Premiere von Obama-Musical Barack badet im Wellness-Tempel

Michelle Obama heult sich bei Mama aus, ihr Gatte erweist sich als schüchternes Bübchen - das deutsche Obama-Musical "Hope" setzt voll auf Herzschmerz-Klischees. Doch das Publikum badete das Ensemble bei der Weltpremiere in Wohlgefühl. Jetzt hoffen die Macher sogar auf Zuspruch aus dem Weißen Haus.

Von , Frankfurt am Main


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Musical "Hope": Kitsch und Klischees
Keine Frage: Wenn man kurz davor ist, Geschichte zu schreiben, darf man sich schon mal an Mama wenden. Und ihr sagen, dass man Bammel hat.

Es ist nicht überliefert, ob sich Michelle Obama kurz vor dem Wahlsieg ihres Mannes Barack mit den Worten "Ich habe solche Angst" an ihre Mutter gewandt hat. Und fraglich ist, dass diese zur Antwort tatsächlich die Sätze gesungen hat: "Du bist ein Teil von mir, und ich bin stolz auf Dich. Mein Kind muss keine Angst haben."

Man braucht viel Phantasie dafür, sich das so vorzustellen - aber vorstellbar ist ja vieles. Die Frage ist, ob es gleich eine stundenlange Abhandlung in Liedform trägt.

Am Sonntagabend in der Jahrhunderthalle in Frankfurt wackeln bei der eigenwilligen Hymne "A day at the spa" viele Zuschauer wohlwollend im Dreiviertel-Takt mit, während Zeilen gesungen werden wie "Ich brauche dringend einen Tag im Spa". Oder: "Einige Ohhs und Ahhs werden die Welt vielleicht nicht ändern, aber ich fühle mich wie ein Mädchen." Eine gefühlte halbe Ewigkeit später bricht nach dem Duett von Della Miles alias Michelle Obama und Harriett Lewis, Darstellerin der Mutter, gar Jubel im Publikum aus.

Kann ein Musical über den Aufstieg des Barack Obama zum US-Präsidenten also tatsächlich funktionieren? Eine "Obama Musical Story", wie der Untertitel von "Hope" lautet?

Die Voraussetzungen sind nicht die allergünstigsten. Die ekstatische Begeisterung für Obama, die sich während des US-Wahlkampfs auf der ganzen Welt verbreitete, ist nur noch vage Erinnerung. Ein Jahr nach seinem Amtsantritt kämpft der Präsident mit der politischen Realität. Die Schließung des Gefangenenlagers Guantanamo geht nicht voran wie gewünscht, bescheiden nehmen sich die Erfolge in der Klimapolitik aus. Die Arbeitslosigkeit in den USA ist deprimierend hoch, der Staat mit unvorstellbaren Summen verschuldet, und an Weihnachten wäre es um ein Haar zu einem Terroranschlag auf ein Passagierflugzeug gekommen.

Karges Bühnenbild, trommelnde Zuschauer

Das Bühnenbild in Frankfurt ist karg. Auf drei simple Leinwände im Hintergrund werden Fotos von Wahlkampfbüros oder Familienwohnzimmern projiziert. Davor müssen sich die Darsteller meist mit einer Sofaecke und einer Schreibtischformation begnügen. Die euphorisierte Menge der Obama-Fans ist gerade mal ein paar Dutzend Menschen groß, sie halten kümmerliche Pappschilder in der Hand. Dafür sollen die Zuschauer selbst mit ran und sich eigenhändig in den Rausch von 2009 zurücktrommeln. Rund tausend sitzen auf speziellen Percussion-Möbeln, die laut Vorankündigung das Zeitalter des "Interaktiv-Musicals" einleiten sollen: Unter der Sitzfläche ist ein Klangkörper angebracht, ein Minischlagzeug, auf dem schon vor dem ersten Lied eifrig herumgepatscht wird.

