Pop-Überflieger Die Eroberung des Mars

Wer ist denn bitte Bruno Mars? Nun ja, der Mann verkaufte über 15 Millionen Singles, mit seinem Debüt-Album schrieb er die Pop-Erfolgsgeschichte des Jahres. Jetzt will der Musiker so berühmt werden wie Michael Jackson - und wirkt gar nicht mal größenwahnsinnig, wenn er so etwas sagt.

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Im Popgeschäft werden Karrieren so schnell gemacht und wieder vernichtet, dass einem schwindelig werden könnte. Das hat der Branche den Ruf der Oberflächlichkeit und Menschenverachtung eingebracht. Das war aber schon in den fünfziger Jahren so, als Buddy Holly und Konsorten auf wochenlange Tingel-Tourneen geschickt wurden. Die Castingshows haben den Wegwerf-Effekt der Popmusik und ihrer Protagonisten nur deutlicher herausgearbeitet.

Wer kein sogenanntes One-Hit-Wonder sein will wie beispielsweise der diesjährige "Superstar" Pietro Lombardi, von dem spätestens dann niemand mehr reden wird, wenn "X-Factor" und "The Voice of Germany" ihre Sieger gekürt haben, der darf nicht nur Interpret sein, der muss die Produktionsmittel sein eigen nennen und vom Songwriting bis zur Studioaufnahme alle Schritte beherrschen. Und Qualitäten als Sänger und Entertainer besitzen. Bruno Mars ist so ein Mann.

Mars heißt eigentlich Peter Gene Hernandez und wurde 1985 auf Hawaii geboren. Er hat die wohl erstaunlichste Erfolgsgeschichte des Pop-Jahres vollbracht. Im Januar 2011 erschien sein Debüt-Album "Doo-Wops & Hooligans" in Deutschland, im Februar wurde er sieben Mal für den Grammy nominiert und gewann schließlich mit seiner Ballade "Just The Way You Are". Gleichzeitig schoss sein Lied "Grenade" auch in Deutschland auf den Spitzenplatz der Charts und setzte sich dort mehrere Wochen lang fest. Über 15 Millionen Singles hat Bruno Mars inzwischen weltweit verkauft, das Album und die beiden Hits dominierten Pop-Charts in Dutzenden Ländern. Binnen eines Jahres war aus einem der vielen in Los Angeles ansässigen Produzenten einer der erfolgreichsten Popstars der Welt geworden. Was war da passiert?

Mars will mehr

Fragen wir Bruno Mars doch direkt. Aber der antwortet mit einer Gegenfrage: "Welcher Film machte Leonardo DiCaprio groß? 'Titanic', richtig! Für mich war das erste Album wie dieser erste große Film für Leo. Und jetzt bin ich der König der Welt." Sagt Bruno Mars beim Interview in London. Seine Plattenfirma hat ihn für einen Tag nach Europa geflogen, um Werbung für seinen nächsten Karriereschritt zu machen, einen Song für den Soundtrack des aktuellen "Twilight"-Films, der gerade in den Kinos zum Dauerbrenner des Jahres wird. Und weil dieser durchaus schöne Song, er heißt "It Will Rain", der Anlass für das Interview war, sei dieser Umstand hier kurz erwähnt. Ein Bestseller schreibt ein Lied für einen anderen Bestseller, passt ja auch. Aber was für eine pompöse, fast wahnsinnige PR-Aktion: Eine Handvoll Journalisten aus aller Welt treffen einen Star aus L.A. in London im Viertelstundentakt, weil er einen Song geschrieben hat. Für einen Soundtrack. Einen einzigen Song!

Selbst Bruno Mars schüttelt darüber etwas amüsiert den Kopf - und zuckt dann mit den Schultern. Vor etwas über einem Jahr saß er noch mit seinen Kumpels Philip Lawrence und Ari Levine in seinem Studio und kämpfte ums tägliche Überleben. Zusammen nennen sich die drei Produzenten etwas käsig The Smeezingtons und waren mit einigen Singles sehr erfolgreich, darunter die Hits "Billionaire" von Travie McCoy und "Nothin' On You" von B.o.B., bei denen Mars den R&B-Gesang beigesteuert hatte. Produktionsteams wie Mars, Lawrence und Levine gibt es zuhauf in Los Angeles, sie schreiben Songs für Dutzende Künstler, manche werden Hits, manche nicht. Wenn es gut läuft, gibt es Umsatzbeteiligung, wenn nicht, hat man am Schreiben und Produzieren eines späteren Welthits lediglich ein paar hundert Dollar Festhonorar verdient.

