Pop! Kaffee mit langer Zunge

Die geschäftstüchtigen Veteranen von Kiss globalisieren ihre Coffeeshop-Kette "Kiss CoffeeHouse". Phil Spector will vom Gefängnis aus mit einem Album weiterverdienen, und die Brit-Pop-Band Elbow lehnt Häppchen-Pop ab.

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Kurzgeschichten oder Romane?

Angeblich sind Alben mausetot. Diese alte, romantische und analoge Idee von Songs in bestimmter Reihenfolge, mit Dramaturgie, Anfang und Ende als künstlerischem Statement schien ausradiert zu sein vom digitalen Zeitalter, ersetzt durch eine Kultur beliebig zusammengewürfelter "Tracks". Was nüchtern und praktisch betrachtet ja auch Sinn ergibt, denn warum sollte man für Lieder zahlen, die einen nicht interessieren? Online-Händler wie iTunes lösen das Problem, weil jeder aus den Alben die besten Teile herauspicken kann.

Aber einige Künstler spielen da nicht mit. So unterschiedliche Altmeister wie AC/DC oder Kate Bush verboten von Anfang an, ihre Werke online zu zerstückeln. Erst neulich gewannen die Veteranen von Pink Floyd einen Aufsehen erregenden Prozess gegen ihre Plattenfirma EMI, der dem Laden nun untersagt, Klassiker wie "Dark Side of The Moon" oder "The Wall" häppchenweise zu offerieren.

Nun setzt der Nachwuchs nach: Guy Garvey, Sänger und Songwriter der ambitionierten und gefeierten Brit-Popper namens Elbow, pocht vehement auf sein Recht, Alben digital nur komplett anzubieten: "Wenn man seine Platten nur als zusammengewürfelte Liedsammlung betrachtet, so wie ein Buch mit Kurzgeschichten, kann man sie auch aufteilen und in Einzelteilen verkaufen. Wenn man seine Platten aber zusammenhängend wie einen in Kapitel aufgeteilten Roman begreift, sollten sie auch nur vollständig als Album zu haben sein. Natürlich sind Alben nicht die einzige Art, wie man Musik hören kann. Aber Musiker sollten die Wahl haben, wie ihre Arbeiten angeboten werden."

Abgestürzt

Zu den Ritualen des Rock'n'Roll gehört das Stage Diving, ein Radau-Konzert-Sport, der darin besteht, sich vom Bühnenrand ins Publikum zu stürzen, verbunden mit der Erwartung, aufgefangen zu werden. Das ist bei Fans beliebt und auch bei wagemutigen Künstlern, setzt aber selbstverständlich eine körperliche Robustheit voraus, die im Allgemeinen der Jugend vorbehalten ist. Menschen jenseits des 60. Lebensjahres beobachtet man eher selten beim Stage diving. Iggy Pop war immer ein Künstler der besonderen Art, einer der sich einst auf Bühnen entblößt in Glasscherben wälzte und gern mal mit dem Publikum prügelte. Nun ist dieser Nahkämpfer des Rock'n'Roll auch schon 62 Jahre alt, was ihn bislang nicht vom Stagediven abhielt. Aber nun ist Schluss damit, Iggy Pop zieht die Bremse. Die Einsicht kam ihm kürzlich in der altehrwürdigen New Yorker Carnegie Hall. Da war er während eines Konzertes wieder ins Publikum gehechtet, aber irritierte Fans vergaßen, den alten wilden Kerl aufzufangen: "Als ich aufschlug, schmerzte es höllisch, und ich dachte mir, dass die Carnegie Hall ein angemessener Ort wäre, um mit diesem Quatsch aufzuhören", sagt Iggy Pop. Aufs Altenteil will er sich aber noch lange nicht zurückziehen. Im Sommer rockt er weiter mit The Stooges.

Jailhouse Pop

Der amerikanische Großproduzent und Turboexzentriker Phil Spector ("Baby I Love You", "You've Lost That Loving Feeling") mag wegen Mordes eingekerkert sein, aber von einem Comeback hält ihn das noch lang nicht ab. Am 8. Juni soll ein Album seiner trällernden Gattin Rachelle Short veröffentlicht werden, das Maestro Spector noch kurz vor Haftantritt fertigstellte. "Mein Mann ist so stolz auf mich", verkündete das Ex-"Playboy"-Modell, was den zu einer langen Haftstrafe verurteilten Musiker kaum trösten dürfte.

Rock-To-Go

In der Hitliste der geschäftstüchtigsten Rocker belegen Kiss wohl unangefochten die Pole-Position. Es gibt einen Kiss-Football, Kiss-Billiard-Queues, Kiss-Kondome, Kiss-Wein und Kiss-Särge. Und seit die halbe Welt überteuerten Kaffee "to go" schlürft, ist es eigentlich ein Wunder, dass es so lange dauerte mit den Kiss-Coffee-Shops. Gut, im Sommer 2006 öffnete in Myrtle Beach, South Carolina, das erste "Kiss CoffeeHouse", das selbstredend eine Goldgrube ist. Nun sollen ihre "rockaccinos" die Starbucks-Welt erobern. Den Anfang macht Australien, wo Ende des Jahres in Melbourne ein "Kiss CoffeeHouse" aufmacht.

Solvente Interessenten können noch Anteile erwerben. Für 250.000 australische Dollar wird man Teilhaber des Rockcafé-Imperiums sowie Mitglied der Kiss-Army, bekommt signierten Schnickschnack und darf den Kiss-Chefs Gene Simmons und Paul Stanley die Hand schütteln.

Online Kick

Für seinen Online-Record-Club spielte Beck mit einer abenteuerlustigen Gang hipper Kollegen von Wilco bis Feist bereits ganze Alben von Leonard Cohen, Velvet Underground und Skip Spence nach. Nun macht sich der gewitzte Scientologe über den halbvergessenen INXS-Bestseller "Kick" von 1987 her. Zur Hand gehen ihm diesmal unter anderem Os Mutantes, St. Vincent und Liars. Ein Filmchen aus dem Studio lässt Tolles erwarten.

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insgesamt 3 Beiträge
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Anna Ampel 02.04.2010
1. Keine Dramaturgie?
"Wenn man seine Platten nur als zusammengewürfelte Liedsammlung betrachtet, so wie ein Buch mit Kurzgeschichten, ..." meint Guy Garvey, Sänger und Songwriter von Elbow. Aber ein ganz klein wenig hinkt dieser Vergleich schon, denn auch Bücher oder "Sammlungen" von Kurzgeschichten folgen einer gewissen Dramaturgie und sind - meist - nicht nur "zusammengewürfelt".
traveldude 02.04.2010
2. Korrektur
Die Songs aller genanten Alben sind einzeln bei itunes kaufbar. Somit sind die ersten drei Absätze des Artikels unsinnig. Der Rest ist aber ganz interessant.
LJA 03.04.2010
3. Coffeeshop Kette ?
Bisher gibt es doch wohl nur eine einzige Filiale davon und zwar die in Florida. Das in Australien wäre dann die zweite. Na gut, wenn das eine Kette sein soll, dann ist sie noch sehr kurz.
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