Pop-Musiker Stephan Eicher Der lachende Vagabund

Vom Hotelgast zum Taxifahrer: Der schweizerische Musiker Stephan Eicher, einst Minimal-Elektroniker und gefeierter Stadionrocker, hat seine Midlife-Crisis überwunden und reiste für sein jüngstes Album quer durch Europa. So richtig ausgezahlt hat es sich noch nicht.

Von


Musiker Eicher: "Europa existiert eben noch nicht ganz"

Musiker Eicher: "Europa existiert eben noch nicht ganz"

Noch vor einem Jahr standen die Dinge nicht so gut. Stephan Eicher hatte mit der liebevoll gestalteten Best-of-Sammlung "Hotel*S" die Bilanz seines bisherigen Schaffens gezogen und stand am Scheideweg. Die Vergangenheit war erfolgreich gewesen: Vom Jüngling, der mit seiner Band Grauzone den monotonen NDW-Hit "Eisbär" schuf, über den eklektischen Allein-Elektroniker bis hin zum gefeierten Stadionrocker, der vor allem Franzosen beim "Déjeuner en paix" in Ekstase versetzte, hatte Eicher so ziemlich alle Karriere-Stationen absolviert, die Europa für einen Musiker bereit hält. Was nun?

Damals hielt sich der Schweizer, der seine Lieder mal auf Englisch, mal auf Schwyzerdütsch, meistens aber auf Französisch singt, reichlich bedeckt über seine Zukunft. Eine handfeste Midlife Crisis hatte den Mittvierziger gepackt. Doch bald darauf stieg er in ein Taxi und hatte plötzlich die Idee, mit dem völlig verdutzten Chauffeur eine Reise zu unternehmen - quer durch Europa. "Taxi Europa" nannte er folglich das im Sommer veröffentlichteStudio-Album, sein erstes seit vier Jahren. "Diese ganze Hotel-Geschichte, die mich jahrelang begleitet hat, war mit "Hotel*S" abgeschlossen. Und was macht man, wenn man ein Hotel verlässt? Man steigt in ein Taxi", erzählt Eicher, der mit einigen Freunden und einer Kamera von Hamburg nach Palermo fuhr, ohne dabei die Autobahn zu verlassen. Die Geschichten, die er dabei erlebte, wurden später zu Songs, die das europäische Lebensgefühl abbilden wollen.

Vom Euro und dem Zusammenwachsen der Staaten zu einem harmonierendem Ganzen ist der Musiker indes nicht überzeugt, auch wenn er in den vergangenen zwei Jahrzehnte durch sein ständiges Vagabundieren durch die Lande vielleicht zum wahrhaft paneuropäischer Künstler geworden ist. Man kennt Eicher in Italien und Spanien ebenso wie in Frankreich, Deutschland oder Belgien. "Ich bin ja Schweizer, ich gehöre ja eigentlich nicht dazu", scherzt er, findet aber, dass gerade seine vielsprachige Heimat, die einst von Napoleon in jene Kantone unterteilt wurde, die sich auf Gedeih und Verderb miteinander arrangieren mussten, eine guteBlaupause für die EU sei. "In der Schweiz hat das ganz gut funktioniert, sie ist so gebastelt worden, wie Europa einmal werden soll."

Europäer Eicher: "Ich bin ein bisschen enttäuscht"

Europäer Eicher: "Ich bin ein bisschen enttäuscht"

Und der Euro, führt er die Menschen näher zusammen? Das Reisen, sagt Eicher pragmatisch, sei einfacher geworden, man brauche nur noch zwei Portemonnaies - eines für die heimischen Franken. An das ökonomische Europa glaubt er nicht, eher schon an "das geographisch-kulturelle". Der rote Faden der Reise von Hamburg nach Palermo, erzählt er, war Kaffee Trinken. "An jeder Raststätte wurde Kaffee getrunken, und die Tassen haben wir mitgenommen, bis wir am Ende das ganze Auto voll mit den unterschiedlichsten Formen und Größen hatten. Die letzte Tasse passte fünfmal in die letzte Tasse. Und wenn das klappt, dass man Europa durchqueren kann, ohne eine Granze zu passieren, aber die Tassen unterschiedlich bleiben, dann ist alles gut". Das Unmögliche an Europa, sagt er, ist das Spannende daran.

