Portishead-Konzert in Berlin Groove der Geborgenheit

Unwirkliche Atmosphäre, nostalgische Klänge - nach zehn Jahren Abwesenheit gab die gefeierte britische Band Portishead ein kleines Radio-Konzert im ehrwürdigen Tonstudio des DDR-Rundfunks. Zu hören gab es hypnotischen Psycho-Blues, zu sehen bekam man: Arbeit.

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Das alte DDR-Funkhaus an der Nalepastraße ist nachts ein unheimlicher Ort. Seit Jahren streiten sich die Gerichte mit wechselnden neuen Eigentümern und Investment-Gesellschaften um die Erhaltung, Sanierung und Bespielung des riesigen Gebäudekomplexes im Berliner Stadtteil Köpenick. Inzwischen soll es neben zahlreichen Übungsräumen für Bands auch ein Café geben, irgendwo auf dem weitläufigen Areal, aber abends, wenn die Scheinwerfer des Taxis unverwandt über verwaiste Baustellen-Elemente schweifen, wirkt der einstige Repräsentationsbau der SED-Diktatur mit seinen monumental aufragenden Klinkerfassaden unbehaust und kalt wie ein im Schlummer der Geschichte dahindämmerndes Märchenschloss.

Viele bekannte Bands und Künstler haben im weltberühmten Tonstudio 1 ihre Musik aufgenommen. Klassikgranden wie Kent Nagano und Daniel Barenboim, aber auch Popstars wie A-ha und Sting haben den 900 Quadratmeter großen Raum von Architekt Franz Ehrlich aufgesucht, der unter Musikern als eines der besten Aufnahmestudios der Welt gilt. Gespielt wird in einer "Wanne" in der Mitte des Raumes, das Publikum, falls gewünscht, kann rundherum auf Stufen sitzen, an der Stirnwand der hohen Halle sorgt die gigantische Orgel von Hanns-Henny Jahnn für eine sakrale Atmosphäre.

Der richtige Ort, um das Comeback einer der enigmatischsten Popgruppen der neunziger Jahre zu feiern: Portishead. Am späten Mittwochabend durften rund 250 Journalisten dem Mitschnitt eines Radiokonzerts beiwohnen, bei dem die drei britischen Musiker Beth Gibbons, Geoff Barrow und Adrian Utley erstmals live die Stücke ihrer neuen Platte "Third" darboten.

Slow-Motion-Singsang

Das Album, es ist das erste reguläre Studio-Werk der Band seit 1997, wird erst am 25. April veröffentlicht, doch schon jetzt ist die Musikszene außer Rand und Band. Lange hatte man auf ein Lebenszeichen der drei Musiker aus Bristol gewartet. Mitte der Neunziger hatte Portishead mit ihrem Debüt "Dummy" ein gänzliches neues Musik-Genre erfunden, das von der Presse auf den Namen "TripHop" getauft wurde.

Vom HipHop borgten sich die Klang-Tüftler Barrow und Utley die Sample-Technik, von den Krautrockern der siebziger Jahre das Psychedelische, Ausufernde, Flächige. Vom Folk und Blues stammte die erdenschwere Melancholie, die Sängerin Beth Gibbons in seelenschürfende Schmerzens-Lyrik goss und in einem klagenden Slow-Motion-Singsang auf die langsam groovenden Sound-Konstrukte ihrer Kollegen drapierte.

Dass diese in sich gekehrte Trauermusik von Technik-Nerds inmitten einer Zeit, als lärmender Britpop von Oasis auf die letzten Zuckungen von Techno und amerikanischen Grunge-Rock die Popmusik dominierten, den Nerv einer ganzen Generation traf, erstaunt noch heute. Und Portishead verkörperten diesen Gegenpol zum Lärm, die personifizierte Innerlichkeit der Musik, perfekt: Beth Gibbons gab zum ersten Album Interviews, merkte, dass dies nichts für ihr introvertiertes Wesen ist und weigert sich seitdem standhaft, mit der Presse zu kommunizieren.

Im Gegenzug wird sie zur großen Geheimnisvollen, zur Pop-Sphinx stilisiert. 1997, nach dem zweiten, schroffen Album "Portishead" und einer Live-CD, zog sich die Band aus der Öffentlichkeit zurück, immer wieder gab es Gerüchte und rudimentäre Ankündigungen, die auf ein Comeback hindeuteten.

