Pop-Star Tarkan Istanbul in the Mix

Wer bei türkischer Musik bislang an Schunkel-Folklore dachte, ist einem Klischee aufgesessen. Die Zukunft des orientalischen Pop klingt modern und selbstbewusst - und hat einen markanten Namen: Tarkan.

Von Thomas Winkler


Was fehlt einem, der mehr als 15 Millionen Platten abgesetzt hat und ein Parfum herausbringt, das den eigenen Namen trägt? Was vermisst einer, der souverän zwischen Ost und West wandelt, in Istanbul und New York zu Hause ist, und nun noch eine Wohnung sucht in Berlin? Was will einer vom Leben, der schon mit vier Jahren das erste Mal verliebt gewesen sein will und es anschließend zum Sex-Symbol und Mode-Vorbild geschafft hat? Was gibt es für den größten Exportschlager der Türkei noch zu erreichen? Was fehlt Tarkan Tevetoglu?

Sänger Tarkan: Pop als Image-Arbeit

Sänger Tarkan: Pop als Image-Arbeit

"Ich will mir meinen Traum verwirklichen, ein Teil der weltumspannenden Musikszene zu sein", sagt Tarkan. Übersetzt heißt das: Ich will ein internationaler Superstar werden. Ein Vorsatz, den er übrigens bereits vor zehn Jahren fasste, als er beschloss, die Welt mit einem englischsprachigen Album zu erobern. Das mag naiv klingen, aber selbst die Tatsache, dass er zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal Englisch beherrschte, hat ihn nicht von seiner "Vision" abgehalten. Flugs zog er nach New York, "ließ den Ruhm hinter sich", nahm Sprachkurse, und hat es nun geschafft: Mit "Come Closer" bringt der mittlerweile 33-Jährige sein erstes englisches Album heraus. Sein Fazit: "Ich bin wohl ziemlich ehrgeizig."

Souverän adaptiert Tarkan auf "Come Closer" die musikalischen Versatzstücke des internationalen Kompatibilitäts-Pop und die darin vorgesehenen Erregungszustände: Ein paar verbliebene türkische Klänge halten ihn in "Mine" nicht davon ab, "tonight" mit dem "Baby" zu einem gemeinsamen "ride" aufzubrechen, auf dem dann gefälligst die "control" zu verlieren ist. Der darunter flott rotierende Funk erinnert an Prince vor dessen erster Umbenennung. Kurz darauf, in "Start The Fire" suggeriert ein aseptisches Gitarrenriff ein Rockklischee, während Tarkan loszieht, um mit dem "baby" alle Regeln zu brechen. Das Ergebnis kann man sich vorstellen als "Footloose" mit Folklorebremse.

Ebenso durchdekliniert werden Soul, Rock und Pop - sehr viel exakter lässt sich das beim besten Willen nicht eingrenzen, denn "Come Closer" benutzt aus Überzeugung ausschließlich im Radio bereits totgedudelte, weitgehend austauschbare Formate. Tarkan sieht das ganz ähnlich, nur anders: "Dieses Album beinhaltet die ganze Welt, viele Musiken und viele Kulturen, es ist farbig wie ein Regenbogen. Ich wollte ein internationales Album machen, niemand sollte verschreckt werden."

Vorsichtig ergänzt um Elemente aus dem Arabesk-Pop und massiert unter Tarkans wohl manikürten Händen bekommen diese Genres immerhin eine sanfte Schlagseite gen Osten. Der Effekt ist durchaus vergleichbar mit den Alben, mit denen Ricky Martin und Shakira den Durchbruch auf dem amerikanischen Markt gelang. Deren Erfolg und den von Jennifer Lopez, die er stets vertraut nur beim Vornamen nennt, sieht er als Blaupause für seine eigene Karriere an: "Allerdings hatten die es einfacher, weil lateinamerikanische Musik schon vorher weltweit sehr viel verbreiteter war als türkische."

Schluss mit dem Schnauzbart

Das soll nun anders werden. Keine geringe Aufgabe, aber sollte sie zu bewältigen sein, dann sicherlich von einem, der "zwischen all diesen Kulturen lebt", geboren wurde im pfälzischen Alzey, seine Jugend in der Türkei verbrachte, nun in New York lebt, in Los Angeles aufnimmt und es mehr oder weniger im Alleingang geschafft hat, das Bild des türkischen Mannes in der Weltöffentlichkeit positiv zu wenden.

Seit der "Weltbürger" (Tarkan über Tarkan) mit seinem metrosexuellen Image über die Grenzen der Türkei hinaus reüssierte, hat das Stereotyp vom schnauzbärtigen Hinterwäldler, das auch ganze Generationen von Arabesk-Sängern prägten, zumindest deutlich sichtbare Risse bekommen. Sein Erfolg im Allgemeinen, aber auch einzelne Lieder wie "Simarik", der Song mit dem schmatzenden Kuss, haben definitiv dazu beigetragen, dass es auch in der Türkei selbst mittlerweile aufgeklärter zugeht.

"Aber die Türkei hat immer noch ein falsches Image", verteidigt er seine Heimat tapfer, "die Türkei unterscheidet sich sehr von den anderen Ländern im mittleren Osten, es ist ein modernes, demokratisches, muslimisches Land. Es gibt sehr viel mehr sexuelle Freiheiten in der Türkei. Wie sich mein Publikum anzieht, wie es sich benimmt, das hat sich sehr verändert in den vergangenen zehn Jahren. Die Unterschiede zwischen Stadt und Land sind immer noch sehr groß. Aber diese Unterschiede gibt es ja auch in Amerika, oder?"

Große Wirkung im kleinen Kreis

Kein Zweifel: Tarkan kennt seine USA. Das Problem ist nur: Die USA kennt ihren Tarkan nicht. Er ist erst ein einziges Mal in den Staaten aufgetreten, vor acht Jahren in New York, nahezu ausschließlich vor türkischen Exilanten. Die sind auch die Einzigen, die ihn heute auf den Straßen New Yorks erkennen - sie und Touristen aus Südamerika.

Ob "Come Closer" seinen Bekanntheitsgrad grundlegend erhöhen wird oder ob Tarkan womöglich das Schicksal eines Robbie Williams erleiden wird, das ist noch nicht ausgemacht. Vorerst erscheint das Album nämlich nur in Europa und Lateinamerika, überall dort also, wo der transnationale Sänger bereits Erfolg hatte. Auch ob "Come Closer" überhaupt in seiner Wahlheimat veröffentlicht werden wird, steht bislang nicht fest.

"Mal sehen, wie es sich entwickelt", sagt Tarkan und meint: Der Traum ist noch nicht ausgeträumt.


Tarkan: "Come Closer" ist bei Urban/Universal erschienen



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