Popband Wir sind Helden "Wir wollen keine Klassensprecher sein"

Die freche Berliner Popband Wir sind Helden galt schon vor der Veröffentlichung ihres ersten Albums als neue Hoffnung der Generation Golf zwei. "Die Reklamation" löst das Versprechen von NDW-artigen Ohrwürmern mit intellektuellem Anspruch ein. Weltverbesserer wollen die neuen Helden allerdings nicht sein.

Von Ulf Lippitz


Popband Wir sind Helden: "Nicht nur wir vier sind Helden, sondern wir alle"

Popband Wir sind Helden: "Nicht nur wir vier sind Helden, sondern wir alle"

In ihrer Sendung "Fast Forward" forderte Charlotte Roche kürzlich die Zuschauer auf, für einen Tag ein Held zu sein. Die Aufgabe bestand darin, einen Mitmenschen aufzusuchen, ihm auf die Schulter zu tippen und zu sagen: "Hallo, ich möchte heute dein Held sein." Diese volksnahe Auffassung von Heroismus teilt die Moderatorin mit der Band Wir sind Helden - ein rumpelndes, funkelndes Quartett aus Hamburg und Berlin, das mit seinem Debüt "Die Reklamation" als neue Pop-Hoffnung Deutschlands gehandelt wird. Die Helden sagen: "Nicht nur wir vier sind Helden, sondern wir alle."

Wer solche Slogans schmettert, generiert normalerweise müdes Kopfnicken. Aber Wir sind Helden haben eine umwerfende Geheimwaffe: die Sängerin, Texterin und Gitarristin Judith Holofernes. Jeder möchte der zierlichen 27-Jährigen auf die Schulter klopfen, sie in den Arm nehmen und ihr sagen, wie toll ihre Single "Müssen nur wollen" bei voller Lautstärke nach der Achtziger-Band Propaganda klingt. Judith saß sich bei Harald Schmidt die Gesäßbacken platt, schmückte das Gruppenbild der coolsten Jung-Deutschen für die neue Zeitgeist-Postille "Neon" und gab dem Berliner "Tagesspiegel" eine Seite lang Auskunft über die Generation 2003 - alles wohlgemerkt vor Veröffentlichung eines rezensierbaren Albums.

Jetzt kommt es in die Läden - und jeglicher Vorwurf von Industrie-Casting prallt an den kraftvollen Liedern zwischen NDW-Pop und Songwriter-Genöle ab. Man kann der Band keinen Strick daraus drehen, dass sie sich bei einem Kurs an der Hamburger Pop-Akademie kennen gelernt und davor nicht bereits dutzende Keller kaputt gespielt hat. Genauso fehl schlagen Versuche, die in den Texten offen formulierte Medien- und Konsumkritik als böse kalkuliertes Marketing zu geißeln. Die Helden von Holofernes heißen Alice Schwarzer und Naomi Klein. Sie verabscheut Einkaufen, liebt Patti Smith und mag Kneipen in Kreuzberg.

Helden-Album "Die Reklamation": Ganz neue deutsche Welle

Helden-Album "Die Reklamation": Ganz neue deutsche Welle

Im Berliner Multikulti-Eck lebt sie, seit sie den elterlichen Hippie-Bauernhof nahe Freiburg verlassen hat. Sie absolvierte Praktika in der Berliner Medienlandschaft (u.a. bei der TV-Sendung "Polylux" und dem Stadtmagazin "Zitty"), erlebte das Scheitern erster Bandversuche auf Grund von "Alkoholismus und mangelnder Motivation" - und machte Erfahrungen mit falscher Einflussnahme.

Das Management der frisch getauften Helden sah nur in Judith entwicklungsfähiges Potenzial. Der Rest - die drei Herren Pola Roy, Mark Tavassol und Jean-Michel Tourette - sollte verschwinden. Judith trennte sich mit einem mutigen "Tschüß" von den gut gemeinten Ratschlägen. Reden will sie darüber nicht. Bei besagter Agentur handelt es sich um einen bekannten Pop-Act, mit dem die Band nicht in Verbindung gebracht werden will. "Wir haben einige Dramen durch gestanden", sagt sie diplomatisch.

Im Herbst letzten Jahres kam der Lohn der Mühen. MTV nahm den Clip zur Konsumverweigerungs-Hymne "Guten Tag" trotz fehlenden Plattenvertrags in eine niedrige Rotation auf, einige Radiosender taten dasselbe. Im Berliner Äther hörte ihn auch Christof Ellinghaus. Der Boss des Indie-Imperiums Labels (The Notwist, Calexico) saß gerade im Auto und "musste vor Schreck rechts ranfahren", so gut gefiel ihm der Titel. Noch am selben Tag besorgte er sich ein Demo und wusste: diese Band will er unter Vertrag nehmen. Eine glückliche Fügung: Labels war auch Wunschpartner Nummer eins der Aspiranten. "Ich habe selten einen so frischen und klugen Umgang mit der deutschen Sprache gehört", begründet Ellinghaus seine Faszination. "Sie haben eine Attitüde, die nicht aufgesetzt wirkt."

Sängerin Holofernes, Schlagzeuger Pola Roy: Schnoddrige Echtheit
DPA

Sängerin Holofernes, Schlagzeuger Pola Roy: Schnoddrige Echtheit

Die schnoddrige Echtheit verhalf den Helden zu kleiner Berühmtheit und großer Identifikationsfläche. "Wir können alles schaffen, genau wie die tollen/ dressierten Affen, wir müssen nur wollen" - die launischen Zeilen über ungebrochenen Optimismus summen Menschen in der ganzen Republik. Judith Holofernes moderiert die Stimmung des "So kann es nicht weitergehen".

Wie es nun voran gehen soll, wird die Frontfrau der Helden jetzt oft gefragt. Sie erfüllt ungefragt eine Vorbildfunktion. "Das ist eine Begleiterscheinung, wenn man überall seine Nase herumzeigt", sagt sie - und lächelt das natürlichste Lächeln seit da Vinci die Mona Lisa auf Leinwand bannte. "Wir haben aber keinen Lehrauftrag und wollen nicht der Klassensprecher dieser Generation werden. Ich will auf gar keinen Fall missionieren. Aber über unsere Musik und Interviews möchten wir Menschen bestärken, etwas anzupacken. Wir wollen zu einer Gesamtstimmung beitragen, die Veränderung begünstigt."

Richtig konkret wird sie nicht. Was, wie oder wer? Es gehe einfach darum, "die anderen Helden abzumelden" - sagt Holofernes. Zaghaft vermeidet sie Schuldzuweisungen, ist bedacht niemanden auf die Füße zu treten und den eingeforderten Heldenanspruch nicht allzu lautstark zu vertreten. "Wir sind nicht angetreten, um alle zu dissen - oder um geiler als die anderen zu sein", meint sie. Das sei einfach nicht heldenhaft.




Das Album "Die Reklamation" ist am 7. Juli bei Labels/EMI erschienen



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