche Geräusche er im Bett macht, aber nicht, wie er seinen Kaffee nimmt ("Mit Zucker").

"Für mich sind das keine weiblichen Themen, sondern menschliche", sagt Nicola Rost. "Ich habe ja so was wie Liebeskummer oder unverbindlichen Sex nicht erfunden." Rost ist Leadsängerin, Songschreiberin und Produzentin von Laing. Aus dem anfänglichen Soloprojekt hat sie eine All-Girl-Band gemacht und drei Freundinnen rekrutiert - Atina Tabiei Razligh und Johanna Marshall für Gesang, Marisa Akeny für Tanz. Der Unisex-Anspruch der Texte gilt hier also nicht. "Mir ist es wichtig, dass ich mit drei anderen starken Frauen auf der Bühne stehe. So können wir mit Bildern von Weiblichkeit spielen und zeigen, dass wir uns auf keines festlegen lassen."

Keine weiblichen Themen in den Texten, aber bei den Auftritten; viele Weiblichkeitsbilder statt eines einzigen - bei Laing ist Ausdifferenziertheit Programm. Das lässt sich auch auf ihrem Debüt erhören. Wer nur den NDW-lastigen Hit "Morgens immer müde" kennt, mit dem sie beim Bundesvision Song Contest 2012 Platz zwei belegten, den wird die musikalische Bandbreite von "Paradies naiv" überraschen. Auf "Nacht für Nacht" stampfen die vier Richtung Eighties-Dancefloor, "Herr Amor" ist lupenreiner Schlager, wie man ihn schon lange nicht mehr gehört hat, "Wünsche" gefällt mit hübscher R'n'B-Schlagseite. Verbindendes Element der 13 Songs ist allein der mehrstimmige Gesang und die pointierte Produktion, die ihn mit aller Macht in den Mittelpunkt rückt.

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Pop-Hoffnung Laing: Vom Laufsteg in die Charts

"Ich habe keine Lust auf Imageschubladen", sagt Rost. "Ich wollte nicht, dass man mit einem Blick auf unsere Turnschuhe zu wissen glaubt, welcher Szene wir angehören." Die 27-Jährige hat früher vor allem HipHop gehört, dann mischten sich R'n'B und Pop dazwischen, mittlerweile läuft viel Jazz aus den Vierzigern und Fünfzigern bei ihr zu Hause. "Ausgerechnet NDW, die so viele mit Laing verbinden, habe ich kaum gehört. Den Sound habe ich selbst im Kopf zusammengebastelt."

Mit der Modenschau einer Freundin fing die Musikkarriere von Rost 2007 an. Die damalige Politikstudentin mit Berufsziel Journalismus hatte fünf Tracks mit Hilfe eines digitalen Musikprogramms aufgenommen. Einen davon wollte die Freundin während ihrer Schau verwenden. "Die Songs waren aber von der Tonqualität her so mies", erzählt Rost, "die wären gegenüber den sauber produzierten Liedern extrem abgefallen. Deshalb habe ich gesagt: Entweder nimmst du alle Songs - oder keinen." Die Freundin hat dann alle genommen, und ab da hörten die Anfragen von Freunden, ob Nicola nicht auch für ihre Projekte etwas Musik besteuern könne, nicht auf.

"Ein Ort der Unschuld"

Erst als die ersten Live-Auftritte anstanden, holte sich Rost Verstärkung. "Die Mehrstimmigkeit sollte nicht vom Band kommen, deshalb habe ich in meinem Freundeskreis herumgefragt, wer Lust hätte mitzumachen." In der jetzigen Viererkonstellation bezeichnet sich Rost als "künstlerischen Leiter". Zwischen unzähligen Promo-Terminen - wir treffen sie nach einem Interview in Halle und vor der "Wok-WM", bei der Laing am Wochenende aufgetreten sind - ist Rost noch unterwegs, um Show-Outfits einzukaufen. "Tanz, Klamotten, Text und Musik - das gehört für mich zusammen", sagt sie.

Und tatsächlich: Bei ihren Clips und Shows fügen sich die Elemente nahtlos zusammen. Die abgestimmten Kostüme, die koordinierten Bewegungen, der harmonische Gesang: Das wirkt frisch, ideenreich und konzentriert. Greift man jedoch ein einzelnes Element heraus - wie es jetzt durch das Album mit der Musik möglich ist -, fällt auf: Wer alle Ebenen gleichzeitig bedienen will, läuft Gefahr, keiner besondere Sorgfalt angedeihen lassen.

Visuell, musikalisch und textlich dominieren bei Laing die Versatzstücke und Klischees - siehe die Roboterbewegungen im Video zu "Maschinell" oder Zeilen wie "Ding Dong/Hörst du die Glocken läuten/Dein letztes Stündchen hat eben geschlagen". Das ist durchaus Absicht, das Album heißt nicht ohne Grund "Paradies naiv". "Ein Ort der Unschuld und der Neugier, ein Ausgangspunkt, von dem aus man Dinge unvoreingenommen entdecken kann", erklärt Rost den Titel.

Ein bisschen mehr Ausgefuchstheit und Versiertheit hätte man sich trotzdem gewünscht. Mehr textliche Widerhaken wie das unverblümt auftauchende "Ficken" in "Mit Zucker" oder musikalische Stolpersteine wie einen Tempowechsel oder ein Instrument, das die Dominanz des Gesangs unterbricht. Letztlich bleibt von Laing so der Eindruck eines marketingtechnisch ambitioniert geschnürten Gesamtpakets übrig, bei dem die Musik alles andere als die Hauptrolle spielt.

Womit wir wieder bei Katy Perry, Rihanna, Lady Gaga und der Erkenntnis wären, dass das auch für alle internationalen Groß-Pop-Acts gilt. So gesehen dürften Laing alle in sie gesetzten Hoffnungen erfüllen.



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