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Retro im Pop: Duffy, Gaga und alle anderen

Foto: Peter Morrison/ AP

Pop-Vordenker Reynolds "Musik ist die entscheidende Kunstform"

Sixties-Soul, Seventies-Rock, Eighties-Disco: Pop schaut nur noch rückwärts. Der Musik-Vordenker Simon Reynolds hat jetzt ein Buch über diese "Retromania" verfasst. Im Interview spricht der Kritiker über unsere Sehnsucht nach dem Gestern - und den Fluch von Internet und iPod.

Im Kino läuft die Siebziger-Jahre-Hommage "Super 8", das Radio spielt Amy Winehouses Sixties-Soul, das Fernsehen dreht von "3 Engel für Charlie" bis "Dallas" seine größten Serienerfolge noch einmal, und auf den Straßen tragen junge Menschen den Vintage-Chic von Urban Outfitters: Nie war die Vergangenheit präsenter als heute. Doch was heißt das? Fliehen wir vor der Gegenwart?

Der gefeierte englische Musikkritiker und Pop-Vordenker Simon Reynolds (siehe "Zur Person") beschäftigt sich in seinem aktuellen Buch "Retromania" (bislang nur auf Englisch bei Faber and Faber erschienen) mit der Vergangenheitsbesessenheit der Popmusik. Sein Bogen reicht dabei von der überraschenden Rückwärtsgewandheit vieler Punk-Musiker bis zum gespenstisch-cleveren Retrosound von Künstlern wie Oneohtrix Point Never.

"Retromania" ist präzise in der Beobachtung und kontrovers in der Analyse. Deshalb startet SPIEGEL ONLINE eine Artikelserie: Stimmt es, dass Popmusik retrofixiert ist? Und was ist mit anderen Kulturbereichen - mit Kino, Fernsehen, Mode, Architektur? Sind auch sie im Griff der Vergangenheit? Zum Auftakt: Simon Reynolds im Interview.

SPIEGEL ONLINE: Herr Reynolds, seit wann leben wir im Gestern?

Reynolds: Das Gefühl überkam mich um 2004, als ich ein Buch über Post-Punk schrieb. Post-Punk als historische Periode franste ziemlich aus, trotzdem hatte ich das Gefühl, dass diese innovative Phase zu einem Ende kam und zwar als Bands aufhörten, über die Zukunft zu reden und anfingen, sich auf die Sechziger zu beziehen - REM klangen zum Beispiel plötzlich wie die Byrds. Das brachte mich zum Nachdenken über Retro- und Revival-Kultur. Akut stellte sich diese Frage mir aber erst, als diese "Don't look back"-Konzerte aufkamen, bei denen Bands ihr erfolgreichstes Album komplett durchspielen.

SPIEGEL ONLINE: Zu Beginn des Buchs zählen Sie in einer fast endlosen Liste auf, was für Künstler alte Musikstile imitieren, welche Bands sich wiedervereinigt haben und welche angefangen haben, wieder altes Material zu spielen (siehe Fotostrecke). Hat Sie die Recherche dafür deprimiert?

Reynolds: Nein, eher noch mehr fasziniert. Ich hatte Rock und Pop immer mit Innovation assoziiert, nie mit Nostalgie. The Who sangen doch "Hope I die before I get old", die Beatles "Tomorrow never knows". Das waren Songs über das Jetzt. Je mehr ich aber recherchierte, desto komplexer stellte sich mir das Verhältnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im Pop dar. Tatsächlich enthielt Pop immer ein nostalgisches Moment. Schon in den sechziger Jahren waren viele überzeugt, dass die Fünfziger die besten Zeiten von Pop waren.

SPIEGEL ONLINE: Sie beschäftigen sich auch mit vergangenen Retro-Hypes und zeigen, wie sehr sich Punk beim Garagen-Rock der Sechziger bediente. Das scheint für Sie akzeptabler zu sein. Was ist heute anders?

