Pop-Sampler Hier mischt der Könner

Mix-Tapes waren oft Meisterwerke lässig kombinierter Musik - eine Kunst, die jetzt auf Mix-CDs fortgeführt wird. Wie unterhaltsam das klingen kann, das belegen drei tolle neue CD-Sampler.


"Es gibt alle Arten von Mixtapes und immer gute Gründe, eines zu machen", schrieb der Amerikaner Rob Sheffield in seinem Roman-Bestseller "Love is a Mix Tape". Sogenannte Mixtapes, also individuell zusammengestellte Musikkassetten waren mal eine global gepflegte Kunstform. Mit individuellen Musik-Mixen konnte man Mitmenschen becircen oder beeindrucken. "Jedes Mixtape erzählt eine Geschichte", schrieb Rob Sheffield. Auch wenn Musik-Nerds oft einfach nur mit ihrem unnützem Fachwissen prahlen wollten.

Egal. Audio-Kassetten sind längst vom digitalen Zeitalter (trotz Mini-Revival!) überholt, aber die Kunst, Songs gekonnt zu kombinieren, lebt auf CDs fort: einerseits auf an Heimcomputern gebrannten Rohlingen - denen aber immer der Zauber geglückter Mixtapes abging - und andererseits auf von Profis verantworteten CD-Samplern. Womit nicht irgendwelche von Produktmanagern zusammengetragenen und von Werbekampagnen begleiteten Schmuse-Larifari-Sampler gemeint sind, sondern von Kennern und Autoritäten verantwortete Mix-CDs.

Beschwingter Hipster-Nostalgie-Trip

Ein besonderer Könner ist zum Beispiel der Brite Bob Stanley. Der Journalist und Saint-Etienne-Musiker ist auch als besessener Plattensammler und Musikkenner bekannt. Seit Jahren veröffentlicht er ambitionierte Mix-CDs, die meist mit dem Vergessen entrissenen Archiv-Schätzen und informativen Booklets bestückt sind. Auch seine neue Zusammenstellung "Saint Etienne presents: Songs for a Central Park Picnic" belegt Stanleys Klasse: Über die Distanz von 25 Songs - alle alt und nur Kennern bekannt - arrangiert er Cocktail-Jazz, Soul, Lounge, Soundtracks und Beat von Assen wie Vince Guaraldi, Dion, Yma Sumac, The Drifters oder Artie Garr (alias Art Garfunkel) zu einem cool beschwingten Hipster-Nostalgie-Trip.

Zeitgemäßer klingt da die Doppel-CD mit dem gruseligen Titel "Sunday in Bed - Sexy Sounds for Lazy Lovers - No. 6" und einem noch groteskeren Cover. Sie wirkt wie all die anderen Designer-Mix-Tonträger mit flauschiger Schubidu-Pilates-Schwurbel-Musik, die in Boutiquen und Coffeeshops an der Kasse Staub fangen. Erstaunlicherweise ist diese Ausgabe aber gelungen. Zwei Männer namens Schmidt fügten dafür unaufgeregte, aber auch überraschende Songs von Rufus Wainwright, Matthew E. White, Jessie Ware, Roy Ayers oder Sally Shapiro zu einer kurzweiligen Collage zusammen. Sie hätte eine würdevollere Verpackung verdient.

Sehr viel schöner sehen alle Cover der auch inhaltlich fast immer tollen englischen Mix-CD-Serie "Late Night Tales" aus. Halbwegs prominente Künstler stellen da gebremste Melodien für die Zeit nach Mitternacht zusammen. In deren neuer Ausgabe belegen die zwei Norweger der Band Röyksopp ihren Hang zu sanfter Exzentrik. Svein Berge und Torbjörn Brundtland jonglieren lustvoll mit allerlei sehr unterschiedlichen Genres, die sie nahezu genial in einen Fluss bringen. Sie beweisen, dass Siebziger-Jahre-Softpop (Little River Band), New Age (Andreas Vollenweider!), Krautrock (Popol Vuh), New Wave (XTC) und Singer-Songwriter (John Martyn) schmerzlos kombinierbar sind. Zur Krönung steuern Röyksopp eine exklusive Depeche-Mode-Coverversion ("Ice Machine") bei und Schauspiel-Shooting-Star Benedict Cumberbatch ("Sherlock Holmes") liefert zur Abrundung ein gesprochenes Stück. So kann die Reihe weiterlaufen.


Saint Etienne presents: Songs for A Central Park Picnic. Croydon Municipal/Rough Trade; 14,99 Euro.
Diverse: Sunday in Bed - Sexy Sounds for Lazy Lovers, Nr. 6. 25 Records; 18,99 Euro.
Late Night Tales: Röyksopp. Late Night Tales/Rough Trade; 14,99 Euro.



insgesamt 5 Beiträge
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spon-facebook-725642663 13.09.2013
1.
Röyksopp als "halbwegs prominente Künstler" zu bezeichnen ... da kann ich den Rest des Artikels leider nicht mehr ernst nehmen.
aaal 13.09.2013
2. Von Musik oder Film -
hatte und hat der Spiegel leider null Ahnung !
NuMu 13.09.2013
3.
Der kultigste deutsche Sampler wurde hier gar nicht erwähnt. Über Qualität lässt sich ja streiten, aber mit inzwischen 82 Exemplaren und einer extrem großen Reichweite muss die BRAVO Hits hier einfach erwähnt werden!!!
neighbourofthebeast 13.09.2013
4. Bravo Hits???
Wieso sollten die in dem Zusammenhang erwähnt werden??? Es geht doch eben NICHT um solche Sampler. Wenn zwei, drei Indie-Filme besprochen werden, muss dann auch ein Hinweis auf Roland Emmerich Filme in den Text?
alba36 15.09.2013
5.
"Röyksopp als "halbwegs prominente Künstler" zu bezeichnen ... da kann ich den Rest des Artikels leider nicht mehr ernst nehmen." SPIEGEL- Meinungs- Forum: Der Grand Prix der Rechthaber und Besserwisser. Die Bezeichnung "halbwegs prominente Künstler" trifft die Sache nämlich ziemlich genau, sie haben 1-2 recht populäre Platten gemacht, aber eben auch nur für die Freunde elektronischer Popmusik. Viele musikalische "Normalverbraucher" werden den Namen Röyksopp noch nie gehört haben.
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