Spannend war auch die Produktion von "Taxi Europa", für dessen Aufnahmen in Brüssel, Köln oder daheim in der Schweiz Eicher eine neue und frische Band multinationaler Couleur zusammenstellte. Erstmals in seiner Karriere ließ er sich von fremden Produzenten in die Karten gucken, darunter auch der gefeierte französische Neu-Chansonnier Benjamin Biolay, der sich - zu Eichers Erstaunen - als "großer Fan" des Schweizers erwies. Doch auch mit einem derartigem Neustart konnte Eicher nicht an die Erfolge, die er in den Achtzigern und Neunzigern vor allem mit "Engelberg" und "Carcassone" feierte, anknüpfen. Immerhin: Zumindest in seiner Heimat bekam das Album im November eine Platin-Auszeichnung verliehen.

Dabei stimmt eigentlich alles auf "Taxi Europa". Konzeptioniert als Reise durch die bunte Staatengemeinschaft, klingen die Songs ruppig, frisch, multikulti und kommen ohne unnötigen Ballast daher - im Taxi fährt man schließlich mit leichtem Gepäck. Mit dem Titelstück verfügte Eicher sogar über eine echte europäischeHymne, neben ihm singen der italienische Jungstar Max Gazzé und der deutsche Superstar Herbert Grönemeyer in verschiedenen Sprachen. Ein Völker verbindendes und vor allem lustiges Experiment, das jedoch bei vielen Radiostationen - und daher auch beim Käufer - nicht recht zünden wollte. Dass Europa gerade ein solches Unternehmen nicht goutieren kann, weil es viel zu europäisch ist, mag vielleicht schon fast wieder typisch sein.

Lebenskünstler Eicher: Kaffee trinkend von Hamburg nach Palermo

Lebenskünstler Eicher: Kaffee trinkend von Hamburg nach Palermo

Eicher jedenfalls hatte sich mehr davon versprochen. "Ich bin ein bisschen enttäuscht", gibt er zu, "aber nicht von Deutschland. Da war es klar, dass wenn Grönemeyer da mitsingt, es mehr gespielt wird. In der Schweiz, in der deutschen Schweiz ist es rauf und runter gelaufen, in der französischen aber nicht. Am Schlimmsten war es aber in Belgien, da hat sogar die Plattenfirma gesagt: Das ist unsere Single, auf die haben wir zehn Jahre gewartet. Aber es hat nicht so eingeschlagen. Europa existiert eben noch nicht ganz."

Aber es geht noch weiter, berichtet Eicher strahlend. Es gebe da zum Beispiel diesen spanischen Sänger Arno, der in Belgien lebt, flämisch singt und die Single adaptieren will. "Es gibt auch Anfragen aus Schweden", erzählt er. "Wir machen am besten eine Version, bei der wirklich alles durcheinander geht, wie ein Remix mit allen möglichen Sprachen." Eigentlich, sagt Eicher, "will ich aus jedem Land einen Sänger. Vielleicht hatdie Version dann eine bessere Geschichte."

So hat sich Stephan Eicher zwar wieder gefunden und setzt seinen Weg fort, um mit immer neuen Musikern immer neue Ideen zu entwickeln. Doch mischt sich in den neuen Optimismus des Sängers auch ein wenig Bitterkeit. Frust über die sparsamen Plattenfirmen, die ihr Geld lieber in Casting-Shows und Popstar-Marionetten investieren, die Alexander oder Vanessa heißen und "anscheinend noch nicht mal einen Nachnamen brauchen." Frust darüber, dass er die DVD mit dem selbst gedrehten Film über die "Taxi Europa"-Reise zum großen Teil selbst finanzieren musste, Frust über das mühselige Immer-wieder-von-vorne-Anfangen.

Und doch, ahnt man, wird er wohl wieder ins Taxi steigen, wenn sich eine musikalische Erlebnisreise am Horizont abzeichnet. Man denkt an Eichers alten Kumpel, den Schriftsteller Philippe Djian, der für ihn seit Jahren die französischen Songtexte schreibt. Eicher hat viel von den Romanfiguren Djians. Es sind diese Typen, die verkracht und verlebt sind, aber immer sympathisch; die immer wieder aufstehen, weil sie das Leben mit seinen Aufs und Abs lieben. "Jetzt fehlen sie mir gar nicht mehr, die Hotels", sagt Eicher, der lachende Vagabund, mit einem Schmunzeln, "jetzt frage ich mich eher was passiert, wenn das Taxi einmal irgendwo ankommt".



Stephan Eicher auf Tournee: 25.11.2003, Mannheim/Capitol, 26.11.2003, München/Muffathalle, 27.11.2003, Ulm/Roxy



© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.