Popband Mia "Wir sind definitiv links"

Mit naiven Texten über eine neue deutsche Identität hat die Popband Mia die eigene Alternativ-Szene gegen sich aufgebracht. Dabei träumen die sympathischen, anarchistisch angehauchten Berliner eigentlich die richtigen Träume zur richtigen Zeit.

Von Ulf Lippitz


Mia-Sängerin Mieze: Kindliche Sturheit
NDR

Mia-Sängerin Mieze: Kindliche Sturheit

So ein Tathergang schreit nach großen Gefühlen: Nachdem die Band Mia ein Lied über deutsche Identität veröffentlicht, beschimpfen die eigenen Reihen sie als nationalistisch, Auftritte in linken Clubs werden abgesagt, auf einer Studenten-Demo fliegen Eier auf die Bühne, auf der man soeben noch gestanden hat - und die nachfolgende Band urteilt angesichts der herumliegenden Schalen: "Wer Scheiße sät, wird Scheiße ernten."

Das alles ist der Berliner Combo im Januar passiert, weil sie auf der Single "Was es ist" das schwierige Verhältnis zur Heimat Deutschland thematisiert und zum Schluss kommt: "Fragt man mich jetzt, woher ich komme, tu ich mir nicht mehr selber leid."

Leid tut Mieze, 24-jährige Sängerin der Band, auch heute nichts - weder der Stein des Anstoßes noch die steinharte Ernte. Wut, Aggression, Verbitterung - Fehlanzeige. "Nein", sagt sie mit kindlicher Sturheit. "Ich habe dafür Verständnis." Mia sind Kinder der Diskutier-Gesellschaft.

"Wir hatten dieselben Berührungsängste - bis wir festgestellt haben, wie verklemmt wir eigentlich sind." Wenn es eine Befürchtung gab, dann die, von den falschen Leuten vereinnahmt zu werden. Aber: "Wir sind definitiv links", sagt Mieze, und Drummer Gunnar Spies nickt. Mia hoffen, dass man Dinge verändert, wenn man über sie redet, respektive singt. Das ist ihr Ärger-Bewältigungs-Ritus.

Popband Mia: Vermarktung über den klebrigen Berlin-Hype

Popband Mia: Vermarktung über den klebrigen Berlin-Hype

Auf ihrer zweiten Platte "Stille Post" geben sie viele Anregungen zur besseren Menschwerdung: wie man ökologisch Strom nutzt, wie man richtig protestiert, wie man weiter kämpfen und hoffen soll. Das ist im Fall des Liedes "Ökostrom" sehr konkret, in anderen Songs generalisierend abgehandelt. Das wirkt je nach Auslegung sympathisch oder dumm, atmet jedoch den Hauch der Anarchie.

So wie ihre Taten: Nach einem Auftritt bei MTV plünderten sie den Kühlschrank im Aufenthaltsraum, steckten sich Cola-Flaschen in die Taschen und drückten dem Journalisten einen Liter Orangensaft in die Hand. "Dann brauchst du sie dir nicht kaufen", lautete das schlagende Argument.

Weniger überzeugte ihre Strategie, mit der sie das Debüt "Hieb und Stichfest" vor zwei Jahren bewarben. Bereitwillig ließen sie sich über einen klebrigen Berlin-Hype vermarkten, der in Osnabrück genauso kritisiert wurde wie in Berlin-Mitte. Aus Berlin zu kommen heißt nicht, mehr von der Welt zu verstehen als anderswo.

So ein Verfahren degradiert Mia aber nicht gleich zu schlechten Musikern. Auf dem neuen Album finden sich hervorragend eingängige Titel, gelingt die angestrebte Mischung aus elektronischen Themen und rockigen Tönen. Alle fünf Mitglieder haben vorher in anderen Bands gespielt. Gitarrist Andy vertreibt unter dem Projekt Trike knarzige Elektro-Musik auf dem renommierten Label Bpitchcontrol.

