Pop-Hype Lana del Rey Für Liebeskummer viel zu abgeklärt

Eine Kunstfigur, die berührt: Bei ihrem ersten Konzert in Berlin zeigte die Sängerin Lana del Rey ihr riesiges Talent. Internethype und exaltiertes Styling muss man bei der New Yorkerin unbedingt als Teil ihrer Kunst sehen - dann funktionieren ihre großartigen Songs noch viel besser.

Nicole Nodland

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Dass unsere Begriffe von Vergangenheit kräftig durcheinander gewirbelt sind, zeigt sich spätestens am nächsten Morgen. "Es gibt ihn noch, den YouTube-Hype", sagt das Moderatorenduo des Berliner Jugendsenders, dann lachen die zwei Mittzwanziger wissend. Jaha, damals, vor vier Jahren!

Der YouTube-Hype, um den es geht, ist die New Yorker Sängerin Lana del Rey, deren Musikvideo "Video Games" sie innerhalb von drei Monaten vom selbstproduzierten no name zum strahlenden Pop-Sternchen mit Plattenvertrag und rappelvollen Club-Konzerten gemacht hat.

Aber YouTube-Hypes scheinen tatsächlich nicht mehr das zu sein, was sie mal waren, denn als Lana del Rey alias Elizabeth Grant am Montagabend auf die Bühne des restlos ausverkauften Roten Salons in der Berliner Volksbühne steigt, schaut ihr keine jugendliche Trendjägerschar entgegen, sondern ein reifes Publikum mit diversen Paaren um die 40. Bevor man sich aber mehr Gedanken dazu machen kann, ob das was mit den Retro-Anleihen in ihrer Musik und ihrem Styling zu tun hat, fängt del Rey an zu singen, und alle Überlegungen zu Stilkritik und Selbstinszenierung müssen für knapp 40 Minunten hinten anstehen, denn der Auftritt ist eine Sensation.

"China Doll", Porzellanpuppe, heißt der erste Song, und er enthält schon alle Spannungen, die die Kunstfigur Lana del Rey und ihre Musik auszeichnen. Mit klarer, durchdringender Stimme singt sie zugleich eine Ballade von Zerbrechlichkeit: "I can be your china doll/ If you wanna see me fall (...) I am nothing without you". Innerhalb weniger Takte nimmt sie damit das gesamte Publikum für sich ein. Steht das nun im Widerspruch zum Gesungenen oder gerade nicht? Kann man tatsächlich selbstbewusst von Abhängigkeit singen? Glücklicherweise bleiben diese Fragen unbeantwortet im Raum stehen und verleihen einem ohnehin sehr dichten Abend noch mehr Facetten.

Soll doch Adele von Liebeskummer schmettern

Acht Songs spielt del Rey mit ihrer Band insgesamt, der Großteil gediegen langsame Lieder, nur zum Schluss legt sie eine Rap-artige Passage ein. "Ich wollte euch den ersten Teil meiner Platte vorspielen", sagt sie, obwohl diese Platte noch nicht fertig ist, sie soll Anfang 2012 erscheinen. Den knappen Set kann man als künstliche Verknappung verstehen, auch wenn es eigentlich mehr überraschen müsste, wenn eine so frische Neuentdeckung schon ein komplettes Album parat hätte. Andererseits sind die Orte für del Reys erste Deutschlandauftritte so klein und exklusiv, dass auch die vielen Menschen, die vor den Clubs stehen und nach Karten fragen, wie sorgfältig arrangiert wirken.

Nicht alles sofort geben, die Befriedigung immer noch einem Moment länger hinauszögern - das Prinzip findet sich auch in del Reys Gesang wieder. In den tiefen Lagen erreicht der eine schneidende Abgeklärtheit, bei der man auf keine emotionalen Ausbrüche mehr zu hoffen wagt. Wenn diese dann doch kommen, wie etwa in ihrem Hit "Video Games" bei der Zeile "Heaven is a place on earth with you", überwältigen sie einen immer wieder aufs Neue. Die koketten Höhen, in die del Rey ihre Stimme dann jagt, lässt sie als größere Kraftanstrengung klingen, als sie rein körperlich in Wahrheit sind. Als wäre sie der eigenen Leidenschaft schon überdrüssig und müsste sich selbst überreden, noch einmal etwas für jemanden zu empfinden.

