Popkomm 2001 Der Konsument versagt - immer wieder

Zwar sind viele der einst aggressiven Internetfirmen von der Popkomm verschwunden, aber kein Thema beherrscht die Messe so sehr wie der Musikkonsum via Download und Stream. Denn der Konsument macht, was er will.


Wer sich von der "Keynote Speech" Jean Marie Messiers, Chef des weltgrößten Tonträger-Konzerns Vivendi-Universal, wesentliche Neuigkeiten erwartet hatte, den enttäuschte der gut gelaunte Franzose mit eher bekannten Beschwörungsformeln. Das Internet sei die große Chance, mehr Verbrauchern mehr Musik zu vermitteln, zu komfortableren Bedingungen, zu jeder Zeit, an jedem Ort. Man müsse diese Chancen nur konsequent und innovativ anzuwenden wissen. Richtig.

Musikmesse Popkomm: Im Schatten des "gesplitteten Entertainment-Dollars"
REUTERS

Musikmesse Popkomm: Im Schatten des "gesplitteten Entertainment-Dollars"

Genau das haben sich die Nutzer von Napster oder Gnutella auch gesagt. Inzwischen gehört Napster zur Industrie und wird von einem Joint Venture von Warner, BMG, Emi und Real Networks betrieben, während Vivendi-Universal sich MP3.com einverleibt hat und gemeinsam mit Sony unter dem Namen "Duet" online firmiert.

Nur: In der Zwischenzeit scheint der Konsument der Industrie irgendwie abhanden gekommen zu sein. Er kauft weniger Tonträger, die das Geld hereinbringen, und interessiert sich mehr für Mode, Videospiele, Reisen, Sport und anderes. Die Meute läuft da hin, wo das Werbe-Horn erschallt.

Die jungen Pop-Käufer - wie Musikmanager gern mit bitterer Ironie feststellen - versagen aus Sicht der Musikindustrie, trotz aller Bemühungen. Nicht immer, aber immer öfter. Das inzwischen geflügelte Wort vom "gesplitteten Entertainment-Dollar" macht die Runde.

Jean Marie Messier glaubt an Marktuntersuchungen, nach denen der Musikkonsument durchaus bereit ist, für online servierte Sounds zu bezahlen, wenn es denn komfortabel ist und das Angebot stimmt. Konsequenterweise bietet Universal inzwischen das gesamte Repertoire an digitalen Vertriebsformen an, auch lizenziert an Partner-Anbieter, die sich an Urheberrecht und Gesetz halten.

Die Tatsache, dass inzwischen immer weniger Venture-Kapitalgeber an windigen Musik-Dot.coms interessiert sind, wertet er darüber hinaus als ermutigend. Denn: "Der Fan kauft keine Vertriebsform, sondern Musik." Seine Voraussage für die nächsten Jahre: Millionen von Endverbrauchern werden ihre individuelle Musikdosis übers Mobiltelefon ordern. Die UMTS-Lizenzinhaber wird es freuen.

Jean-Marie Messier: Bekannte Beschwörungsformeln
AP

Jean-Marie Messier: Bekannte Beschwörungsformeln

Für die Tonträger-Industrie lautet das Zauberwort nicht erst seit gestern "Kooperation". Längst sind die Werbeagenturen ebenso wichtige Gesprächspartner wie Redakteure oder Manager von Künstlern. So hieß denn ein weiteres gut besuchtes Forum der Popkomm "Nächste Ausfahrt: Zielgruppe", und die Plattenfirma Polydor konnte die Erfolgsstory ihrer "No Angels"- Formation beispielhaft abfeiern.

Die Entstehung einer Popgruppe als TV-Serie mit anschließender CD-Veröffentlichung - eine Medienallianz von einmaliger Güte. Das gefiel auch den Reality-formatierten Fans, die der Company einen Megahit bescherten. Fraglich nur, ob der Trick öfter funktioniert. "Big Brother" lässt grüßen.

Aber auch die Fernsehmacher sehen die wachsende Konkurrenz durch das Internet. TV-Insider Christoph Post von der Produktionsfirma "Me, Myself & Eye" wies in diesem Zusammenhang auf zweistellige Verlust-Prozentraten hin, die das US-Fernsehen bei entsprechender Breitband-Übertragungsqualität des Internet zu verzeichnen hat. Für Deutschland noch Zukunftsmusik, aber im Internet ist ein Jahr wie eine Dekade "im richtigen Leben" - auch das war eine verbriefte Erkenntnis auf der diesjährigen Popkomm.

Die Frage nach der "Kunst" im Zusammenhang mit Popmusik mutet in diesem Zusammenhang natürlich äußerst altbacken an. Etablierte Künstler vom Kaliber eines Eric Clapton, Sting, einer Madonna oder eines Robbie Williams werden als "Marken-Turbos" apostrophiert, was aus Sicht eines Werbetreibenden, der für Volkswagen, Dresdner Bank oder Unilever tätig ist, natürlich seine Berechtigung hat.

Medienkooperationen haben ihren Preis, stellte die Runde ebenso richtig wie beiläufig fest. Doch wenn der Konsument versagt, ist der Preis für den Künstler ungleich höher als für die Marke. Eric Clapton - so er denn überhaupt "kooperiert" - kann es eher als ein hoffnungsfroher Newcomer verkraften. Aber Clapton selbst ist schon ein Markenartikel.



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