Popband Die Ärzte "Wir galten als Teufelszeug"

Die Berliner Popband Die Ärzte sprach mit SPIEGEL ONLINE über das Revival des deutschen Punkpop, politische Botschaften auf T-Shirts und ihr neues Album "Geräusch".


Die Ärzte: "Anfangs ein Leben der Widersprüche"

Die Ärzte: "Anfangs ein Leben der Widersprüche"

SPIEGEL ONLINE:

"Unrockbar", die erste Single Ihres neuen Albums "Geräusch", ist direkt auf Nummer eins der Hitparade eingestiegen. Sie ist, wie Ihr ironischer Erfolgssong "Männer sind Schweine", eine Abrechnung mit dem anderen Geschlecht. Haben Sie etwas gegen Frauen?

Farin Urlaub: Überhaupt nicht, aber ich habe etwas dagegen, dass ich seit fünf Jahren von Frauen mit "Du bist doch der mit 'Männer sind Schweine'" angesprochen werde.

SPIEGEL ONLINE: Mit "Unrockbar" machen Sie sich aber auch nicht beliebter: Es ist eine Hasstirade gegen eine Frau, die den falschen Musikgeschmack hat, weil sie Shakira-Alben hört. Ist da in Ihrem Privatleben einiges schief gegangen?

Urlaub: Erstens: Jeder Mensch greift mal daneben, ich also auch. Und zweitens: Liebeslieder zu schreiben ist ungeheuer schwer. Wenn es um glückliche Liebe geht, wird es noch schwieriger. Aber ich versichere Ihnen: Mein Privatleben findet sich nicht in meinen Texten wieder.

SPIEGEL ONLINE: Insgesamt ist es Ihnen ohnehin gelungen, Ihr Privatleben nahezu perfekt abzuschirmen. Wie haben Sie das geschafft?

Bela B.: Jeder erwartet doch sowieso, dass wir uns Drogen- und Alkoholexzessen hingeben, warum sollte man also darüber berichten? "Bild" oder "Gala" ignorieren uns weitgehend, und das ist gut so.

SPIEGEL ONLINE: Insgesamt sind die Ärzte eher durch flotte Nonsens-Texte aufgefallen als durch ernste Lieder, ob nun über Liebe oder über Politik. Auf Ihrem neuen Album "Geräusch" rufen Sie plötzlich in dem Song "Deine Schuld" zum aktiven Protest gegen soziale und politische Missstände auf. Verhalten Sie sich denn vorbildlich und gehen selbst auf die Straße?

Urlaub: Ich war tatsächlich bei der allerletzten Demo gegen den Irak-Krieg in Berlin dabei. Danach habe ich sogar so etwas wie ein zufriedenes Gefühl darüber verspürt, etwas getan zu haben, dabei gewesen zu sein.

Bela B.: Wer so in der Öffentlichkeit steht wie wir, trägt eine gewisse Verantwortung. Deshalb fand ich auch die Aktion der No Angels, von denen mich sonst doch einiges trennt, einen Preis bei der "Echo"-Verleihung in "No War"- T-Shirts entgegenzunehmen, sehr gut.

Urlaub: Deren Fans haben "No War" hoffentlich nicht für eine Modemarke gehalten. Mir wäre unwohl dabei, als Musiker dauernd für den guten Zwecke zu werben. Das wird dann schnell so beliebig wie bei Sting.

Bela B.: Entschuldige, unsere Fans haben schon damals in den Achtzigern dein "Racism sucks"-T-Shirt, das von dem Modelabel der New Yorker Punkband Fishbone stammte, für ein Farin-T-Shirt gehalten und in den Läden danach gefragt. Da war die politische Botschaft auch zum modischen Accessoire geworden.

Neues Ärzte-Album "Geräusch": "Liebeslieder zu schreiben ist ungeheuer schwer"

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SPIEGEL ONLINE: In Jürgen Teipels Bestseller "Verschwende deine Jugend" wird die Entstehung der deutschen Punk- und Alternativszene in den Achtzigern dokumentiert. Da waren die Ärzte auch schon eine bekannte Band. Weshalb kommen Sie in dem Buch nicht vor?

Bela B.: Wir haben erst zum Ende der darin beschriebenen Jahre angefangen und sind außerdem noch schnell zur Musikindustrie gewechselt. Wir galten deshalb als Teufelszeug.

SPIEGEL ONLINE: Damals hat sich eine eigenständige deutsche Popkultur entwickelt, auf die jetzt junge Bands wie Wir sind Helden wieder zurückgreifen. Was halten Sie von dem Revival des Punkpops?

Rod Gonzalez: Ich glaube, die Leute sind inzwischen gelangweilt von der ganzen elektronischen Clubmusik und wollen wieder Handgemachtes hören.

Urlaub: Wir sind Helden erinnern mich schon wegen der Wortspiele in den Texten eher an Neue-Deutsche-Welle-Bands wie Ideal als an Rock oder Punk.

Bela B.: Und mit denen wollten wir nicht in Verbindung gebracht werden. Zur Neuen Deutschen Welle gehörten Extrabreit und Markus, und die waren uncool.

