Pop-Rückblick 2013 Glücksgefühle auf der Abrissbirne

David Bowie, deutsche Rapper und Beyoncé machen große Plattenfirmen arbeitslos. Wer Hits braucht, wird bei Pharrell Williams glücklich, der Rest macht sich nackig - oder geht unter wie Lady Gaga: Was wir im Pop-Jahr 2013 gelernt haben.
Miley Cyrus im "Wrecking Ball"-Video: Sex sells, aber sexy geht anders

Miley Cyrus im "Wrecking Ball"-Video: Sex sells, aber sexy geht anders

Foto: YouTube/ Sony Music

1. Ausziehen, Zunge raus und mit dem Hintern wackeln

Der definierende Pop-Moment 2013 ereignete sich am 25. August: Miley Cyrus und R&B-Sänger Robin Thicke traten gemeinsam bei den MTV Video Music Awards auf und absolvierten ihren inzwischen notorischen Balztanz, der nur einige Sekunden dauerte, aber wochenlang für mediale Empörung (wahlweise auch Amüsement oder pure Ratlosigkeit) sorgte. Cyrus, 21, die sich in diesem Jahr mit aller Macht vom braven Teenie-Star-Image emanzipieren wollte, rieb sich im hautfarbenen Bikini "twerkend" (etwa: gesäßschüttelnd) am Gemächt von Sänger Thicke - und wedelte dabei lüstern mit ihrer herausgestreckten Zunge. Dazu lief Thickes "Blurred Lines", das zunächst durch seinen - alsbald zensierten - Videoclip zum Hit geworden war, durch den nackige Models tanzten.

"Blurred Lines"-Videoclip von Robin Thicke auf tape.tv ansehen 

Cyrus setzte kurz danach mit ihrem Video zur Single "Wrecking Ball" noch einen drauf - und ließ sich dabei filmen, wie sie aufreizend einen Vorschlaghammer abschleckt und komplett entblößt auf einer schwingenden Abrissbirne sitzt. Abgesehen davon, dass das ein sehr treffendes Bild für die Situation der immer noch kriselnden Musikindustrie ist, setzte Cyrus, ebenso wie Thicke oder zuvor Rihanna, damit auf eines der ehernen Gesetze des Pop: Je langweiliger und konfektionierter die Musik, desto mehr nackte Haut muss zur Schau gestellt werden.

Überraschendes Comeback mit cleverer Vermarktung: David Bowie

Überraschendes Comeback mit cleverer Vermarktung: David Bowie

Foto: Jimmy King

"Wrecking Ball"-Videoclip von Miley Cyrus auf tape.tv ansehen 


2. Wer braucht noch Plattenfirmen? Der Fan wirbt selbst

Wer Aufmerksamkeit für sein neues Album will, braucht dafür keine Plattenfirma, keine Werbung und schon gar keine klassischen Medien mehr - ein clever und viral inszenierter Überraschungseffekt reicht völlig. David Bowie machte im Januar den Anfang: Nach zehn Jahren Absenz veröffentlichte er an seinem 66. Geburtstag aus heiterem Himmel seinen neuen Song "Where Are We Now?" samt Video mit schönen nostalgischen Szenen aus dem alten West-Berlin, woraufhin alle, zumal ältere Semester, ganz sentimental wurden. Kurz darauf erschien sein neues Album. Plattenfirma und Presse? Total überrascht. Interviews und Promotion? Nicht nötig, der potentielle Käufer machte die Publicity durch fleißiges Posten auf Facebook, Twitter etc. eifrig allein. Daft Punk folgten im März mit einer Video-Schnipseljagd im Internet und totaler Medienverweigerung. Auch Kanye West, Lady Gaga und Arcade Fire schürten die Fan-Motivation mit Internet-Teasern oder aufwendigen Events und sorgten damit zumindest für Aufmerksamkeit, wenn auch nicht immer für die erwarteten Plattenverkäufe. R&B-Superstar Beyoncé führte die Strategie des Schockmarketings im Dezember zur Perfektion, als sie ihr neues "visuelles" Album mit 14 Songs und 17 Videoclips unerwartet über Nacht bei iTunes anbot - und prompt Verkaufsrekorde brach. Eine spürbare Erschütterung im Gefüge klassischer Pop-Vermarktung, von der vorerst jedoch nur bereits etablierte Acts profitieren.

"Where Are You Now"-Videoclip von David Bowie auf tape.tv ansehen 

Glückloser Popstar Lady Gaga: Die Hits fehlen, der Ruhm blättert

Glückloser Popstar Lady Gaga: Die Hits fehlen, der Ruhm blättert

Foto: Joel Ryan/ AP/dpa


3. Artpop oder: Was nützt der Hype, wenn die Hits fehlen?

Lady Gaga ist eine clevere, sehr talentierte Künstlerin, doch trotz ausgeklügelter Vermarktungsstrategie und rührend inszenierter Fan-Events wollen die Verkäufe ihres im Herbst veröffentlichten neuen Albums "Artpop" nicht so recht in Schwung kommen. Konkurrentinnen wie Miley Cyrus, Katy Perry, selbst Newcomer wie die Neuseeländerin Lorde liefen ihr in den US-Charts den Rang ab. Die Verunsicherung in den Feuilletons war groß: Gaga galt seit ihrem phänomenalen Erscheinen 2008 als Prototyp des neuen Popstars, inszenierte sich als berührbares, aber schillernd androgynes Kunstwesen, das sich bei Vorbildern wie David Bowie und Madonna bediente, gab sich kunstsinnig, klug und genderpolitisch engagiert, sieht sich in der Tradition von Andy Warhol und ließ sich ihr Cover-Artwork von Jeff Koons entwerfen. Die Marke Gaga war erneut in aller Munde, aber die Kasse wollte partout nicht klingeln, der in ihrer Single beschworene "Applause" blieb aus. Sie hatte schlicht vergessen, gute Songs zu schreiben.

