Pop-Projekt Beirut Amerikas Balkanisierung

Ein blutjunger Amerikaner, der die Folklore Osteuropas feiert? You gotta be kidding! Im Ernst: Zach Condons faszinierendes Debüt-Album "Gulag Orkestar", das er unter dem Bandnamen Beirut veröffentlicht hat, öffnet die tragisch-getragenen Klangwelten des Balkans auch für den westlichen Kulturkreis.

Von David Wonschewski


Heiteres Regionen-Hopping ist so neu nicht: Man kennt bereits Engländer, die in bester Alternative-Country-Manier den tiefen Süden der USA für sich entdeckt haben. Deutsche Liedermacher, die klingen, als wären sie gerne in Flandern, der Provence oder am besten gleich in Paris geboren worden. Brasilianer, die ihren Samba lässig beiseite schieben und besten Indie-Punkrock fabrizieren. Über all dem thronen natürlich auch noch die Herren Paul Simon, David Byrne und Brian Eno, die beizeiten so viel afrikanischen Spirit verströmen, dass es André Heller Angst und Bange werden dürfte. Wer so viel multikulturelles Musikspiel übertrumpfen will, muss sich also etwas Besonderes ausdenken. Womit man dann bei Beirut angelangt ist.

Beirut-Boss Zach Condon: "Eine Art von Popmusik eben"
4AD Records

Beirut-Boss Zach Condon: "Eine Art von Popmusik eben"

Hinter Beirut verbirgt sich im Grunde nur ein einziger Name: Zach Condon. Und da Zach Condon Amerikaner ist, gilt es einen schnellen Fehlschluss abzuwehren: Zwar nennt er seine Band "Beirut" und sein Debütalbum "Gulag Orkestar" – abschrecken will er mit diesen für amerikanische Wohlfühlverhältnisse eher negativ behafteten Begrifflichkeiten jedoch keineswegs. Dafür ist ihm sein Anliegen wohl auch viel zu wichtig: die Welt und vor allem sein eigenes Land zu sensibilisieren für die wunderbare Klangwelt Osteuropas.

Wie aber kommt ein junger Mann aus New Mexico - gerade einmal 20 Jahre alt – dazu, an R'n'B, HipHop oder Rock vorbeizuhören, um sich stattdessen mit Balkanpop zu befassen? "Der erste Einfluss kam durch Filme von Emir Kusturica", weiß Zach selbst zu berichten "später dann bin ich diesem Sound noch mal in Europa begegnet, und von da an musste ich diese Musik einfach haben. Als ich dann aber zurückkehrte, musste ich feststellen, dass es ziemlich schwer ist, hierzulande gute osteuropäische Musik zu finden."

Dieser erste, viermonatige Europa-Trip an der Seite seines älteren Bruders führte ihn auch nach Paris. Und auch wenn die französische Hauptstadt musikalisch ähnlich weit entfernt vom Balkanpop entfernt zu sein scheint wie Zach Condons Heimatstadt Santa Fe, einschneidend waren die Erfahrungen dort allemal: "Das Lustige ist, dass dort in Paris die eigentliche Saat für 'Gulag Orkestar' gesetzt wurde. Die Jugendlichen in Paris sind nämlich besessen von Balkanmusik. Diejenigen, die 'Moon Safari' von Air besitzen – und zu ihrer Lieblingsplatte erkoren haben, haben garantiert auch eine CD vom Boban Markovic Orkestar herumliegen. Für die ist das das gleiche, eine Art von Popmusik halt."

Als ihm dann in Amsterdam noch ein Serbe mit Heimweh über den Weg lief und den Amerikaner bis in die frühen Morgenstunden mit heimatlicher Blasmusik beschallte, war es endgültig um Zach Condon geschehen.

