Popband Zimmermänner Sägen am Gitarrenhals

Bei den Zimmermännern muss man schon nachdenken. Weil sie Jahre lang von der Bildfläche verschwunden waren. Und weil sie schlaue Songs machen. Klug ist auch die Haltung der Band zum eigenen Comeback: ziemlich entspannt.

Von Thomas Winkler


Es gibt drei gute Gründe für ein Comeback. Viele Bands haben einfach nur vergessen, warum man sich damals trennte. Noch mehr haben vergessen, ihr Geld vernünftig anzulegen und sind nun gezwungen, noch einmal Kasse zu machen. Und einige wenige Bands überdauern hartnäckig in der Erinnerung ihrer Fans. So gesehen ist das Comeback der Zimmermänner gar kein Comeback: Man hat sich niemals wirklich getrennt, man ist längst in gut situierten Berufen angekommen und war eigentlich, findet Detlef Diederichsen, "nur eine Fußnote, ein Randphänomen".

Pop-Duo Die Zimmermänner: "Obskur und seltsam"

Pop-Duo Die Zimmermänner: "Obskur und seltsam"

Diederichsen muss es wissen. Nicht nur ist er eine Hälfte der Zimmermänner, die gerade, nach einer nur gut zwei Jahrzehnte währenden Veröffentlichungspause, ihr neues Album "Fortpflanzungssupermarkt" heraus gebracht haben, sondern auch sonst als Fachmann qualifiziert. Der kleine Bruder des immer noch als deutscher Poppapst amtierenden Diedrich hat als Musikjournalist gearbeitet, betreibt ein Label und ist seit Herbst vergangenen Jahres Bereichsleiter für Musik, Tanz und Theater im Berliner Haus der Kulturen der Welt.

Als solcher muss er demnächst nach Texas reisen zu "South by Southwest" und anschließend gleich weiter nach Israel, um auch dort eine Musikmesse zu besuchen. Auf "Fortpflanzungssupermarkt" dagegen wird das Spektrum zwischen Paderborn und Bad Ems vermessen. Ein Teil der Songs stammen aus der Feder von Diederichsens Partner Timo Blunck, der längst ein international erfolgreicher Film- und Werbemusik-Produzent ist. Im Portfolio seiner erfolgreichen Firma finden sich Filme von Christian Petzold, aber auch Werbeclips für Ikea oder die Commerzbank.

Blunck und Diederichsen gründeten Die Zimmermänner 1979. Acht Jahre und drei Alben später - die Neue Deutsche Welle schien als musikevolutionäre Sackgasse entlarvt - schrumpfte die Band zum Duo und wird seitdem vornehmlich durch alljährliche Weihnachts-Konzerte notdürftig am Leben erhalten. Nicht mal Einladungen zu den beliebten Retro-Shows im Fernsehen hat man erhalten, bedauert Diedrichsen: "Wir würden ja hingehen, aber wir sind denen wohl zu obskur und zu seltsam".

Eine neue Platte zu machen, schien erst einmal abwegig. "Es gab Zeiten", sagt Diederichsen, "da hat sich niemand für Die Zimmermänner interessiert". Bis ebay erfunden wurde und sich herausstellte, dass die Vinyl-Alben aus grauer Vorzeit zu dreistelligen Euro-Beträgen gehandelt werden.


Bei der Arbeit an einer Box, in der das Gesamtwerk wiederveröffentlicht werden soll, stellten Blunck und Diederichsen fest, dass es plötzlich auch ein Interesse an neuen Songs gab. Zumindest von Alfred Hilsberg, ihrem ersten Mentor. Der Hamburger Indie-Pate bringt "Fortpflanzungssupermarkt" nun auf seinem Zickzack-Label heraus, wo schon die frühen Platten der Zimmermänner erschienen. Ein Kreis schließt sich.

Ansonsten aber ist nicht viel mehr beim Alten. Diederichsen und Blunck haben die Gelegenheit genutzt, mit Hilfe des "riesigen Arsenals an Aufnahmemöglichkeiten, das es heute gibt", endlich die Musik zu machen, die ihnen schon immer vorschwebte, aber allzu oft am eigenen mangelhaften Handwerk scheiterte. "Früher war alle so mühsam", stöhnt Diederichsen.

Vielfalt statt Einfalt

Entstanden ist ein Parforceritt durch Stile und Genres, wie er seinesgleichen sucht, nicht nur hierzulande: Ein fast schon stumpfer Dancetrack wie "Gute Nachtfreunde" folgt direkt auf das atmosphärisch verhallte, mit gestopftem Saxophon veredelte "Tiefs". Das textlich programmatische "Warum schmust Du nie mit meinem Gehirn?" kommt locker daher als Swing-Nummer , und "Regenschirm im Regen" ist ein depressiver Blues. Rockklischees tauchen dagegen bestenfalls als gebrochenes Zitat auf - das Logo der Band, etwas versteckt auf dem CD-Cover rechts oben, ist nicht umsonst ein Handwerker, der an einem Gitarrenhals sägt.

Textlich ist Diederichsen, der als Einflüsse eher Benn und Brecht nennt denn andere Popmusik, zuständig fürs tiefer Gründelnde. Blunck, der zu NdW-Zeiten auch noch bei Palais Schaumburg spielte, dagegen schreibt der Schauspielerin "Christiane Paul" eine sehr ernst gemeinte Hymne, stilisiert sich zum "Zuckermann, der einfach alles kann", und weiß selbst: "Berufsjugendlich war ich wohl bis gestern".

So also klingt Pop für Menschen, die nicht automatisch ihr Gehirn ausschalten beim Musikhören. Entsprechend lesen Blunck und Diederichsen auf einem Booklet-Foto Zeitung, auf einem anderen gucken sie mit gerunzelten Stirnen in einen Baum, als würden sie das Waldsterben untersuchen. Stars sehen anders aus, vor allem Diederichsen mit seinem Polizisten-Schnäuzer. Oder vielleicht gerade so.

Natürlich künstlich

Bei der momentan im deutschen Pop von Grönemeyer bis Wir sind Helden unübersehbare Sehnsucht zum Authentischen spielen Die Zimmermänner jedenfalls nicht mit. Authentizität, sagt Diederichsen, "ist eine Fiktion, eine Marketingstrategie". Sein Popverständnis bezieht sich eher auf den Kunstsinn des Musikdandys Cole Porter. Und natürlich auch auf das Programm der Achtziger Jahre, als man allein mit der richtigen Melodie dachte den Kapitalismus stürzen zu können.

So kann er auch guten Gewissens jede Verantwortung ablehnen für die aktuelle Generation deutsch singender Popmusiker. "Von denen hat niemand die Zimmermänner gehört", sagt er ohne jedes Bedauern, "bei jedem Generationswechsel scheint das Gedächtnis komplett gelöscht zu werden".

Tatsächlich gibt es mehr aktuelle Gründe als historische, Die Zimmermänner für sich zu entdecken. "Fortpflanzungssupermarkt" ist nicht nur besser als alles, was ihnen damals gelungen ist, sondern vor allem auch im Hier und Heute eine ziemlich einzigartige Platte. "So etwas wie Die Zimmermänner gibt es nicht noch mal", schreibt Diederichsen der deutschen Popmusik ins Stammbuch. Sollte man nicht vergessen.



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