Derart ausgerüstet lernt der Zuschauer nun noch vor der Familie Obama - die Dramaturgie will es so - deren Nachbarn aus einem Mittelschichtsviertel in Chicago kennen. Es handelt sich um einen italienischen Restaurantbesitzer mit rosa Hemd und dunklem Sakko, eine deutsche Rentnerin, einen Reverend und die Johnsons, eine afroamerikanische Familie. Sie erleben gemeinsam den Wahlkampf nebst verschiedener Schicksalsschläge, die die angespannte gesellschaftliche Situation spiegeln sollen: Ein Johnsons-Sohn wird im Irak als vermisst gemeldet, die deutsche Rentnerin, Mrs. Schulz, droht ihr Haus infolge der Finanzkrise zu verlieren und Vater Johnson seinen Job.

Zwischendurch lernen sich Michelle Robinson und Barack Obama kennen und lieben, dann bestehen sie als smartes Superpaar die Kämpfe gegen Hillary Clinton, den steifen Republikaner John McCain und seine bissige und machtversessene Vizekandidatin Sarah Palin.

Obamas Jacke wirkt ein bisschen zu groß

Schon für eine Theaterinszenierung mit Profi-Akteuren wären die vielschichtigen Charaktere schwierig zu spielen. Das Musical-Team von "Hope" aber kommt an diesem Abend schauspielerisch ziemlich oft an seinen Grenzen. Della Miles und Jimmie Wilson, die mit Michelle und Barack Obama die wohl schwierigsten Rollen haben, wirken zwar anrührend und sehen unverschämt gut aus. Doch Wilson ist einfach viel zu jung, seine Anzugjacke wirkt ein bisschen zu groß - und vor allem erfüllen Text und Inszenierung jedes Musical-Klischee.

Statt um politische Themen geht es um Liebe und Freundschaft in ihren schlichtesten Formen. Michelle singt, als sie Barack kennenlernt, Sätze wie: "Ich bin verzaubert von seinem Lächeln." Barack antwortet: "Ich hoffe, sie findet nie heraus, wie schüchtern ich wirklich bin." In Chicago finden sich später in der Not neue Freunde, die singen: "We can be friends. Yes, we can!" Das Haifischbecken der Politik? Wird allenfalls in klamaukigen Auftritten von Sarah Palin als "Pitbull mit Lippenstift" (Palin über Palin) gezeigt.

Doch das Publikum ist zufrieden. Es trommelt fleißig auf den Schlagzeugstühlen mit, wenn es darf, und am Ende gibt es standing ovations. Vielleicht weil trotz aller Längen ein Versprechen eingelöst wird. "Da rockt es einfach", hatte Regisseur Roberto Emmanuele vor der Premiere im SPIEGEL-ONLINE-Interview gesagt. Und tatsächlich hört man eingängige Balladen, funkigen Rap, HipHop und Gospel-Hymnen. Die Musiker sind virtuos, die Breakdance- und HipHop-Tanzeinlagen witzig, unter den mitreißenden Sängern ist auch die Mega-Stimme von Dynelle Rhodes von den Weather Girls.

Der Wahlkampfsong "Yes, we can" dürfte selbst den echten Obama motivieren, weiterzumachen. Geäußert hat er sich zu dem Musical noch nicht, heißt es. Regisseur Emmanuele hofft: "Eine Reaktion des Weißen Hauses kommt vielleicht erst nach der Aufführung."

Helfen würde es. Denn das Ensemble hat große Pläne, will in Deutschland und den USA auf Tour gehen. Dafür sind Sponsoren nötig. Und schon die Trommelstühle füllen 30 Lastwagen.



