"Einmaliges Klangerlebnis" Popmusik auf 400 Jahre alten Instrumenten

Haben Sie schon mal vom Clavicytherium gehört? Das Tasteninstrument mit dem aufrecht stehenden Klangkörper sparte in den engen Häusern des 16. Jahrhunderts Platz. Jetzt ist es zum ersten Mal auf Platte zu hören.
Bernhard Klapprott, Professor für diverse Tasteninstrumente, am Clavicytherium

Bernhard Klapprott, Professor für diverse Tasteninstrumente, am Clavicytherium

Foto: Ulrich Lorscheider

Ein brummiger Ton, der wie eine Gitarre klingt und doch keine ist, gibt den Rhythmus vor. Dann setzt die Melodie ein. Sie wird schneller und schneller. Es groovt, es wippt, man will aufspringen und abrocken. Tatsächlich handelt es sich um Tanzmusik aus längst vergangenen Zeiten, die hier zu neuem Leben erweckt wird: eine Ungaresca, ein Tanz, der - daher der Name – auf ungarischem Vorbild beruhte und im 16. Jahrhundert in Westeuropa äußerst beliebt war. Komponiert hat das Stück der Augsburger Jacob Paix, der von 1556 bis nach 1623 lebte.

Es ist das Highlight einer von zwei neuen CDs, die mehrere Superlative vereinen: Sie enthalten Ersteinspielungen von Kompositionen kaum bekannter Tonsetzer aus Renaissance und Frühbarock. Sie sind brillant interpretiert. Und: Die Werke wurden auf bestens erhaltenen und – für ihr Alter auch das eine Seltenheit – bespielbaren Tasteninstrumenten dargeboten. Sie klingen vermutlich exakt so wie zur Zeit ihres Baus vor mindestens 400 Jahren. Alle drei Instrumente sind erstmals auf Platte zu hören.

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Bernhard Klapprott

All Lust und Freud - Das Clavicytherium des Germanischen Nationalmuseums, Nürnberg

Label: Aeolus (Note 1 Musikvertrieb)
ca. 19,99 €
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Die CD, die die Ungaresca von Paix enthält, trägt den bezeichnenden Titel "All Lust und Freud - Das Clavicytherium des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg". Das wohl in Süddeutschland geschaffene Instrument ist von etwa 1620 und gehört zu den weltweit wenigen Originalen seiner Art. Das Besondere beim Clavicytherium ist: Der Klangkörper steht aufrecht, die Saiten, die über die Tasten angerissen werden, um den Ton zu erzeugen, verlaufen senkrecht. Der Grund für die Bauweise ist simpel: Sie sparte Platz in den engen Häusern des 16. Jahrhunderts.

Eingespielt hat die CD Bernhard Klapprott, Professor für diverse Tasteninstrumente an der Hochschule Franz Liszt in Weimar. Er schwärmt von "dem schönen, einmaligen Klangerlebnis". Das hat auch damit zu tun, dass der Interpret, da er direkt vor dem Resonanzboden sitzt, die Töne unmittelbar und nicht erst über den Umweg durch den Raum vernimmt.

Starke Orientierung am Stil aus Venedig

"Man hat als Spieler endlich mal einen Spitzenplatz im Konzert", scherzt Klapprott. Sein Ansatz war es, das Instrument in seiner ganzen Bandbreite vorzustellen, was vorzüglich gelang. Bewusst entschied er sich, nur Werke aus dem süddeutschen Raum aufzunehmen, die schon um 1620 auf dem Clavicytherium hätten erklingen können. Die Namen der Komponisten dürften selbst Kennern kaum geläufig sein.

Tonsetzer in Süddeutschland des 16. und 17. Jahrhunderts orientierten sich stark am innovativen Stil ihrer Kollegen in Venedig. Dadurch entsteht ein Bogen zu der zweiten Platte: Eingespielt hat sie Peter Waldner, Professor für historische Aufführungspraxis am Tiroler Landeskonservatorium. Es ist Zufall, dass beide CDs kurz hintereinander erscheinen und sich ergänzen: Hans Leo Haßler etwa, der auf Klapprotts Einspielung vertreten ist, ging 1584 nach Venedig, um bei Andrea Gabrieli zu lernen, der wiederum auf Waldners Platte zu hören ist.

Nur die Saiten mussten ersetzt werden

Der Südtiroler entschied sich wiederum nur für Werke italienischer Komponisten, die für die von ihm verwendeten Instrumente geschaffen worden sein könnten. Er nutzte ein Virginal – die kleine Form des Cembalos – aus Florenz sowie ein Cembalo aus Neapel aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Sie sind in einem Topzustand. "Die Tasten sind alle erhalten geblieben, zum Teil sogar die originalen Stimmwirbel", berichtet der Professor.

Nur die Saiten mussten ersetzt werden - was bei einem mehr als 400 Jahre alten Instrument allerdings normal ist. Beide Instrumente gehören zur Privatsammlung des Schweizers François Badoud, der kurz vor dem Erscheinen der CD überraschend starb. Sie ist ihm gewidmet und heißt "Francisci magnus amor", also "François' große Liebe".

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Peter Waldner

Francisci Magnus Amor - Die Instrumentensammlung von Francois Badoud

Label: Fra Bernar (Note 1 Musikvertrieb)
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Auch Waldner gelingt es spielend, sich in die Werke hineinzudenken, was gerade dann umso wichtiger ist, wenn sie in Tabulaturform – einer Art Noten-Kurzschrift – verewigt worden sind. Die CD enthält Kompositionen bedeutender Komponisten Venedigs wie dem schon genannten Gabrieli und seinem Neffen Giovanni.

Höhepunkt sind vier Stücke aus den handschriftlich überlieferten Tabulaturen aus dem Archiv des italienischen Städtchens Castell' Arquato. Sie beschreiben menschliche Charaktere: die "Moretta", ein junges braunhaariges Mädchen, einen Herrn aus Cremona, eine Alte aus Mailand und eine lebhafte Person namens "Gazollo", was sich vermutlich auf einen Familiennamen bezieht.

Peter Waldner spielt vorzüglich

Peter Waldner spielt vorzüglich

Foto: privat

"Schon damals erhielten Stücke Namen von Personen, um die Vorstellungskraft sowohl der Spieler als auch der Zuhörer zu beflügeln", sagt Waldner. Er setzt dies selbst vorzüglich um. Gerade bei der "Moretta" erscheint das Mädchen vor dem inneren Auge: tänzelnd, keck, fröhlich, selbstbewusst.

Gern hätte man noch mehr über die Werke, seine Komponisten und natürlich das Virginal sowie das Cembalo erfahren. Aus Kostengründen sparte sich das Label jedoch ein Booklet – eine Frechheit, nicht einmal Fotos der Instrumente sind auf oder in dem Cover abgebildet. Da wurde an der falschen Stelle gespart. Das Defizit macht Waldner zum Glück mehr als wett.

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