Pop! Lageberichte vom Planeten C

Mit der Diagnose Prostatakrebs implodierte sein "Happy-Music-Universum" . Seitdem dokumentiert der US-Musiker Nile Rodgers, berühmt geworden mit der Disco-Band Chic, in seinem Blog detailliert den Kampf gegen die Krankheit.

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Blogs prominenter Musiker sind immer trostlos. Sie bieten banale Einblicke in vermeintlich Intimes, das sich aber in der Regel auf Informationen wie "Mein Flug hat Verspätung" oder "Die neue Platte ist so gut wie fertig" beschränkt. Was Nile Rodgers in seinem Blog veröffentlicht, ist dagegen radikal trostlos: "Sie sagten, sie würden in ungefähr 30 Stunden operieren - ich urinierte frisches Blut, das voll mit Gerinnseln war. Der Plan war, davon über Nacht so viel wie möglich rauszuspülen, um später dann durch meine Blase und die Harnröhre zur Wunde zu gelangen, um die Blutungen zu stoppen."

Mehr Intensität und Intimität als in Nile Rodgers' Blog "Walking On Planet C" sind kaum vorstellbar. Und weil die Berichte vom Planet C so traurig sind, verzichten wir in dieser Tageskarte auf alle weiteren skurrilen Nachrichten aus der Popwelt. Denn das "C" steht für Cancer, also Krebs, genauer gesagt für eine besonders aggressive Art von Prostata-Krebs, die bei dem 58-jährigen Musiker im vergangenen Jahr diagnostiziert wurde. Seit Januar dieses Jahres schildert der Künstler detailliert, wie sich ein Leben am Abgrund anfühlt und lässt seine Fans am Kampf gegen die Krankheit teilhaben: "Mit einem Schlag implodierte mein Happy-Music-Universum!"

Hits für Bowie und Madonna

Der Name Nile Rodgers ist wohl nur Menschen geläufig, die sich etwas mehr für Musik interessieren, seine Lieder dagegen kennt jeder, der in den vergangenen 30 Jahren diesen Planeten nicht länger verlassen hat. In New York geboren, wurde Rodgers Ende der siebziger Jahre berühmt als Gitarrist, Songwriter und Produzent der Band Chic, die den Disco-Sound mit Klassikern wie "Le Freak", "I want your Love" und "Good Times" veredelte. Mindestens so erfolgreich war Nile Rodgers als Produzent und Autor für Kollegen wie David Bowie ("Let's Dance"), Sister Sledge ("We Are Family"), Madonna ("Like A Virgin", "Material Girl"), Duran Duran ("The Reflex"), INXS ("Original Sin") oder Diana Ross ("Upside Down").

Seine Melodien lieferten die Basis früher Rap-Hits ("Rapper's Delight"), und Musiker von Queen bis The Smiths bekannten, von Rodgers inspiriert worden zu sein.

Nile Rodgers große Renner liegen zwar ein Weilchen zurück, aber mit Konzerten und Filmmusiken war der Gitarrist mit den langen Rasta-Zöpfen stets gut beschäftigt. Seit der Krebsdiagnose haben sich seine Prioritäten verschoben. Der Krankheit begegnet Nile Rodgers mit beklemmender Offenheit. Selbst die schlimmsten Nachrichten geht er mit Würde an und jener Lässigkeit, die auch den Sound seiner Musik prägte: "Auf extreme Schmerzen reagiere ich mit Lachen, besonders nach Eingriffen, für die ich tausende Dollar zahle."

Bilder aus dem Operationssaal

Im Blog "Walking On Planet C" geht es um Nervenzusammenbrüche, Selbstmitleid, Therapien, Muskelschwund, Befunde und Depressionen: "Ich leide unter allen drei Typen von Schlaflosigkeit." - "Ich kenne das Gewicht von allem, was mir rausgeschnitten wurde." Ausgespart wird hier scheinbar nichts: Ja, selbst auf dem Weg in den Operationssaal läuft die Kamera des Patienten, und der Film wird offenbar direkt nach der Narkose ins Netz gestellt. Dass Nile Rodgers damit ein großes Publikum berührt, illustrieren die zahlreichen Kommentare und Klicks in seinem Blog. Und wahrscheinlich sind all die aufmunternden Botschaften seiner Leser Teil der Therapie.

Obwohl das auch riskant ist: "Die positiven Kommentare bauen einen auf, aber die negativen können dich wirklich fertig machen." Im Oktober erscheint in den USA Nile Rodgers Autobiografie "Le Freak"; wer sich für eine der glamourösesten Zeiten des Pop interessiert, wird sie sich kaufen müssen.