Eine der großen Besonderheiten an "Gulag Orkestar" ist, dass es klingt, als hätte Condon den ganzen Spaß mit einem großen Orchester eingespielt. Aber Fehlanzeige: "Das Album besteht zu 80 bis 90 Prozent aus exakt dem, was ich allein in meinem Schlafzimmer aufgenommen habe. Als ich später ins Studio ging, habe ich dann den Leuten gesagt, dass ich die Vocals oder die Trompeten nicht noch mal machen kann und das auch gar nicht will. Denn alle Vocals, die ich bringe, sind gewissermaßen glimpflich abgegangene Unfälle".

Besonders geprägt hat ihn bei der betont schluderigen Ausarbeitung seiner Songtexte eine Band, die bewusst auf echte Texte verzichtet und sich stattdessen einer Art Phantasie-Sprache bedient: "Zu der Zeit habe ich viel Musik von Sigur Ros gehört, und das ist auch einfach Geschnatter. Ich wollte auch gar nicht, dass sie richtige Worte singen, weil die Melodien doch so hübsch sind".

Eine Machart, die auch Condon und seinem "Gulag Orkestar" sehr zu Gute kommt, verleiht doch gerade seine Stimme durch ihren zumeist bewusst unartikuliert gehaltenen Gesang den Songs sehr viel Spontaneität, Tiefe und vor allem Glaubwürdigkeit. Oder, um es eine Spur weniger phrasenhaft auszudrücken: Condon klingt auf der Platte nicht nach 20 jungen Jahren und Santa Fe im Rücken, sondern eher wie eine niemals endende Irrfahrt auf dem Schwarzen Meer - viele ausgiebige und die Stimme gerbende Trinkgelage in Odessa oder Sewastopol inklusive.

Zu einem unvergleichlichen Happening geraten da fast schon logischerweise die Konzerte von Beirut, wenn Condon versucht, das furiose "Gulag Orkestar" live auf der Bühne zu präsentieren. Bis zu zehn Personen tummeln sich dann um ihn bei dem Versuch, insgesamt zwanzig Instrumente zu bedienen: Violine, Cello, Flügelhorn, Trompete, Akkordeon, Tamburin, Schlagzeug und nicht zu vergessen, selbstredend die Ukulele. Kein Wunder, dass man angesichts des Aufmarschs all dieser Instrumente auf "Gulag Orkestar" Songs erhält, die den Zuhörer mal bierselig schunkeln, mal hemmungslos heulen lassen können. Schon der Titeltrack gleich zu Beginn des Albums zeigt dabei eindrucksvoll auf, woher "Gulag Orkestar" seine Kraft gewinnt: aus der endlosen Tragik des Lebens, den sich aneinanderreihenden Tiefschlägen des Schicksals - und der schier unermesslichen Zähigkeit des Menschen, unter diesen Tiefschlägen zwar zu leiden, jedoch nicht an ihnen zu zerbrechen.

Zugegeben, nicht nur amerikanischen, sondern auch vielen (west)europäischen Ohren dürfte die Platte zunächst einmal ein vollkommen neues Klangerlebnis bescheren. Man muss "Gulag Orkestar" schon eine zweite oder dritte Runde im CD-Spieler zuzubilligen. Denn über die unmittelbare, fast schon schmerzhafte Verstörung - ein von Zach bewusst einkalkulierter Umweg – gelangt man äußerst schnell zu einer ganz neuen Art der Leidenschaft und Faszination. So richtet sich "Gulag Orkestar" also auch an Musikliebhaber, die sich bisher sicher waren, für diese Art von Musik einfach keine Ader zu besitzen. In diesem Punkt vom Gegenteil überzeugen zu können, ist das wirkliche und ganz große Verdienst von Zach Condon.

So gelungen dieses Debüt auch ist, eines steht bereits jetzt fest: Einen weiteren Ausritt in osteuropäische Soundwelten wird es für Condon vorerst nicht mehr geben. Der Erdball ist groß und es gibt noch eine Menge musikalischer Ecken, die darauf warten vom Mann aus Santa Fe entdeckt zu werden. Erste Favoriten für sein nächstes Projekt hat er bereits gefunden – Musik aus Äthiopien, Algerien und Brasilien stehen bereits in der engeren Auswahl.



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