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GWM, 18.01.2010
1. ttt
Zitat von sysopMichelle Obama heult sich bei Mama aus, ihr Gatte erweist sich als schüchternes Bübchen - das deutsche Obama-Musical "Hope" setzt voll auf Herzschmerz-Klischees. Doch das Publikum badete das Ensemble bei der Weltpremiere in Wohlgefühl. Jetzt hoffen die Macher sogar auf Zuspruch aus dem Weißen Haus. http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,672447,00.html
Meine Fre... Herr, Obama Dich Der Personenkult nimmt schlimme Züge an.
cosmo72 18.01.2010
2. Wie wichtig!
Noch so ein wichtiges Stueck information! Ähnlich wertvoll dem "Geburtstagseintopf" für die first Lady ...
jessy_turner 21.01.2010
3. Feedback - Premiere
Hi! Also, ich war bei der Premiere des Musicals dabei und fand es einfach klasse. Denn bei aller Kritik (egal, ob negativ oder positiv), jeder der anwesenden Zuschauer war begeistert und letztlich ist es doch das, was zählt. Zugegeben, es war vielleicht ein bisschen lang, dafür hat man aber einen unterhaltsamen und energiegeladenen Abend für sein Geld bekommen. Was mich an dem Artikel stört, das sind die zahlreichen Versuche, das Musical für etwas zu kritisieren, was es von Anfang an nicht sein wollte: Politisch und 100% autentisch. Also, ich bitte euch, aber es handelt sich hier nicht um eine Reportage der Ereignisse rund um die Wahl 2008; Wir reden hier von einem Musical mit dem Anspruch, Emotionen zu transportieren und eine ganz bestimmte Atmosphäre einzufangen. Unfair finde ich auch, dass kritisiert wird, dass das Musical kitschig ist/sei. Welches andere Musical kann denn von sich behaupten, nicht kitschig zu sein? Also, wenn ich mir ein Musical angucke, dann rechne ich damit, dass ein gewisser Anteil an Kitsch vorhanden ist, aber das ist ja nicht gleich schlecht, oder? Denn da die Protagonisten durchweg überzeugen konnten, steht doch deren Leistung im Vordergrund. Ich freue mich schon auf die kommende Tour und hoffe, dass es recht bald weitergeht.
jessy_turner 21.01.2010
4. Review: Premiere des Hope-Musicals
Hi! Also, ich war bei der Premiere des Musicals dabei und fand es einfach klasse. Denn bei aller Kritik (egal, ob negativ oder positiv), jeder der anwesenden Zuschauer war begeistert und letztlich ist es doch das, was zählt. Zugegeben, es war vielleicht ein bisschen lang, dafür hat man aber einen unterhaltsamen und energiegeladenen Abend für sein Geld bekommen. Was mich an dem Artikel stört, das sind die zahlreichen Versuche, das Musical für etwas zu kritisieren, was es von Anfang an nicht sein wollte: Politisch und 100% autentisch. Also, ich bitte euch, aber es handelt sich hier nicht um eine Reportage der Ereignisse rund um die Wahl 2008; Wir reden hier von einem Musical mit dem Anspruch, Emotionen zu transportieren und eine ganz bestimmte Atmosphäre einzufangen. Unfair finde ich auch, dass kritisiert wird, dass das Musical kitschig ist/sei. Welches andere Musical kann denn von sich behaupten, nicht kitschig zu sein? Also, wenn ich mir ein Musical angucke, dann rechne ich damit, dass ein gewisser Anteil an Kitsch vorhanden ist, aber das ist ja nicht gleich schlecht, oder? Denn da die Protagonisten durchweg überzeugen konnten, steht doch deren Leistung im Vordergrund. Ich freue mich schon auf die kommende Tour und hoffe, dass es recht bald weitergeht.
cosmo72 21.01.2010
5. Hier ist auch ne...
Hier ist auch ne Menge Emotion drin, aus hiesiger gemschmacklicher Betrachtung evtl us-amerikanscher MedienKitsch und gesteigertes Drama - aber auch mittlerweile gut bewahrheitete Information über Obama! Sehr emotionale Intro! (http://video.google.com/videoplay?docid=-677452080360739397#) http://video.google.com/videoplay?docid=-677452080360739397# *****
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