Bei aller emotionalen Aufgeladenheit und Spannung sorgt die New Yorkerin so dafür, dass ihre Songs nicht zu gesättigtem Emo-Pop verkommen. Soll doch Adele von Liebeskummer schmettern - Lana del Rey hat schon so viel durchgemacht, dass sie sich lieber um ihre Nägel kümmert als sich in eine weitere aussichtslose Affäre zu stürzen. Gefallener Hollywood-Star, Gangster-Braut, Nancy Sinatra: das sind die Rollen, die sich die 25-jährige Elizabeth Grant für ihr Bühnen-Alter-Ego zurechtgelegt hat. Dass sie sich dafür opulente Locken dreht, falsche Wimpern trägt und sich die Lippen hat aufspritzen lassen, hat bereits online wahlweise für Empörung oder Spott gesorgt.

Die Offensichtlichkeit, mit der sich Grant zu Lana del Rey herausgeputzt hat, raut aber die Oberfläche auf, statt sie zu glätten. Leicht konsumierbar ist diese Figur nicht, dafür verlangt sie viel zu viel Aufmerksamkeit - und sei es auch nur durch die sich leicht aufstülpenden Lippen und nicht durch die beeindruckenden Songs. Im besten Fall, wie eben auf dem Berliner Konzert, kommt beides zur Deckung, Inhalt und Optik. Dann macht Lana del Rey unbändige Lust auf ihre neuen Videos und ihr Album - oder genauer gesagt: auf eine große Karriere, die gerade erst begonnen zu haben scheint.

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insgesamt 2 Beiträge
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Seite 1
NorQue, 15.11.2011
1. del Ray...
---Zitat--- Den knappen Set kann man als künstliche Verknappung verstehen, auch wenn es eigentlich mehr überraschen müsste, wenn eine so frische Neuentdeckung schon ein komplettes Album parat hätte. ---Zitatende--- Lana del Rey hat als Lana del R*a*y schon ein komplettes Album mit dem Titel "Lana Del Ray a.k.a. Lizzy Grant" veröffentlicht. Laut Wikipedia EN wurde es zwar "zurückgezogen", heutzutage bedeutet das aber garnichts mehr.
backpfeife 18.11.2011
2. kein einfacher "Pop-Hype"
Vielen Dank SPON-Redaktion, dass sie einer so begabten, wenngleich polarisierenden Persönlichkeit die Aufmerksamkeit schenken, die sie verdient! Ich bin vor wenigen Monaten nur durch Zufall auf ihre Videos gestoßen und war bereits nach kurzem durchstöbern ihrer Songs begeistert. Sie schafft es, trotz allem (bewussten!) Kitsch und Trash und scheinbarer Oberflächlichkeit ihrer Person (Lippen-OP!) den Hörer zu berühren. Der Hype ist bewusstes Stilmittel und verfehlt nicht seine Wirkung. Lana del Rey beschreit bzw. besingt in unvergleichlicher melancholischer und zerbrechlicher Art, den man ihr wirklich abnimmt, den Abgesang der Schein -und Glitzerwelt Hollywoods. Sie degradiert sich selbst zu einem Produkt diesr Scheinwelt, der sie selbst angehört, um sie letzlich zu korrumpieren. Sie wirkt, obwohl so beabsichtigt nie wirklich oberflächlich oder platt - sie verkörpert ihre selbst auferlegte Rolle authentisch mit eben jenem Kitsch, den es braucht. Hinter der Rolle steckt nämlich mehr: Eine ehrliche und unvergleichlich begabte Künstlerin, die bewusst mit den erwartungen der Umwelt spielt. Das verzerrte Spiegelbild Hollywoods! Sie produziert einfach großartige Musik, die auch nach mehrfachen Hören nicht an Power verliert! Das ist ein Lob, das man der oberflächlichen Pop-Musik unserer Zeit wahrlich nicht oft abgewinnt. Hoffentlich werden wir noch viel von ihr sehen und natürlich hören. Verdient hat sie es. Trotz oder gerade wegen ihren polarisierenden Perönlichkeit.
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