Pop-Kauz Ben Lee Guter Geist

Ben Lee ist zum Top-10-Erfolg berufen - das jedenfalls weissagt sein Guru. Der gefeierte Indie-Songwriter hat vor fünf Jahren seine spirituelle Seite entdeckt und bringt nun ein bezauberndes Pop-Album heraus. Jan Wigger traf Lee in L.A. - und bekam indisches Weihwasser zu trinken.

Los Angeles, Stadt der Engel, Stadt der Hunde, Stadt der großen Trauer. Wer hierher kommt, versucht, die eigene Leere zu füllen oder sie zumindest vorübergehend zu betäuben. Joss Whedons "Buffy"-Spin-Off "Angel" spielt hier und hat uns alles über Einsamkeit erzählt, hat uns gleich zu Beginn die desillusionierten Existenzen in der Singles-Bar "D'Oblique" gezeigt, später die entmutigend trostlosen Straßen in der Nacht und am Ende die große Liebe, die man immer verlieren muss.

Los Angeles ist der unwahrscheinlichste Platz, um glücklich zu werden. Und doch hat der australische Songschreiber Ben Lee New York den Rücken gekehrt und hier ein sepiafarbenes, zweistöckiges, sehr europäisch aussehendes Haus gekauft. Lee möchte bleiben, denn glücklich ist er schon. Mehrere Jahre war er mit der Schauspielerin Claire Danes zusammen, in die wir alle verliebt waren, als die 19 Folgen von "Willkommen im Leben" Mitte der Neunziger auf RTL liefen. Mehrfach-Platin in Australien hat ihm sein letztes Album "Awake Is The New Sleep" eingebracht. Seit rund sieben Jahren verfolgen ihn die Kameras des Filmemachers Amiel Courtin-Wilson zwecks einer Dokumentation über sein Leben.

Zu seinen Freunden kann der 29-Jährige, nach wie vor absurd jungenhaft wirkende Musiker unter anderem Winona Ryder, Michelle Williams, Ben Folds, Evan Dando, Liz Phair, Thurston Moore und vielleicht ja auch den Dalai Lama zählen, für den er kürzlich mit einem Konzert eine Kundgebung auf dem fünften Kontinent eröffnen durfte (auch wenn der Dalai Lama seine Rede zeitlich vor dem Auftritt hielt und daher genau genommen Lees Support-Act war).

Ohne Gitarre zum Guru

Noch was? Ben Lee hat eine neue Freundin gefunden, die älter ist als er, veröffentlicht in diesen Tagen sein sechstes Album "Ripe", besitzt einen riesenhaften Hi-Definition-Fernseher, reicht zum Interview in einer Karaffe konserviertes, indisches Weihwasser, das man aus der eigenen Hand trinken muss und schenkt uns ein Buch seines Gurus Narayani Amma. Was ist passiert? "Es war für mich die größte Sache überhaupt, meinen spirituellen Lehrer getroffen zu haben. Das ist nun fünf Jahre her und mein Leben war damals im Wandel begriffen: Mein Vater starb, das Beastie-Boys-Label Grand Royal, auf dem ich schon als 15-Jähriger mit meiner alten Band Noise Addict war, brach zusammen, mein Album 'Hey You, Yes You' ging völlig unter. Es war wie bergauf im Treibsand Rad zu fahren."

Dann erzählte ihm sein Qui-Gong-Lehrer zufällig von seinem Guru und dass ihn jeder Mensch, der Rat sucht, einfach in Indien besuchen und befragen könne. Als Lee dann zum ersten Mal nach Indien fuhr, nahm er nicht einmal seine Gitarre mit: "Ich versuchte ja, vor der Musik wegzulaufen. Und das erste, was Amma mich fragte, war: 'Ben, wo ist deine Gitarre? Deine Bestimmung ist es, Musik zu machen'. Später sagte er zu mir: 'Der Zweck des menschlichen Lebens ist, zu dienen und der Welt etwas hinzuzufügen. Was hast du der Welt zu geben, Ben?' Da begann ich zu weinen, doch Amma lachte und fuhr fort: 'Dir stehen große Dinge bevor, aber du musst geduldig sein. Warst du schon mal in den Top 10, Ben?' Ich verneinte und Amma sagte: 'Ben wird die Botschaft von der bedingungslosen Liebe durch seine Musik verbreiten und Amma wird ihn segnen, so dass er in die Top 10 einsteigt.'" "Awake Is The New Sleep", sein letztes Album, debütierte auf Platz drei der australischen Charts.

