Pop-Sängerin Elif "Ich habe meine türkische Seite lange weggedrückt"

Früher brave Pop-Poetin, heute selbstbestimmte Emo-Rapperin: Nach Burnout und Identitätskrise gelingt der deutsch-türkischen Sängerin Elif ein aufregender Neustart.
Sängerin Elif: Erstaunliche Neuerfindung im Deutschrap-Genre

Sängerin Elif: Erstaunliche Neuerfindung im Deutschrap-Genre

Foto: Till van Loosen

"Die Leute fangen an, meinen Style nachzumachen: kurze Haare und alles schwarz", sagt Elif Demirezer in einer Kurz-Doku , die vor einigen Tagen erschien. Sie geht einen Flur entlang, wirkt beschwingt und sehr beschäftigt, lächelt verschmitzt: "Wer weiß… Ich bin zur Trendsetterin geworden."

Noch vor ein paar Jahren schien die Sängerin Elif Trends eher hinterherzulaufen. 2009 wurde sie mit 16 Jahren Vize-Siegerin bei der Castingshow "Popstars", seitdem versuchte sie mit zwei Solo-Alben einen Platz unter Deutschpop-Stars wie Tim Bendzko oder Andreas Bourani zu finden. Am erfolgreichsten war 2013 ihre Single "Unter meiner Haut".

Elifs Songwriting war immer schon anspruchsvoller, düsterer als die Befindlichkeitslyrik vieler Kolleginnen, 2019 bekam sie dafür den Musikautorenpreis der Gema verliehen. Ihre Musik jedoch schien immer allzu generisch und beliebig zu sein. Bis jetzt.

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Am Freitag erscheint Elifs drittes Album "Nacht". Es markiert den vorläufigen Höhepunkt einer Neuerfindung – etwas, das im deutschen Pop mit seinen festgefügten Genres und Lagern eigentlich nicht vorgesehen ist. Doch Elif vergleicht sich nicht umsonst - so selbstbewusst wie kokett - mit der US-Sängerin Taylor Swift, die sich vom Country-Girl zur Pop-Ikone gewandelt hat.

Demirezer, 1992 als Kind türkischer Einwanderer in Berlin-Moabit geboren, kürzte sich nicht nur die mädchenhaften langen Haare, sie beendete auch eine Liebesbeziehung, wechselte ihr Management und die Plattenfirma. Ein radikaler Schnitt. Auf Instagram und YouTube, wo bereits die Hälfte ihrer neuen Songs veröffentlicht wurden, wird sie für ihre Musik und ihren Image-Wandel von weiblichen wie männlichen Fans gefeiert.

Berliner Hit-Produzenten wie die Beatgees entwarfen mit ihr zusammen einen urbanen, eher am Deutschrap und Hip-Hop orientierten Sound, der gut zu ihrer tiefen und markant leidenschaftlichen Singstimme passt, mit der sie jetzt auch Sprechgesang probiert. Zusammen mit dem in der Szene populären Rapper Samra nahm sie Anfang des Jahres das erfolgreiche Duett "Zu Ende"  auf - ihre Eintrittskarte in eine neue Musikwelt, in der sie eine Leerstelle besetzt: deutschen Emo-Rap. In ihren Video-Clips zeigt sich Elif als Nachtschwärmerin, die sich und ihre Umwelt mit dunklen Charakterzügen konfrontiert. Zum Interviewtermin in Berlin-Friedrichshain, ihrem Kiez, kommt sie allerdings in einer weiten, weißen Bluse. "Da drunter ist alles schwarz", lacht sie und lüpft ganz kurz das Hemd. "Aber es ist Sommer, und ich wollte ein bisschen freundlicher wirken."

Elif 2013 in der Münchner Olympiahalle: Zu Beginn ihrer Karriere versuchte es die "Popstars"-Zweite mit generischem Deutschpop

Elif 2013 in der Münchner Olympiahalle: Zu Beginn ihrer Karriere versuchte es die "Popstars"-Zweite mit generischem Deutschpop

Foto: Felix Hörhager / picture alliance / dpa

Mit ebenso großer Offenheit erzählt sie, wie es zu den Veränderungen in ihrem Leben und ihrer Karriere kam. Nach dem Gema-Preis und ihrer Teilnahme als Gastsängerin auf Peter Maffays Unplugged-Tournee vor großem Publikum, schien 2019, nach zehn Jahren im Musikgeschäft, eigentlich alles gut zu laufen: "Das war krass, zu sehen, wie groß etwas sein kann, wenn man ganz oben ist", sagt sie über die Konzerte mit dem Altrocker. Aber danach kam der Burnout.