SPIEGEL ONLINE: Nützt Ihnen das derzeitige Comeback deutschsprachiger Musik dennoch?

Gonzalez: Alles, was die Leute in die Plattenläden zieht, ist gut. Erst gehen sie in die Nu-Rock-Abteilung, und dann nehmen sie noch schnell das neue Ärzte-Album mit.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrer offiziellen Biografie heißt es, Sie wollten von Anfang an Popstars imitieren. Bedeutet das, Sie wollten so sein wie die?

Bela B.: Nein, im Gegenteil. Wir haben uns über die kurzlebigen Hits aufgeregt. Dexy's Midnight Runners zum Beispiel. Wenn Farin und ich an der Bushaltestelle "Rathaus Spandau" standen, wo wir nach den Proben immer ewig auf den Nachtbus warten mussten, haben wir uns die Zeit damit vertrieben, die Posen dieser Saison-Popstars zu imitieren. Irgendwann haben wir beschlossen, uns einen großen Witz daraus zu machen und selbst Stars zu werden.

SPIEGEL ONLINE: 1984 waren die Ärzte zum ersten Mal auf einem "Bravo"-Cover abgebildet. Hatten Sie in diesem Moment das Gefühl, Ihr Ziel, Popstars zu werden, erreicht zu haben?

Bela B.: Es war anfangs ein Leben der Widersprüche. Wir stiegen mit gefälschten Schülerausweisen in einen Bus und fuhren an Plakatwänden vorbei, auf denen unser Poster hing. Das war bizarr.

Urlaub: Bela und ich standen mal zusammen in der U-Bahn und belauschten folgenden schönen Dialog zweier Schuljungs: Der eine: "Schau mal, da stehen die Ärzte." Darauf sagt der andere: "Bist du verrückt, die fahren doch nicht U-Bahn."

Popveteranen Rod Gonzalez, Bela B. und Farin Urlaub: "Solange die Puhdys spielen, machen wir auch weiter"

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SPIEGEL ONLINE: Inzwischen sind die Ärzte nicht nur Popstars, sondern auch Unternehmer mit der eigenen Plattenfirma Hot Action Records. Sind Sie von der Umsatzkrise der Musikindustrie betroffen?

Urlaub: Natürlich. Aber wir leiden auf hohem Niveau. Wir haben die fetten Jahre des Musikgeschäfts noch mitgenommen, und es wäre unfair gegenüber Nachwuchsbands, wenn ausgerechnet wir uns beklagen würden. Aber diese jungen Bands müssen Instrumente kaufen, erst mal das Studio bezahlen - und dann sagen die Fans: Supergeile Platte, muss ich mir gleich mal brennen. Diese Leute sind in echter Existenznot.

Bela B.: Da gebe ich Dir Recht. Aber mit der Musikindustrie habe ich kein Mitleid. Die großen Labels haben alles, was irgendwie Erfolg versprach, hundert Mal kopiert und auf den Markt geworfen. Der Choreograf von "Popstars", Dee, spricht von Musik nur noch als Produkt, wie die No Angels auch. Da kann ich Musikfans nicht vorwerfen, dass sie sich von ihrem wenigen Geld Computerspiele kaufen.

SPIEGEL ONLINE: Die Musikindustrie macht auch die Raubkopiererei verantwortlich für den Umsatzabsturz. Haben Sie Ihr neues Werk kopiergeschützt?

Bela B.: Nein, und es ist natürlich dumm, dass ich das jetzt so ausposaune. Wir möchten, dass unsere CDs auch auf alten Playern abzuspielen sind. Ich habe die Hoffnung, dass unsere Fans unsere aufwändigen Cover zu schätzen wissen und den Bonus-Track auf dem Album, der nicht kopierbar ist.

Gonzalez: Dass Madonna als Hits getarnte MP3s ins Internet gestellt und darin dann die Fans wegen der Klauerei mit den Worten "Fuck yourself" beschimpft, verstehe ich nicht. Das ist doch eigentlich die beste Werbung, wenn die Leute sich die Musik erst mal im Internet anhören können. Ich glaube, sie hat sich damit nicht gerade beliebt gemacht, denn die Platte "American Life" hat sich ziemlich schlecht verkauft.

Bela B.: Das ist doch nicht der Grund für den Flop. Madonnas Platte ist einfach nicht gut.

SPIEGEL ONLINE: Eine Karriere über zwei Jahrzehnte macht die Ärzte zu echten Popveteranen. In dem neuen Lied "Schneller Leben" plädieren Sie dafür, dass Popstars früh abtreten, ein Zeitpunkt also, den Sie selbst verpasst haben. Verarbeiten Sie in dem Stück Ihre Midlife Crisis?

Urlaub: Das ist natürlich Ironie, wenn auch mit dem ernsten Hintergrund, den alle unsere Stücke haben. Wir sind natürlich verdammt alt für die Musik, die wir machen. Und bevor ein anderer uns das vorwirft, spreche ich das lieber selber aus, denn keiner kann das so charmant sagen wie wir selbst.

Bela B.: Unsere Devise ist: Solange die Puhdys spielen, machen wir auch weiter.

Interview: Christoph Dallach, Marianne Wellershoff



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