Reynolds: Ich wollte erkunden, wie sich Pop mit der eigenen Vergangenheit auseinandersetzt. Aber erst, als ich das Buch abschloss, habe ich verstanden, dass Pop nie nur eins ist - modern oder postmodern. Es ist beides zugleich. Es gab immer schon zwei Fraktionen, die um die Seele von Pop und Rock gestritten haben. Die eine ist modernistisch, fortschritts- und zukunftsorientiert, die andere nostalgisch, auf Rückschritt bedacht. Pop war Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger am fortschrittlichsten. Genau zu diesem Zeitpunkt wurde in der Kunst und der Architektur zum ersten Mal über die sogenannte Postmoderne diskutiert. Während sich die Musik auf dem Höhepunkt des Fortschritts fand, wurde Modernismus in anderen Kultursparten bereits als tot angesehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie führen die aktuelle Vergangenheitsfixiertheit vor allem auf das Internet zurück und nennen es "Anarchiv", weil es unendlich viel Material speichert, ohne es zu ordnen. Was genau stört Sie an der Digitalisierung?

Reynolds: Ich war einer der ersten Rockkritiker mit eigener Website, ich habe wie wild Musik runtergeladen, außerdem habe ich eine absurde Anzahl an Blogs. Aber wie viele Enthusiasten der ersten Stunde habe ich gemerkt, dass das Internet Auswirkungen darauf hat, wie man Dinge wahrnimmt und sie schätzt. Ich bin nicht der Einzige, der denkt: "Ich hör mit dem Internet auf." Viele Leute ziehen sich zurück und schließen ihre E-Mail-Konten, weil sie das Gefühl haben, schlechte Partner oder Eltern zu werden. Sie sind ständig vernetzt, verlieren aber den Kontakt zu ihrer direkten Umgebung.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie es sich als professioneller Musikkritiker überhaupt erlauben, "mit dem Internet aufzuhören"?

Reynolds: Nein, tatsächlich habe ich mir gerade einen neuen, leistungsstärkeren Computer gekauft. Die Digitalkultur hat aber viel von der Freude, die man aus neuen Musikformen ziehen konnte, zerstört. Das liegt daran, wie leicht man heute an Massen von Musik kommen kann. Eine der vorherrschenden Ideologien unserer Zeit ist Bequemlichkeit. Je besser sich ein Produkt unseren Wünschen und Bedürfnissen anpasst, desto mehr wird es geschätzt. Gleichzeitig wächst die Zahl der Menschen, die es sich nicht so leicht machen wollen. Die sich auf altmodische Tonträger stürzen - zum Beispiel Platten oder Kassetten.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Problem also gar nicht, dass es nicht genug innovative Musik gibt - sondern dass wir gar nichts von ihr mitbekommen, weil wir mit unseren iPods beschäftigt sind?

Reynolds: In gewisser Weise ja. Das Internet bietet diese verrückte Auswahl an, und das treibt die Menschen auseinander. Du gräbst dich einfach nicht mehr in eine Sache so sehr ein. Jeder hört mittlerweile eine irre Bandbreite an Musik, weil einem das gesamte Archiv und dazu alles, was gerade global produziert wird, sofort zur Verfügung steht.

SPIEGEL ONLINE: Was bedeutet das für die Musiker? Brauchen wir Künstler, die sich möglichst wenig mit der Pop-Geschichte auskennen?

Reynolds: Man muss schon sehr viel Phantasie haben, um mit der Masse an unterschiedlichen Einflüssen umgehen zu können. Wenn du alles gehört hast, überschreibt sich alles gegenseitig. Die größten Innovationsschübe kommen meistens auch aus relativ abgeschotteten Szenen, so wie Grime, einer der Trends, der mich im letzten Jahrzehnt am meisten begeistert hat.

"Ich beschwere mich nicht, dass Leute Einflüsse haben"

SPIEGEL ONLINE: Ein Aspekt, den Sie in Ihrem Buch streifen, ist die Idee, dass sich manche Leute auf Retro stürzen, um der Hyper-Konsumkultur zu entkommen, die einen dazu bringen will, ständig neue Dinge zu kaufen.

Reynolds: Nur eine Vermutung. Rockabilly-Leute zum Beispiel sind Hyper-Konsumenten - die sammeln wie besessen Platten und sind bereit, sehr viel Geld dafür auszugeben. Die entkommen der Konsumkultur nicht, die steigen nur aus dem aktuellen Markt aus.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt soziale Abgrenzung bei Retro-Phänomenen?