Comeback, das klingt in heutiger Zeit nach großer Inszenierung, nach perfektem Marketing-Plan, nach Eagles, Who und Genesis. Bei Portishead ist alles anders. Ganz schüchtern, etwas zerstreut, begrüßt der Mittvierziger Geoff Barrow, Schlabber-Shirt und Surfer-Frisur, die neugierigen Gäste mit einigen freundlichen, genuschelten Worten. Er steht mit einigen Studiomusikern in der tiefergelegten, holzvertäfelten Musikerwanne, umringt von Verstärkertürmen und Instrumenten, zwei Schlagzeugen und allerlei Analog-Equipment, das angenehme Altmodischkeit verströmt. Das ungemütliche Neonlicht der Deckenbeleuchtung verleiht der Szenerie etwas Hörsaal-artiges. Es wird den ganzen Auftritt über anbleiben. So bleibt die Inszenierung schon im Ansatz stecken: Statt eine Show abzuziehen, machen die Musiker unter Operationslicht transparent, wie an der Klangerzeugung gearbeitet wird.

Und dann kommt Beth Gibbons die flachen Tribünenstufen heruntergehuscht. Das ist kein Sprachbild: Sie huscht. Ganz in Schwarz, den Kopf mit der asymmetrischen, halblangen Pagenfrisur tief in die Schultern gezogen, wirkt die Sängerin tatsächlich wie ein entrücktes Wesen. Das Publikum, alles knochenharte Medienmenschen, ist von einem Moment auf den anderen verzückt, behext, hypnotisiert.

Musik als Arbeit, Öffentlichkeit als Pflicht

Hypnotisch ist auch die Musik auf "Third", jenem dritten Album, das so sehnlich erwartet wurde, dass es bereits jetzt, Wochen vor der offiziellen Veröffentlichung, im Internet zu haben ist. Die Sehnsucht nach dieser langsamen Musik, diesem seltsam authentischen Psycho-Blues, scheint groß zu sein in einer Zeit, in der Musiker gecastet und Popmusik als industrielle Ware betrachtet wird. Portishead waren schon immer der Beweis dafür, dass Musik, die zum großen Teil mit Maschinen gemacht wird, trotzdem Herz und Seele haben kann.

Neben reichlich Verkopfung, versteht sich: In einem Interview mit der "Berliner Zeitung" stritten sich Barrow und Utley unlängst darüber, ob ihre Musik nun hauptsächlich digital oder analog sei. Gestern, im Berliner Tonstudio, kamen diese unterschiedlichen Facetten sehr schön zur Geltung. Während Konzerte, die fürs Radio aufgenommen werden, normalerweise sehr stringent und ermüdend perfekt heruntergespielt werden, herrschte bei Portishead eher eine kreativ-chaotische Soundcheck-Atmosphäre: Immer wieder unterbrachen die Musiker den Fluss des Konzerts, um Instrumente neu zu justieren, Programmierfehler zu korrigieren - oder einfach scheinbar unmotiviert zu verschwinden. Klangliche Reinheit war das Ziel, aber die Pausen wirkten fast schon wie eine geplante Dekonstruktion: Bloß keine Entertainment-Standards erfüllen, die Kunst genügt nur der Kunst, ein beinahe vergessenes Dogma im Pop-Betrieb.

An einer dieser Leerstellen setzt sich Beth Gibbons einfach mal kurz mit einem Bier in die Publikumsreihe hinter ihrem Mikrofonständer - offenbar Freunde und Bekannte - und vergräbt das Gesicht in den Händen: Musik als Arbeit, Öffentlichkeit als Pflicht, symbolisiert diese Geste. Aber dann, als schnellere, treibende Stücke wie "Nylon", "We Carry On" oder "Machine Gun" gespielt werden, geht sie in einem schwingenden Groove, der vom Kopf aus ihren ganzen, hageren Körper erfasst, ganz in der Musik auf. Mehr als zwei Stunden, bis in die Nacht hinein, dauert diese eigentümlich holprige, gebremste Jam-Session, aus der sich der Berliner Sender Radio Eins nun mühselig ein zusammenhängendes Konzert basteln muss.

Die neuen Stücke klingen übrigens nicht viel anders als früher. Der Folk-Aspekt, der Rückgriff auf das Laissez-faire der Hippies scheint stärker ausgeprägt zu sein. "Wild Horses/ They take me away", singt Gibbons als Hommage an die Stones in "The Rip", bevor der ganze Song tatsächlich in einen technoiden Galopp verfällt. "If I should fall/ Would you hold me", fragt sie in "Hunter" ganz fragil. Und plötzlich merkt man, dass es in der Musik von Portishead nur um die Suche nach Geborgenheit geht, nach einem Ort der Sicherheit. Für einen kurzen Moment an diesem eisigkalten Berliner Abend, in diesen unbehausten historischen Hallen, haben Portishead dieses verloren geglaubte Gefühl wieder hergestellt. Heute morgen war Frühlingsanfang.



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