Doch Bruno Mars wollte mehr als das. Schon als er vier Jahre alt war, stellte ihn sein Onkel zum ersten Mal auf eine Bühne. Der kleine Bruno wurde zum talentierten und populären Elvis-Darsteller, 1992 hatte er als zwergenhafter King, komplett mit Riesensonnenbrille und Glitzeranzug, sogar einen Auftritt im Hollywood-Film "Honeymoon in Vegas". Das Showgeschäft, es liegt dem Sohn einer Philippinerin und eines Puertoricaners, der in Brooklyn aufwuchs, im Blut. Und sein Debüt-Album war nur der Auftakt zu einer sehr großen Karriere. Meint Bruno Mars.

"Kritiker können mich mal"

"Ich war in einem ganz anderen Bewusstseinszustand, als ich die Songs für 'Doo-Wops & Hooligans' schrieb", sagt er, "ich war es gewohnt, anderen Leuten radiotaugliche Hits zu komponieren. Heute ist das anders, es gibt dieses Gefühl der Verzweiflung nicht mehr, ich muss nicht mehr jeden Dollar zweimal umdrehen. Für meine nächste Platte kann ich mir mehr Zeit lassen und alles ausprobieren, was ich will. Es wird mein erstes echtes Album, wenn Sie so wollen, Sir."

Sir!? Ja, er ist auf eine altmodische Art höflich, dieser nicht sehr großgewachsene junge Mann mit dem perfekten Aussehen für eine globale Karriere: Seine Gesichtszüge vereinen Asien mit Lateinamerika, seine Sozialisation und sein Habitus ist pures amerikanisches Selbstbewusstsein. Alles an ihm wirkt ein bisschen retro, erinnert an die Fifties, die große Zeit des Pop-Aufbruchs, und mit seiner Schmalztolle stilisiert er sich zur modernen Version von "La Bamba"-Sänger Ritchie Valens. Kein Wunder, dass vor allem Teenager ihm verfallen, dem Schmusesänger, der seine zuckrig-naiven Lovesongs aus dem Soul der Motown-Ära, aus Reggae, R&B und frühem Rock'n'Roll schöpft.

Dass Musikkritiker das keusche Sex-Geplänkel seiner Schnulzen unbeholfen finden und im zeitgeistigen Sammelsurium seiner musikalischen Einflüsse den originären Charakter vermissen, lässt ihn kalt: "Kritiker können mich mal. Ich mache Musik für meine Fans und ernähre meine Familie. Was fällt einem Kritiker ein, darüber zu urteilen? Ich verstehe diesen Berufsstand nicht", schimpft er, um dann aber doch einzuräumen: "Beim nächsten Album mögen sie's hoffentlich."

Mars genießt den Erfolg nach einer langen Phase des Herumwurstelns sichtlich. Vor ein paar Jahren, kurz nachdem er 2002 mit nicht viel mehr als einem Koffer voller Klamotten nach L.A. gezogen war, nahm ihn Motown unter Vertrag. Jackpot! Doch Mars und die legendäre Musikfirma passten nicht zusammen, es war zu früh. Das Label wusste nichts mit ihm anzufangen, er selbst hatte noch keine Ahnung, was er wollte.

Die Niederlage von damals kompensiert er nun mit einer sympathischen Großspurigkeit, die mehr Rock'n'Roll ist, als einem Teenie-Idol von heute zuzutrauen ist: Im September 2010, kurz nach dem Charteinstieg seines Albums in den USA, wurde er in Las Vegas mit Kokain erwischt und zu 2000 Dollar Strafe und 200 Stunden Sozialarbeit verdonnert. "Aber ich rauche nicht vor den Kids", lächelt er, während er sich im Nichtraucher-Hotelzimmer wie selbstverständlich eine "American Spirit" anzündet. Das Rampenlicht braucht er wie jeder Musiker, den der schnelle Erfolg zum Junkie gemacht hat: "I need that high".