"Ich habe die letzten Jahre so viel gearbeitet, so viel investiert, aber es ist nicht so viel dabei rumgekommen, wie ich es mir erhofft hatte. Das macht was mit einem, man zweifelt an sich."

"Ich suchte nach Identität: Wer bin ich denn jetzt? Bin ich türkisch, bin ich deutsch?"

Elif begab sich in eine Therapie. Heute, sagt sie, habe sie viele Dinge für sich aufgelöst: "Das Selbstbewusstsein ist wieder da. Ich bin jetzt die Frau, die ich immer sein wollte. Ich musste wohl erst mal durch die Scheiße gehen."

Vor allem einen Teil ihrer Identität habe sie in der Vergangenheit oft ignoriert, sei zu oft den Weg des geringsten Widerstands gegangen: "Ich habe meine türkische Seite lange weggedrückt. Ich suchte nach Identität: Wer bin ich denn jetzt? Bin ich türkisch, bin ich deutsch? Ich bin ins andere Extrem gegangen, und dann klang meine Mucke auch so deutsch."

Jetzt baue sie ganz selbstverständlich auch türkische Wörter in ihre Songs ein. Der Zeitgeist kommt ihr dabei natürlich zugute: Gerade durch die Popularität des migrantisch geprägten Deutschraps gilt es heute als cool und attraktiv, als Künstler seine türkischen Wurzeln zu zeigen. "Das wäre vor fünf Jahren so noch nicht möglich gewesen."

Als sie sich kürzlich auf Instagram in einem Sportbikini zeigte, gab es Kommentatoren, die ihr so viel Freizügigkeit verbieten wollen: Sie sei ehrlos und eine Schande für ihre Eltern. Ihr Vater habe diesen Post erst später gesehen. "Er hat mich dann angerufen und richtig angekackt." Schon früher, in der Ballade "Doppelleben", thematisierte sie den Konflikt zwischen der muslimischen Tradition ihrer Familie und ihrem Freiheitsdrang.

Ihr neuer Song "Alaska" knüpft dort an: "Baba sagt, ich hab' keinen guten Ruf/ Hab' es mit zu vielen Typen versucht/ Mama sagt, auf mir liegt ein Fluch/ Kann nur versagen, egal, was ich tu'". In "Alles helal" rebelliert sie gegen das islamische Tugendgebot, demzufolge Frauen, die wie Elif in der Öffentlichkeit rauchen, trinken oder Haut zeigen, "haram" sind, verboten. Helal ist alles, was erlaubt ist.

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"Ich gehe das Risiko ein, dass Leute nicht mehr mit mir reden, aber ich stehe zu mir", sagt Elif. "Mein Vater muss damit klarkommen, ich habe mich ja nicht für den 'Playboy' ausgezogen. Ich mag meinen Körper, ich finde, ich sehe hübsch aus."

Ihre Eltern seien früher sehr konservativ gewesen, heute, sagt Elif, seien sie schon aufgelockert. "Die können mir nicht erzählen, dass sie keinen Freiheitsdrang haben. Meine Mutter hat mir schon oft gesagt, Elif, wenn ich du wäre, würde ich das noch zehnfach krasser machen, sie traut sich nur nicht."

Früher bekam sie Ärger zuhause, weil sie mit Jungs ausging. "Mein Vater hat immer gesagt: Kenne deinen Wert. Aber meinem größeren Bruder war alles erlaubt, während ich nichts machen durfte." Wahrscheinlich habe sie sich deshalb allzu oft in Männer, "komische Typen", verliebt, die sie schlecht behandelten.

"Ich habe meinen Wert nicht gespürt. Das habe ich meinen Vater auch gesagt: Du hast zu mir gesagt, kenne deinen Wert, aber du hast mich nicht wertvoll behandelt. Weißt du eigentlich, was das angerichtet hat?"

Musikerin Elif: Schon mit zwölf Jahren spielte sie auf der Gitarre Songs, hörte Nirvana und Linkin Park

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Foto: Jörg Carstensen / picture alliance / dpa

Groll hege sie aber nicht, weder gegen den Vater, noch gegen den Ex-Freund, mit dem sie im Song "Nur mir" scharfzüngig abrechnet. Wird sie mit dieser gelassenen, aber auch offensiven Haltung zur Trendsetterin, also zum Vorbild für andere junge und migrantische Frauen? "In erster Linie will ich einfach nur das sagen, was ich fühle. Ich habe gute Seiten, aber auch schlechte", sagt sie und lacht.

Man merkt ihr an, wie sehr sie ihre Freiheit und die neu gewonnene Selbstakzeptanz genießt. Diesem Charisma kann man sich auch auf ihrem Album nur schwer entziehen.

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