Mia haben ein anderes Problem: Sie träumen ehrliche, aber unausgegorene Träume. "Stell dir mal vor, wir würden alle aufhören zu jammern und etwas tun", sagt Mieze. "Ich schneide dir die Haare, dafür legst du mir die Fernsehkabel. Arbeit muss doch nicht mit Austausch von Geld verbunden sein." In der schummrigen Beleuchtung des Schlafzimmers reizen solche Utopien, im gleißenden Licht der Öffentlichkeit haftet ihnen schnell das Etikett der Naivität an. Mia wissen darum, kämpfen aber für ihre Position. Glaube versetzt Berge und Einwände. "Die Gedanken sind frei", sagt Mieze.

Pseudo-Anarchistin Mieze: "Natürlich waren wir auf der Demonstration"

Pseudo-Anarchistin Mieze: "Natürlich waren wir auf der Demonstration"

Das Selbstbewusstsein teilen sie mit der Neuen Deutschen Welle anno 1980. Damals setzten hiesige Bands das erste Mal dazu an, der aufgekratzten Jugend einen Stempel in Heimatslang aufzudrücken. Das gesellschaftliche Rahmenprogramm stimmt auch: Wo früher Tausende gegen die Aufstellung der Pershing II protestierten, stehen junge Menschen heute vereint gegen den Irak-Krieg. "Natürlich waren wir auf der Demonstration", sagt Mieze fast beleidigt. "Wir haben die Nacht davor durchgefeiert und zwei Stunden im Büro geschlafen, um sie auf gar keinen Fall zu verpassen." Sie schwärmt noch heute: "Ich hatte ein sehr wohliges Gefühl."

Zwischentöne haben erstaunlich wenig Platz, obwohl die Band nach eigener Aussage für leise Anregungen sensibilisieren möchte. Aber wer heute Aufmerksamkeit will, darf nicht subtil sein. "Alles neu", forderten Mia kurz entschlossen auf der ersten kommerziellen Single 2002. Die Band spielte erst zwei Jahre zusammen, hatte einen Vertrag bei dem kleinen Label R.O.T. und plötzlich einen Vertriebsdeal mit der großen Sony. Der japanische Konzern war mit seiner Europazentrale gerade an den Potsdamer Platz gezogen und hatte sich in einem Rundumschlag sämtliche Bands der jungen Hauptstadt-Szene einverleibt. Heute ist Mia eine der wenigen Gruppen, die den anschließenden Kahlschlag im Künstler-Repertoire überlebt hat.

"Wir haben so ein Glück", meint Mieze. "Dass wir zuerst eine und jetzt die zweite Platte machen können. Allein dass wir die Möglichkeit haben Promotion zu machen!" Sie lebt Musik, freut sich auf jedes Konzert und unterbricht einen Auftritt schon mal, wenn sich Zuschauer gemütlich auf Sofas fläzen anstatt ehrlich abzurocken. Wenn es nach ihr ginge, würde sie laufend touren. "Ausruhen?", fragt sie. "Das kann ich später immer noch."

Auf der Aftershow-Party der Echo-Verleihung nippt sie an einem Cocktail und guckt skeptisch in die Runde. Sie hat mit Ben Becker und viel Herzklopfen einen Preis präsentiert. "Aber eigentlich gehöre ich mit meinen Jungs hierher", sagt sie. "Nächstes Jahr werden wir hier auf der Bühne spielen." Bis dahin müssen Mia erst einmal die Hürde des Grand Prix nehmen. An der nationalen Ausscheidung am 19. März nehmen sie mit der neuen Single "Hungriges Herz" teil - ein rührender Titel, eine glänzende Hymne über die Liebe. Das ist ein großes Gefühl, auf das sich alle einigen können.


Mia: Stille Post wurde am 8. März 2004 bei R.O.T./Sony Music veröffentlicht





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