"Applause"-Videoclip von Lady Gaga auf tape.tv ansehen 

Model, Musiker, Produzent und Hitlieferant: Produzent Pharrell Williams

Model, Musiker, Produzent und Hitlieferant: Produzent Pharrell Williams

Foto: Adam Berry/ Getty Images


4. Wer Hits braucht, shoppt bei Pharrell

Der Gewinner des Jahres ist zweifelsohne der amerikanische Musiker und Produzent Pharrell Williams, 40. Eigentlich galt er nach seinen Erfolgen in den Nullerjahren als Teil der Neptunes als so gut wie abgemeldet und von neuen Producer-Stars wie Diplo oder Mike Will Made It abgelöst, doch 2013 erlebte er ein unfassbares Comeback. Zwei der größten Smash-Hits des Jahres entstanden unter seiner Ägide: "Get Lucky" von Daft Punk und "Blurred Lines" von Robin Thicke. Dazu kam im Herbst der unter seinem eigenen Namen veröffentlichte Song "Happy" vom "Despicable Me 2"-Soundtrack, den er noch dazu mit einem revolutionären 24-Stunden-Videoclip  ausstattete. Wer einst mit Neptunes-Tunes brillierte, nun aber mutwillig auf den Pharrell-Sound aus Blue-Eyed-Soul und Funk verzichtete, dem ging es wie Justin Timberlake mit seinen beiden "20/20 Experience"-Alben: sympathisch, aber fade.

"Get Lucky"-Videoclip von Daft Punk auf tape.tv ansehen 

Erfolg ohne große Plattenfirmen-PR: Deutsche Rapper Kollegah und Farid Bang

Erfolg ohne große Plattenfirmen-PR: Deutsche Rapper Kollegah und Farid Bang

Foto: Selfmade Records


5. Deutscher Pop: Wenn nichts geht, geht HipHop

Sie heißen Kollegah, Alligatoah, Grim104, Shindy, RAF 3.0 oder Genetikk, Eko Fresh, Prinz Pi, Farid Bang, Shindy und Casper - und sie sind die größten Stars der aktuellen deutschen Musikszene. Sie alle sind HipHopper und Rapper und brachten 2013 neue Alben heraus, oft ohne großes mediales Aufsehen, meistens sogar in Eigenregie, und ohne PR- und Vertriebspower eines Major-Labels. Ihre Bilanz: Durchweg hohe Chartpositionen und ausverkaufte Konzerte, egal ob beim Aggro-Gangsta oder beim Befindlichkeits-Popper. Während das Geschäft mit klassischem Pop selbst internationaler Stars immer schwieriger und zäher wird, erlebt das heimische Rap-Genre abseits von TV-Shows, Radio und Feuilleton einen neuen, durchaus lukrativen Boom mit interessanten, charakterstarken Protagonisten.

Thom Yorke: Wettert gegen Streaming-Dienste, weiß aber auch keine Lösung

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Foto: Jim Dyson/ Getty Images

6. Wer Geld verdienen will, muss T-Shirts verkaufen

Der Musikindustrie geht es eigentlich gar nicht soooo schlecht. Der Branchenverband BVMI meldete zur Halbjahresfrist erstmals seit Jahren wieder ein Umsatzplus um sagenhafte 1,5 Prozent gegenüber 2012. Zwar sinken die Absätze physischer Tonträger immer noch, dafür wachsen aber die Erlöse aus digitalem Verkauf und kostenpflichtigem Streaming über Dienste wie Spotify oder Wimp.Thom Yorke twitterte, man solle sich keine Illusionen machen: Neue Bands, die man bei Spotify entdecke, kämen finanziell mies weg. Von dem Streaming-Boom profitieren vor allem die Plattenlabel mit ihren großen Katalogen sowie bereits etablierte Mega-Acts. Eine Lösung für dieses Problem hat bisher niemand parat. Der BVMI verweist etwas ratlos auf Sekundär-Einnahmen durch Konzerttickets und Merchandising-Artikel. Wer also als unbekannter Künstler oder Newcomer etwas verdienen will, organisiert Management, Labelarbeit und Booking unabhängig, damit der Löwenanteil der Erlöse aus Ticketverkauf und Merchandising in die eigene Tasche fließen kann. Ein Vertriebsdeal mit einem Majorlabel sichert mediale Aufmerksamkeit sowie Präsenz im Handel oder Streaming-Dienst. Für deutsche Musikautoren gibt es immerhin gute Nachrichten: Kurz vor Weihnachten einigte sich die Gema nicht nur mit dem Verband der Musikveranstalter über die seit Monaten umstrittene Tarifreform, sondern kam auch mit den meisten Video-Plattformen zu einer Einigung im Rechtestreit. Allerdings nicht mit Google. Der YouTube-Frust beim Klick auf den neuesten Clip bleibt also auch 2014 ein Thema.

Sie wollten auch noch wissen, welche Pop-Alben aus 2013 Sie unbedingt gehört haben müssen? Lesen Sie hier die Jahresausgabe unserer CD-Kolumne "Abgehört" nach!