"Pop-Kultur"-Festival in Berlin "Gebt mir Geld, gebt mir Räume"

Das üppig vom Berliner Senat geförderte "Pop-Kultur"-Festival schafft Raum für tolle Musik und Künstlerdiversität, den der Markt in dieser Dichte nicht bietet. Der Preis dafür? Die Sprache der Regierenden.

Roland Owsnitzki/ Votos

Die Berliner Folklore der schnodderig geführten Klage über zu wenig Mittel ist vom Aussterben bedroht. Jedenfalls in der Kultur. Es fließt mehr als doppelt so viel öffentliches Kulturgeld durch die Stadt als noch in den Neunzigerjahren. Statt um Förderung per se geht es heute um Fragen der Umverteilung. Also darum, wer welches Stück vom Kuchen kriegt. Das zeigte die Eröffnung der fünften Ausgabe des vom Berliner Senat, vom Bund und von Europa üppig ausgestatteten Festivals "Pop-Kultur" (Fördersumme rund 1,2 Millionen Euro).

Herrlich, wie die junge Soundkünstlerin und Autorin Leyla Yenirce nach den offiziellen Reden von Kultursenator Klaus Lederer und Martin Eifler, dem Musikreferatsleiter von Kulturstaatsministerin Grütters, einen aktivistischen Auftritt hinschmetterte. "Gebt mir Geld, gebt mir Räume, ich kann die Welt verändern." Das war also geklärt. Allerdings: Yenirce kommt aus Hamburg, nicht aus Berlin.

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Berliner Festival "Pop-Kultur": Räume für Popträume

Ihre forsche Forderung fügte sich dennoch nahtlos in die Rhetorik der Berliner Kulturmächtigen ein. Auch den Politikern dient die Musik nämlich dazu, etwas zu verändern: "Haltung zu beziehen", "Gendergerechtigkeit herzustellen", "Inklusion" vorzuleben und "Aufklärungsarbeit zu leisten". Auf den All-Gender-Toiletten hat sich das Publikum danach allerdings wieder binär verteilt, der Geschlechterknast bleibt also vorerst bestehen. Immerhin: Die auf dem Festival verteilten Awareness-Teams in rosa Warnwesten - kleine Truppen, denen Diskriminierungen zu melden sind - sahen etwas unterbeschäftigt aus. Zum Glück.

Aber auch das ist Pop: Die Welt so zu sehen, wie man sie sich wünscht (Idealismus), und weniger so, wie sie sich unmittelbar darstellt (Materialismus). Die fünfte "Pop-Kultur"-Ausgabe ist zudem mit "Space" übertitelt. In der afroamerikanischen Popgeschichte ist space der Weltraum und bezeichnet einen utopischen Ort nach der Diskriminierung. Wobei man sagen muss, dass afroamerikanische Musik untervertreten ist in diesem ansonsten diversen und auch risikoreichen Festivalprogramm, das private Träger so noch nicht hinkriegen.

Die Idee klang super

In der Kunst ist Idealismus nicht falsch, auch wenn er Risiken birgt, wie bei der Auftragsarbeit "Der Ring. Eine Pop-Oper nach Richard Wagner", die der Berliner Musiker Jens Friebe mit 21 Downbeat ausgeführt hat, der Band des inklusiven Theaters Ramba Zamba, das auf dem Gelände der Kulturbrauerei beheimatet ist, wo das Festival noch bis in die Morgenstunden des Samstags stattfindet. Die Idee klang super: Wagner, heilige Hochkultur, mit Behinderten und Popmusik! Das Handlungsgerüst des "Ring" rollte lustig wie bei "Star Wars" über die Leinwand, dazwischen gab es flotte Elektropopnummern und gute Laune im Publikum. Was das a) mit Wagner oder b) mit den Menschen mit Down-Syndrom zu tun hat, verrauchte dann aber im Feuer Walhalls.