Reynolds: Zumindest in den USA und Großbritannien scheinen Retro und Vintage klassenspezifisch zu sein. Je mehr Geld die Leute haben, desto stärker interessieren sie sich für alte Dinge - und je weniger sie haben, desto mehr mögen sie neue Sachen. In Großbritannien begeistern sich die herrschenden Klassen zum Beispiel für die Jagd - also etwas, das dem 17. Jahrhundert entstammt. Dahinter steckt der Wunsch, dass wieder eine Zeit kommt, in der jeder weiß, wohin er gehört.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch fehlt eine tiefergehende Auseinandersetzung damit, wie Pop- und Jugendkultur verzahnt sind. Welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen Alter und Wertschätzung von Pop?

Reynolds: Einen Krieg der Generationen scheint es nicht mehr zu geben. Musiker erzählen häufig, dass ihre Mutter sie auf Velvet Underground gebracht hat. Die Frage ist eher: Was tun, wenn man coole Eltern hat? Eine Option ist es, sich gar nicht für Pop zu interessieren. Mein Sohn ist elf Jahre alt, und ich glaube, dass Musik für ihn verdorben ist - schließlich ist sein Vater Rockkritiker und hört seltsame Musik, zu der er seltsam tanzt. Mein Sohn interessiert sich eher für Computerspiele und Social Media. Musik ist da nur ein Inhalt, den er zwischen verschiedenen Medien hin- und herbewegt. Meine Generation dagegen hat Musik stets als das Zentrum erachtet. Das sieht man auch in anderen Kulturbereichen. Dem Hollywood der Siebziger merkt man an, dass es glaubte, Rockmusik und nicht Film wäre das wahre Ding. Diese Einstellung findet man so nicht mehr.

SPIEGEL ONLINE: Beschweren sich also nur noch Ältere über Retro-Hypes - weil sie die Einzigen sind, die noch Erwartungen an Pop- und Rockmusik haben?

Reynolds: Kann sein. Aber ich kenne auch viele junge Leute, die unzufrieden sind. Die haben ein ausgeprägtes historisches Bewusstsein, was Musik betrifft, und die haben die Legenden über super-innovative Phasen wie Rave oder Post-Punk gehört. Nur Leute, die sich nicht weitergehend für Musik und ihre Geschichte interessieren, sehen keinen Grund zur Besorgnis. Die glauben, dass es schon immer so war.

SPIEGEL ONLINE: Beunruhigt Sie das?

Reynolds: Ja. Die Leute scheinen sich gar nicht mehr vorstellen zu können, dass es mal eine Zeit gab, in der Pop innovativ und richtungweisend war. Heute heißt es: "Die Stones haben sich ihre Blues-Riffs auch nur zusammengeklaut". Aber darum geht es nicht. Ich beschwere mich nicht, dass Leute Einflüsse haben oder Ideen aus der Vergangenheit aufgreifen. Ich beschwere mich, dass ein großer Teil der zeitgenössischen Rockmusik nur die eigene Geschichte nachempfindet und ihr nichts hinzufügt.

SPIEGEL ONLINE: Was motiviert Sie, weiter nach neuer Musik zu suchen?

Reynolds: Ich habe immer geglaubt und tue es noch, dass Musik die entscheidende Kunstform ist - die, an der man sozusagen die Zeit ablesen kann. Jetzt muss man sich fragen, ob es nicht hinfällig ist, Musik so zu betrachten. Die vergangenen zehn Jahre haben Stillstand produziert. Wirtschaftlich überhaupt nicht, da waren die Umwälzungen gigantisch - vergleichbar mit der Industriellen Revolution. Vielleicht muss es da erst wieder eine Angleichung geben. Ich bin neugierig darauf, was passiert. Wenn eine Generation heranwächst, die gar kein Gespür für Geschichte hat, kann es gut sein, dass sie richtig interessante und seltsame Musik produziert.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt klingen Sie versöhnlicher als in Ihrem Buch.

Reynolds: Klar, ich glaube immer noch, dass die Zukunft vor uns liegt. Pop wird den Menschen immer viel bedeuten. Menschen sind außerdem sehr schlau. Sie werden Musik ihren Zwecken anpassen. Und vielleicht passiert es ja auch genau in diesem Moment.

Das Interview führte Hannah Pilarczyk

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