"Think Big!"

Ben Lee räkelt sich auf seinem Sofa, das dasselbe Muster hat wie die Wandtapete auf der Beerdigung in dem Film "Garden State", und betont lachend, dass er nun weder Hinduist, noch Buddhist, noch Anhänger irgendeiner anderen, gar mit Zwängen und Dogmen arbeitenden Religion oder Sekte geworden sei, sondern einfach nur ein Verehrer ("devotee") der dem Hinduismus zumindest nahestehenden Lehre seines erst 31 Jahre alten Gurus. Er spricht von Waisenhäusern, Schulen und Krankenhäusern, die Narayani Amma mit Spendengeldern in Indien bauen ließ und davon, dass dies die bisher größte Beziehung seines Lebens sei.

Es könne aber auch sein, konstatiert er auf Nachfrage, dass er in zehn oder 15 Jahren gar nicht mehr an die neu gewonnenen Einsichten glaube: "Vor fünf Jahren war seine Anhängerschaft noch recht klein, nun ist sie über die Jahre gewachsen. Bei einer Tempeleinweihung, anlässlich der ich Amma im August besuchte, kamen schon am ersten Tag 30.000 Menschen. Ich muss über all das nicht reden, aber wenn ich gefragt werde, tue ich das gerne, denn ich liebe Amma. Die Leute sollen nicht denken, dass ich plötzlich ein Mönch oder Bergprediger geworden bin – deshalb geht es auf meiner neuen Platte auch um Dinge wie Sex. Sich neue Möglichkeiten eröffnen und alles in seine Arbeit einfließen zu lassen, das habe ich mir zum Ziel gesetzt. Think big!"

Ben Lee führt uns in die zweite Etage, in der er rechts neben seinem Bett einen kleinen Altar mit vier oder fünf Bildern von Narayani Amma, einer goldenen Urne mit verbrannter Asche, ein paar kleinen Götterfiguren und silbernen, von Amma gesegneten, Miniatur-Padukas aufgebaut hat. Davor liegen drei zerknautschte Kissen: Ben Lee steht jeden Morgen um 6 Uhr auf, weil er das Sonnenlicht liebt, betet und meditiert vor dem Altar aber ganz zwanglos, wann immer er Lust hat. Er will Gutes tun, sich mit anderen Menschen umgeben, statt sich zu isolieren.

Um das an dieser Stelle nicht ganz zu vergessen: Auf "Ripe" gibt es keinerlei Indie-oder Lo-Fi-Reminiszenzen mehr - Songs wie "What Would Jay-Z Do?" und "Sex Without Love" könnten von Mainstream-Hörern ebenso geliebt wie von Fans des "alten" Ben Lee der Neunziger gehasst werden. Ben Lee sagt dazu das, was alle anderen auch immer sagen: "Als ich damals in mein kleines Aufnahmegerät brüllte, hörte sich das für mich schon immer nach Guns'N'Roses an, es war immer schon Mainstream-Rock. Es klang nur nach Lo-Fi, weil mir das Geld für eine gute Produktion fehlte. Ich erinnere mich, wie ich im Auto meiner Eltern auf dem Rücksitz saß und die Pet Shop Boys hörte. Und ein ähnliches Gefühl möchte ich auch mit meiner Musik vermitteln."

In seinem Blog bittet Ben Lee jene Fans, die sich "Ripe" partout downloaden und nicht kaufen wollen, die gesparten zehn Dollar doch wenigstens für wohltätige Zwecke zu spenden. Die Idee ist gut, doch die Welt nicht mehr bereit.

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