Bei 100 Konzerten verlieren alle den Überblick, das eröffnet die Möglichkeit für Unverhofftes. Zum Beispiel für eine Band wie Station 17, die seit 20 Jahren in wechselnder Besetzung spielt - schon wieder inklusiv, schon wieder aus Hamburg. Für eine Überraschung hält die niemand mehr. Aber dann das: Sie drehen auf, die Musik pumpt House Music, und Marc Huntenburg, ein Sänger und Saxofonist mit Down-Syndrom, singt mit viel Autotune und Ausdauer dazu. Der Saal flippt aus. Zwischen Bühne und Saal stehen hier keine Ideen. Huntenburg schreitet in die Menge. Das ist der Sieg des Materialismus im ereignishaften Moment: unfassbar gute Musik, abgehen, Ja sagen!

Das sind ja alles Männer!

Klar, es gibt auch die sicheren Nummern. Die Goldenen Zitronen - schon wieder Hamburg! - packen den größten Saal des Geländes locker voll. Bei einer so guten Geschlechterquote wie bei "Pop-Kultur" fällt plötzlich auf, was 30 Jahre lang nie so richtig aufgefallen ist: Das sind ja alles Männer! Dagegen wäre keine Zeile wert, dass mit der etablierten Indie-Musikerin Anna Calvi eine Frau den Gitarrengott gibt, wenn sie nicht dieses tradierte Rock-Modell so überzeugend überholen würde und mit Kunstgesang kontert. Auch die Berliner Kunstsängerin Lisa Morgenstern und die Bulgarian Voices ziehen viele Leute mit warmer Elektronik und noch wärmerem Gesang an, was aber weniger das Bild einer Schwitzhütte, als das einer Kuschelpop-CD im Drogeriemarkt aufruft.

Viele Fährten dieses Festivals führen aber weit über den Erfolgsfaktor hinaus - und offenbaren die kuratorische Hand der Leitung (Musicboard-Chefin Katja Lucker, Christian Morin, Martin Hossbach). Vielleicht führen sie alle in die gleiche Richtung, zum 30. Jahrestag von 1989. Damals gab es eine friedliche Revolution in Deutschland und der Siegeszug von Techno begann. Damit kriegt das Festivalmotto "Space" eine andere, hyperkonkrete Bedeutung. Im Festivalkino lief die exzellente Dokumentation "Everybody in the Place" des britischen Künstlers Jeremy Deller, der Techno und speziell Acid House auch als Widerstand gegen die Wirtschafts- und Wohnraumpolitik der Regierung versteht. Techno war auch für Berlin ein Motor, doch in der Hauptstadt wird der Raum dafür sehr knapp.

Tage der Neugier und des Willkommenseins

Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Die Linke) lief in einer Diskussionsrunde zu großer linkscharismatischer Form auf, als er die "Rettung" des Berliner Rockhauses, das mehr als 250 Bands Proberäume bietet, als einen "Zufall" bezeichnete. Die Stadt bezahlt dem Besitzer viel Geld, damit dieser hohe Mieten von den Bands verlangen kann. Lederer machte klar, dass der Politik bei Gewerbeimmobilien die Hände gebunden sind: Es gibt kein Vorkaufsrecht wie bei manchen Wohnimmobilien, und Gewerberaum ist auch vom Mietendeckel befreit. Wobei Berlin im Kampf um die Kulturorte noch verhältnismäßig gut dastehe: "So was geht ja nur in Stadtstaaten", sagte Lederer, "in Bayern oder Baden-Württemberg sagen sie gleich: Leck mich am Arsch, mit Räumen haben wir nichts zu tun."

Dass es in Deutschland und vor allem in der ehemals geteilten Hauptstadt noch viel zu besprechen geben wird in diesem Herbst, zeigte auch Mascha Qrella, die mit Texten von Thomas Brasch und dialogischen Zwischenspielen auf ihre unverarbeitete West-Sozialisation als Ost-Berliner Musikerin zurückblickt: Da fällt gerade ein Erinnerungsraum krachend auseinander, der vielleicht zu rasch vereinheitlicht wurde.

