Pop-Sängerin Shakira Die Göttin des Dichterfürsten

Die kolumbianische Sängerin Shakira, in Lateinamerika längst ein Star, singt nun in englischer Sprache ­ um Europa und die USA zu erobern.


Popstar Shakira: Aufmüpfige Texte, verblüffende Energie
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Popstar Shakira: Aufmüpfige Texte, verblüffende Energie

Wer die Pop-Diva in Rage bringen will, braucht sich nur zu erkundigen, warum sie sich ihre Mähne blond gefärbt hat. Missgünstige Menschen behaupten, dass die Ex-Brünette mit dem neuen Ton nur neue Konsumenten in neuen Märkten becircen will. "Schon die Frage ist eine Frechheit", zetert Shakira, 24, und hat Mühe, nicht in ihre Muttersprache Spanisch zu verfallen. "Niemals würde ich nur einer idiotischen Marketing-Strategie zuliebe mein Aussehen ändern. Und ich bin auch nicht so blöd zu glauben, dass Blondinen in den USA und in Europa besonderen Respekt genießen." Shakira, deren Namen im Arabischen "die Dankbare" bedeutet, liebt den Krawall und die rebellische Geste, und das passt durchaus zu ihrer Musik: Sie kombiniert hitparadengemäßen Pop und energischen Rock'n'Roll mit aufmüpfigen Texten ­ und gilt deshalb ganz zu Recht als Südamerikas Antwort auf die weltweit erfolgreiche kanadische Rocksängerin Alanis Morissette. Ihre Pop-Karriere begonnen hat sie bereits als 13-Jährige. Seither hat sie über acht Millionen Alben verkauft und es auch mit dunklen Haaren auf die Titel von großen US-Magazinen wie "Newsweek" und "Time" geschafft. In ihrer Heimat Kolumbien wird Shakira längst wie eine Nationalheldin verehrt, zu ihren Fans zählt auch der kolumbianische Literatur-Nobelpreisträger Gabriel García Márquez: Der huldigte der "unschuldigen Sinnlichkeit" seiner jungen Göttin und schwärmte davon, dass "niemand so singen und tanzen kann wie sie". So beeindruckend Shakiras Starruhm in fast ganz Lateinamerika auch sein mag ­ nun will sie es anderen so genannten Latin-Helden wie Ricky Martin, Jennifer Lopez, Marc Anthony, Enrique Iglesias und Luis Miguel gleichtun und auch in den USA und Europa groß herauskommen ­ mit ihrem ersten englischsprachigen Album "Laundry Service", das an diesem Montag in Deutschland erschienen ist. Videoclip: Shakira - "Whenever, Wherever" (Windows Media Player)

Shakira in Aktion: Kolumbianische Antwort auf Alanis Morissette

Shakira in Aktion: Kolumbianische Antwort auf Alanis Morissette

Tatsächlich kann sie es nicht nur äußerlich mit Pop-Konkurrentinnen wie Jennifer Lopez oder Britney Spears aufnehmen. Auch ihre zum Teil selbst komponierten Songs, zu denen sie in Videoclips wie etwa zur Single "Whenever, Wherever" in Leopardenhose und Bustier die junge Wilde spielt, offenbaren verblüffende Energie und schönen Sinn für eingängige Melodien. Zudem ist die eher hilflos "Crossover" genannte Mixtur aus brillantem Pop und lateinamerikanischer Musiktradition in den US-Hitparaden ohnehin schwer in Mode. Die von Krisen gebeutelte amerikanische Plattenindustrie macht mit Stars wie Lopez, Iglesias Junior und der Newcomerin Christina Milian tolle Umsätze ­ auch bei Käufern jenseits des lange vernachlässigten Marktes der rund 35 Millionen US-Amerikaner lateinamerikanischer Herkunft. Dabei wird geflissentlich verschwiegen, dass die angeblich authentischen Latin-Stars in Wahrheit oft in New York, Miami oder Kalifornien aufgewachsen sind. Die Tatsache, dass sie wirklich aus Kolumbien stammt, hält die Sängerin Shakira allerdings für unwichtig. Sie sei nicht die "Stimme der lateinamerikanischen Jugend", wie ihre Plattenfirma behauptet, stolz auf ihr Herkunft sei sie natürlich trotzdem. Das ganze Gerede vom "Latin Sound" gehe ihr ohnehin auf die Nerven, zumal man auch Songs wie "La isla bonita" von der italienischstämmigen Madonna Ciccone durchaus ins Genre einordnen könne: "Ob Latin oder nicht ­ ich liebe den Rock'n' Roll", sagt sie, "und der ist international." Erste Lieder verfasste die Tochter einer Kolumbianerin und eines Libanesen, die in der Stadt Barranquilla unter dem bürgerlichen Namen Shakira Isabel Mebarak Ripoll als Jüngste von acht Geschwistern aufwuchs, schon mit acht. Ein paar Jahre später arrangierte eine Bekannte der Familie einen Termin bei einem Sony-Manager. "Das Ganze fand auf dem Flur eines Hotels statt, und ohne lang zu zögern, habe ich einfach losgelegt und gesungen und getanzt", berichtet sie. Shakira bekam einen Vertrag, sie durfte von Beginn an eigene Lieder aufnehmen: "Auch als ich noch ein Kind war und eigentlich nichts zu melden hatte, traute sich kaum einer von den alten Männern, sich mit mir anzulegen." Mittlerweile kümmert sie sich während der Produktion ihrer Platten um fast alles.
Latin-Superstar: Schon vor zwei Jahren, bei der ersten Latin-Grammy-Verleihung, gewann Shakira zwei der begehrten Trophäen
REUTERS

Latin-Superstar: Schon vor zwei Jahren, bei der ersten Latin-Grammy-Verleihung, gewann Shakira zwei der begehrten Trophäen

"Ich bin ein Team-Player, solange das Team pariert", sagt sie ­ beim Abmischen im Studio, bei der Wahl des Plattencovers und beim Drehen ihrer Videoclips habe sie das letzte Wort. Den Versuch, mit in englischer Sprache gesungenen Liedern anzutreten, hat Shakira lange hinausgezögert. "Es ist kein Problem, auf Englisch eine Pizza zu bestellen oder einem Anwalt Anweisungen zu geben", sagt sie, "aber ein Liebeslied in einer erlernten Sprache zu schreiben ist ein schwieriger Job." Das sehen einige Kritiker ähnlich, eine Redakteurin des amerikanischen Fachblattes "Vibe" hämte gar: "Auf Spanisch ist ihre Musik Pop mit Poesie. Im Englischen ersaufen ihre Texte in Klischees." Shakira ­ die in einem ihrer Songs davon singt, dass ihr Geliebter ihr Salz in die Wunden streue "and I keep saying thank you" ­ hält dem entgegen, das Vokabular der Liebesschwüre und Verdammungen sei im Englischen nun mal stark begrenzt: "Fürs Anhimmeln und fürs Fluchen ist leider nur das Spanische perfekt!" Shakira: "Laundry Service" (Epic/Sony Music), veröffentlicht am 28. Januar 2002



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