"Krebs ist eine entwürdigende Krankheit, und ich will meine Würde zurück", schreibt Rodgers in seinem Blog. Das ist ihm gelungen.

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
andydivine, 02.09.2011
1. Bad Times
Danke, dass Sie diesen großartigen Musiker würdigen. Eine kleine Korrektur sei erlaubt: Der Einfluss auf Queen gründet nicht auf Nile Rodgers sondern seinen Partner in Crime, den Bassisten Bernard Edwards. Dessen Basslinie zu Good Times wurde von Queen Bassist John Deacon für "Another one bites the dust" - zwar nur in Teilen aber deutlich erkennbar - übernommen; mit Billigung des Urhebers, den John Deacon im Studio getroffen hatte.
QuixX, 02.09.2011
2. Time of the bad groove
Zitat von andydivineDanke, dass Sie diesen großartigen Musiker würdigen. Eine kleine Korrektur sei erlaubt: Der Einfluss auf Queen gründet nicht auf Nile Rodgers sondern seinen Partner in Crime, den Bassisten Bernard Edwards. Dessen Basslinie zu Good Times wurde von Queen Bassist John Deacon für "Another one bites the dust" - zwar nur in Teilen aber deutlich erkennbar - übernommen; mit Billigung des Urhebers, den John Deacon im Studio getroffen hatte.
Rapper's Delight nahm die Basslinie gleich eins zu eins mit. Von wem war gleich wieder "I said captain, say what"? Dort waren die Takte drei und vier dieser Linie aber schon nicht mehr spielbar. Sind auch schwerer, wenn Ihr es mal versucht. Bernhard Edwards starb vor einiger Zeit nach einem Konzert in Tokyo an einem grippalen Infekt. Nile Rodgers ist nicht nur ein begehrter Erfolgsproduzent, seine Spielart beeinflusste viele Gitarristen. Aber für moderne Menschen reicht der Beat aus einem Computer. Sollte mal der fipsige "twanky" Sound einer Stratocaster-Gitarre gebraucht werden, so schneidet man sie sich irgendwo heraus. Das spart den Lohn für jemand, der jahrelang geübt hat. Unseren Kindern verkauft man das dann als Idee. Die wissen sowieso nicht, auf welcher Seite man in eine Trompete bläst.
Boy_Kott, 02.09.2011
3. --> Gott sei dank ...
Zitat von sysopMit der Diagnose Prostatakrebs implodierte sein "Happy-Music-Imperium"*. Seitdem dokumentiert der US-Musiker Nile Rodgers, berühmt geworden mit der Disco-Band Chic, in seinem Blog detailliert den Kampf gegen die Krankheit. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,783837,00.html
Gott sei dank gibt es, außer bei den "Stars", sonst kaum jemanden mit Krebs, Prostatakrebs, Brustkrebs usw. Und wenn doch, dann ist der Krankheitsverlauf wenigstens nicht so schlimm. Ich werde jetzt eine ganze, lange Runde für alle kranken (auch sucht- und ru(h)mkranke) Stars beten und warte auf die Verfilmung!
QuixX, 02.09.2011
4. Nö!
Zitat von andydivineDanke, dass Sie diesen großartigen Musiker würdigen. Eine kleine Korrektur sei erlaubt: Der Einfluss auf Queen gründet nicht auf Nile Rodgers sondern seinen Partner in Crime, den Bassisten Bernard Edwards. Dessen Basslinie zu Good Times wurde von Queen Bassist John Deacon für "Another one bites the dust" - zwar nur in Teilen aber deutlich erkennbar - übernommen; mit Billigung des Urhebers, den John Deacon im Studio getroffen hatte.
Gerade nochmal Queens Dust gehört, bei drei Achteln des Grundtones, jeweils gefolgt von einem Achtels Pause würde ich noch nicht von "Übernahme" sprechen. Sonst stelle ich in den ersten zwei Minuten keine Gleichheit fest. Gänzlich fehlt Niles "Em7, Em6, A7, A7/4"-Linie
QuixX, 02.09.2011
5. epochale musikalischen Erfolge
Zitat von Boy_KottGott sei dank gibt es, außer bei den "Stars", sonst kaum jemanden mit Krebs, Prostatakrebs, Brustkrebs usw. Und wenn doch, dann ist der Krankheitsverlauf wenigstens nicht so schlimm. Ich werde jetzt eine ganze, lange Runde für alle kranken (auch sucht- und ru(h)mkranke) Stars beten und warte auf die Verfilmung!
Wahrscheinlich würde die Öffentlichkeit genauso an Ihren Schicksalsschlägen teilnehmen. Allein mangelt es an epochalen musikalischen Erfolgen Ihrer Verwandtschaft.
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