Diversität braucht diverse Räume, das kann das "Pop-Kultur"-Festival tatsächlich gut inszenieren. Ob man in die queer-feministische Teestube läuft oder bei der griechischen Sängerin Iotaphi landet, die eine Mischung aus globalem Goth Pop und Eurovision auf höchstem Niveau darbietet: es sind Tage der Neugier und des Willkommenseins, die Berlin nicht immer bietet.



insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
sven_glückspils 23.08.2019
1. Na
Da freuen sich doch die Rentner ! Und, typisch Berlin, arm aber sexy : " Die Stadt bezahlt dem Besitzer viel Geld, damit dieser hohe Mieten von den Bands verlangen kann " !
spmc-12355639674612 23.08.2019
2. Jetzt
Zitat von sven_glückspilsDa freuen sich doch die Rentner ! Und, typisch Berlin, arm aber sexy : " Die Stadt bezahlt dem Besitzer viel Geld, damit dieser hohe Mieten von den Bands verlangen kann " !
mokieren Sie sich doch nicht über diesen salopp eingeworfenen Satz, der ein Scherz sein sollte! Ja, die Kreativen brauchen Räume und die meisten von ihnen haben nicht genug Geld, um hohe Mieten zu zahlen, zumal gerade Probenräume bestimmte Voraussetzungen erfüllen müssen. Ich kann ein Lied davon singen, da ich selbst solche Räume in Berlin vermiete. Im Rockhaus lagen die Mieten bei unter 200 Euro pro Raum (warm), glaube ich. Das ist wirklich die untere Grenze dessen, was man anbieten kann. Inzwischen liegen sie, was man hört, bei ca. 230 Euro pro Raum. Aber Sie können gerne einmal ein solches Projekt durchrechnen und irgendein sanierungsbedürftiges altes Bürogebäude suchen. Gar nicht so einfach ...
Derwatt 24.08.2019
3. Euer Ernst?
Haltung beziehen, Gendergerechtigkeit herstellen, Inklusion vorleben und Aufklärungsarbeit leisten - und Popmusik? Für mich klingt das eher nach öffentlich gefördertem Selbstvergewisserungsseminar. Und gerade der Spiegel sollte den Begriff "Haltung" eher etwas sparsamer verwenden; ich meine mich erinnern zu können, dass die Erfahrungen, die man damit in der jüngeren Vergangenheit gemacht hat, nicht die allerbesten waren.
pd1954 24.08.2019
4. Wieso fragt bei dieser unsinnigen
Verschwendung von - nicht in Berlin verdientem- Steuergeld niemand danach, warum es nicht in die üblichen Gründe für "Steuern erhöhen!" investiert wird - also Bildung, marode Infrastruktur, arme Rentner etc.
großwolke 24.08.2019
5. Missverständnis des Kunstbegriffs
Als die Menschheit mit der Künstlerei anfing, wäre niemand auf die Idee gekommen, irgendwas davon zu fördern. Die größten Künstler, deren Werke wir so hoch schätzen, dass wir Generationen von Kindern damit in der Schule malträtieren, mussten sich zu ihrer Zeit dem knallharten Wettbewerb am Markt stellen. Shakespeare hat Unterhaltung für die bunte Londoner Stadtbevölkerung gemacht. Das war sein Lebensunterhalt, nicht vordergründig hohe Kunst. Goethe ist einfach einer Leidenschaft gefolgt, hatte aber so ganz nebenbei auch eine Karriere abseits der Schriftstellerei. Komponisten wie Mozart waren die Rockstars ihrer Zeit. Und heutzutage ist es für Künstler so einfach wie nie zuvor, ihre Arbeit unter die Leute zu bringen. Wenn sie dann nichts damit verdienen - müssen sie halt arbeiten gehen wie jeder andere auch. Ich sehe nicht, dass es für die Gesellschaft ein großer Gewinn ist, Nischenkunst zu fördern, die nur im Rahmen solcher Festivals mal ein live-Publikum findet. Ist ja schließlich nicht so, dass es ohne die keine tolle Musik gäbe.
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