Pop-Kauz Adam Green "Ich bin ein Gedanken-Kubist"

Mit seinem vierten Album "Jacket Full of Danger" will der New Yorker Sänger Adam Green erneut die deutschen Charts erobern. Im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE erklärt er, warum er gerade hierzulande so erfolgreich ist - und schwärmt vom Hamburger Kiez.


SPIEGEL ONLINE:

Wie man hört, drücken Sie sich öfters auf dem Hamburger Kiez herum. Vor allem der Burger King soll es Ihnen dort angetan haben.

Green: Absolut richtig. Der Platz hat für mich etwas Magisches, denn hier kannst du den Huren bei ihrer Arbeit zusehen und gleichzeitig Burger essen. Die Szenerie erinnert mich an die Geschäftigkeit des Times Square in New York. Dort sind während meines nächtlichen Videodrehs betrunkene Prostituierte durchs Bild gelaufen. So etwas inspiriert mich dann zu Songs wie "Chubby Princess", der übrigens nach einem Besuch auf der Reeperbahn entstanden ist.

Sänger Green: "Dann wird alles flauschig"
DDP

Sänger Green: "Dann wird alles flauschig"

SPIEGEL ONLINE: Little Richard lobte Ihren neuen Song "Novotel". Wo haben Sie ihn kennen gelernt?

Green: Ich traf ihn im Fahrstuhl auf dem Weg ins Studio. Nichts Besonders. Er ging mit, hörte sich drei Songs an, lobte "Novotel" und verschwand. Ursprünglich war der Song geplant für eine Boygroup, die meine Plattenfirma mit mir ins Leben rufen wollte. Das hat sich dann aber irgendwie zerschlagen.

SPIEGEL ONLINE: Der perfekte Popsong - wie müsste der klingen?

Green: Die Balance zwischen Musik und Text ist sehr wichtig. Ein Song sollte nicht länger als drei Minuten sein und nach dem 100. Mal die anfängliche Frische behalten. Um die Aufmerksamkeit des Zuhörers zu gewinnen, muss die Musik gefällig sein, während der Text eine Tiefe besitzt und mitten ins Herz trifft. Ich möchte mit jedem Album noch tiefer ins Herz eindringen.

SPIEGEL ONLINE: Jahrelang trafen Sie vielleicht ins Herz, aber nicht den Geschmack der Masse. Wie lange hätten Sie als erfolgloser Indie-Musiker noch durchgehalten?

Green: Ich besitze keinen besonders hohen Bildungsgrad. Wäre ich mit meiner Musik nicht erfolgreich, so stünde ich jetzt hinter dem Tresen bei Pizza Hut. Insofern ist das Musikmachen ein ständiger Kampf gegen den sozialen Abstieg. Es freut mich natürlich, dass ich jetzt nicht mehr wie eine Amöbe leben muss, sondern auch mal guten Rotwein saufen kann. Und endlich müssen meine Eltern mich nicht mehr finanziell unterstützen.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland sind Sie erfolgreicher als irgendwo sonst auf der Welt. Kann es sein, dass Sie hier nur deshalb Erfolg haben, weil keiner Ihre kruden Texte versteht?

Green:
Manchmal verstehe ich meine Texte selbst nicht. Ich bin immerhin ein Gedanken-Kubist, bei mir gibt es eine permanente Eruption von Ideen, die ich für mich selbst zusammenbastle. Ob das andere verstehen, die sich außerhalb meines Mikrokosmos befinden, ist mir egal. Der Erfolg in Deutschland könnte damit zusammenhängen, dass meine Musik an Kurt Weill erinnert und dass meine Großmutter die Verlobte von Franz Kafka war. Vielleicht stehen die Deutschen auch nur auf meine leicht infantilen Melodien.

SPIEGEL ONLINE: Ist das amerikanische Publikum also erwachsener? In den USA hört Sie kaum jemand.

Green: Es ist doch klar, dass ich mit meinen expliziten Songs daheim kein Bein auf den Boden bekomme. Ich spiele uramerikanische Unterhaltungsmusik und demontiere sie zugleich, indem ich kein Tabu von Suizid bis zur Selbstbefriedigung auslasse. Auf MTV laufen spezielle Videos mit neuen Textzeilen, damit ich überhaupt gesendet werden kann. Vor allen Dingen habe ich aber eine panische Angst davor, Langeweile zu erzeugen. Ich will lebendige Texte schreiben, mit denen ich mich wohlfühle. Wenn die nur in Deutschland auf offene Ohren treffen, dann ist das in Ordnung.
SPIEGEL ONLINE:
Lebendig - ist das ein anderes Wort für drogenumwölkt? So klingen Ihre Texte nämlich manchmal.

Green:
Mit Drogen ist es wie mit Pornographie - entweder du magst sie oder nicht. Ich mag manchmal psychedelische Drogen: LSD oder Magic Mushrooms etwa. Das heißt aber nicht, dass ich LSD brauche, um Songs zu schreiben. Drogen wirken für mich wie ein Reset-Schalter: Ich fange in dem Moment wieder ganz von vorn an, alles scheint ausgelöscht zu sein. Zuerst ist man aufgeregt, ein wenig ängstlich, dann wird plötzlich alles flauschig. Die Selbstsicherheit ist unglaublich. In New Mexiko bin ich eine 20 Meter hohe Leiter auf Mushrooms hinaufgestiegen - das würde ich sonst nie tun. Das gleiche gilt für das Schreiben von Songs.

SPIEGEL ONLINE: In New York können Sie noch viel höher hinaus. Was bedeutet Ihnen die Stadt?

Green: Ein Leben in einer anderen Stadt wäre für mich unvorstellbar. Da fühle ich wie Woody Allen, unter dessen Regie ich gerne mein eigenes Leben verfilmen würde. Das hat alles, was den Zuschauer berühren würde: Tragik, Humor, Dadaismus, Irrsinn. Und dazu Nick Nolte. Den liebe ich, der ist wie Chili in einem mexikanischen Eintopf. In der Rolle des alkoholkranken Onkels wäre er gut.

SPIEGEL ONLINE: Ein Frauenmagazin kürte Sie kürzlich zum König der "Whimpsters", der Weicheier - angeblich eine Gattung, die hilflos wirkt und Muttergefühle auslöst. Kompliment? Oder eher eine Beleidigung?

Green: Ich gehe nicht zur Maniküre, hasse Parfüm, meine Haare sind schmierig, und manchmal rieche ich nach alten Burritos. Natürlichkeit ist meine Maxime. Wenn Mütter das toll finden, dann habe ich Angst um unsere guten amerikanischen Kinder.

Das Interview führte Thomas Soltau



© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.