Was Bruno Mars in jedem Fall braucht, um nicht als Eintagsfliege 2011 in die Pop-Annalen einzugehen, ist ein zweites Hit-Album. Und daran wird kräftig gearbeitet. Mars ist schlau genug, um nicht wieder alles alleine zu machen. "Ich hätte große Lust, mit verschiedenen Leuten zusammenzuarbeiten, um aus meiner Komfortzone herauszukommen, Neues auszuprobieren", erklärt er und schwärmt von seinem ebenso erfolgreichen, aber auch bei Kritikern beliebten Kollegen Brian Burton alias Danger Mouse. Der produziert unter anderem das Rockduo The Black Keys und wurde als eine Hälfte des Duos Gnarls Barkley selbst zum Star. "Mit ihm würde ich gerne etwas machen", sagt Mars. "Vielleicht entsteht dabei ja so ein Quincy Jones/Michael Jackson-Effekt."

Der Jazz-Veteran Jones produzierte ab 1979 die Jackson-Alben "Off The Wall", "Thriller" und "Bad" und machte den Jackson-5-Aussteiger damit zum "King of Pop". Drunter geht's nicht für Bruno Mars, so viel ist klar. "Jeder braucht einen Quincy Jones. Vielleicht hasst man sich, vielleicht entsteht aber auch neue Kreativität", sagt er. Popmusik zu machen, das sei letztlich genau wie ein wissenschaftliches Experiment: "Meistens fliegt dir alles in die Luft. Aber manchmal? Manchmal gelingt dir der Zaubertrank."

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels behaupteten wir, Bruno Mars hätte bereits 30 Millionen Singles verkauft. In Wahrheit sind es nur rund 15 Millionen. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.



insgesamt 8 Beiträge
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ZiehblankButzemann 09.12.2011
1. Seine Stimme nervt manchmal!
Also allzuviel kann ich von dem Bruno Mars nicht hören, dann reicht´s nämlich irgendwann. Trotzdem muss man ihm bescheinigen, daß er ein unheimlich talentierter Musiker ist. Seine Songs sind so ziemlich das Beste, was derzeit so im langweiligen David-Guetta Chart Universum sein Unwesen treibt. Selbst die Videos von Bruno Mars sind wirklich sehr gut gelungen. Und nochmal was zur Stimme, er hat eine wirklich gute markante Stimme, nur nach einer gewissen Zeit nervt die manchmal. Ging mir aber bei Michael Jackson auch so. Verbeugung vor einem Ausnahmetalent.
farang 09.12.2011
2. Wer ist Bruno Mars
Bruno Mars? Noch nie gehört. Nun hab gard mal bei Youtube reingeschaut. Naja Zahnspangenmusik für Teenies bis 16 eben. :-)
cor 09.12.2011
3. Geschmackssache
Ja, glaube ich sofort, dass er genau so berühmt wie Michael Jackson wird. Es gibt ja offensichtlich genug Leute, die auf unkreative Radio-Schnulzen stehen und sich so was stundenlang anhören können. Es gibt auch Leute, die Twilight toll finden. Für mich ist beides die reinste Folter. Wenigstens ist er kein one-hit-wonder und hat eine gute Stimme.
marcshit 09.12.2011
4. Popterrorismus
"And stab Bruno Mars in his goddamn esophagus And won't stop until the cops come in" Songzitat aus "Yonkers" Von Tyler the Creator
frau_flora 09.12.2011
5.
Also ich mag das Gekrähe von dem auch nicht. Aber naja, bin ja auch kein Teeny. Jedenfalls sollte er vielleicht erstmal seine Muttersprache richtig lernen bevor er öffentlich singt. Aus "Lazy Song": "I just wanna layin my bed". Was möchte er denn legen? Ostereier? Aber SPON-Reportern geht's da offensichtlich auch nicht besser. Was ist denn z.B. eine "Philippinerin"?
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