Nachlass von Popstar Prince "Nicht alles, was im Archiv vermutet wird, existiert auch"

Das Album "Originals" ist die erste Veröffentlichung aus dem Archiv des verstorbenen Pop-Superstars Prince. Was schlummert noch im berühmten "Vault"? Wir haben Nachlasskurator Michael Howe gefragt.

DPA/ Warner Music

Ein Interview von


SPIEGEL ONLINE: Mr Howe, Sie sind der Verwalter des legendären Prince-Archivs, auch "The Vault" genannt, das voll ist mit unveröffentlichter Musik des vor drei Jahren verstorbenen Künstlers. Jetzt erscheint das von Ihnen kuratierte Album "Originals", mit den Originalversionen von Songs, die Prince für andere Musiker schrieb, darunter "Manic Monday" und "Nothing Compares 2 U". Ist das Archiv bereits vollständig gesichtet und archiviert?

Howe: Nein, wir arbeiten noch daran. Vieles ist unbeschriftet und deshalb schwierig zu katalogisieren. Es ist Detektivarbeit. Die Menge an Musik, die Prince produziert und dann verworfen hat, ist gewaltig, es ist nicht einfach, da Ordnung reinzubringen. Wir sind zu zweit: Ein Prince-Fachmann, der mich unterstützt, und ich. Wir verbringen jeden Tag in diesem Archiv. Hier lagert noch Arbeit für viele Jahre. Wir haben das Archiv übrigens komplett nach Los Angeles bringen lassen, wo es an einem geheimen und sicheren Ort in Hollywood sehr gut bewacht wird. Man könnte es eine Festung nennen.

SPIEGEL ONLINE: Wer hat das letzte Wort, wenn Sie etwas gefunden haben, das Ihnen eine Veröffentlichung wert scheint?

Howe: Der Prince-Estate, also die Erbengemeinschaft. Ich unterbreite Vorschläge, und die Erben entscheiden, ob es umgesetzt werden soll. Dann wird darüber debattiert, ob Prince glücklich mit dem Projekt wäre. Beteiligt sind daran nur Leute, die Prince gut kannten und eng mit ihm zusammengearbeitet haben.

SPIEGEL ONLINE: Es gab Gerüchte, dass das Archiv in einem schlechten Zustand war, als sie es übernommen haben, dass es einen großen Wasserschaden gab und ohnehin viele Tonbänder verrottet und nicht mehr zu restaurieren wären. Stimmt das?

Howe: Das kann ich nicht bestätigen. Viele Tonbänder sind in keinem guten Zustand, weil sie schlicht seit Jahrzehnten Staub gefangen haben. Aber unrettbar ist bislang nichts gewesen. Einen Wasserschaden gab es nicht.

SPIEGEL ONLINE: Viele der Aufnahmen aus dem "Vault" geistern seit Jahren durchs Internet, zumeist in miserabler Qualität. Suchen Sie jetzt gezielt nach den gut klingenden Originalen?

Howe: Ja, aber es ist nicht einfach, sie zu lokalisieren. Alles muss vorsichtig restauriert werden, was sehr aufwendig ist. Wir müssen ständig abwägen, ob wir erst alles retten wollen oder gezielt nach kommerziell lukrativen Aufnahmen suchen. Schwierig.

SPIEGEL ONLINE: Es kursieren viele Mythen über dieses Archiv. Gibt es das sagenumwobene Prince-Album mit Miles Davis?

Howe: Spezifisch darf ich mich dazu nicht äußern, aber bei Weitem nicht alles, was im Archiv vermutet wird, existiert auch. Soweit ich das bislang beurteilen kann.

SPIEGEL ONLINE: Einiges, wie das auf YouTube zu findende Prince-Album mit Kim Basinger, ist auch einfach mies, oder?

Howe: Sagen wir so: Nicht alles, was in diesem Archiv lagert, sollte auch zwangsläufig veröffentlicht werden, wenn es nach mir ginge. Manche Aufnahmen werden nur gesichtet und erst mal nicht weiter eingeplant.

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Prince-Nachlass: "Es ist Detektivarbeit"

SPIEGEL ONLINE: Zurück zum "Originals" Album, das klanglich und musikalisch fabelhaft ist: Haben Sie die Aufnahmen so vorgefunden oder wurde viel im Studio nachgebessert?

Howe: Beides. Wir haben die Versionen, die Prince auf Tonband eingelagert hat, genutzt und klanglich aufpoliert. Schwierig waren Songs, die nur auf Kassetten zu finden waren, weil die so schlecht klangen, dass wir viel nachbessern mussten, natürlich exakt getreu der Vorlage. Viele dieser Songs sind selbst illegal noch nie zu hören gewesen. Da sind auch für Prince-Sammler mit umfangreichen Sammlungen noch Überraschungen dabei.

SPIEGEL ONLINE: Holen Sie sich Tipps bei gut informierten Prince-Sammlern, was noch im Archiv schlummern könnte?

Howe: Ja, ich bin da mit einigen Fan-Experten in Kontakt. Wenn wir etwas besonders Interessantes entdecken, mache ich mich bei ihnen schlau, ob bereits illegale Versionen davon im Umlauf sind.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren früher bei der Plattenfirma Warner Music beschäftigt, als Prince dort unter Vertrag war. Wie gut kannten Sie ihn?

Howe: Wir haben viel und oft zusammengearbeitet, auch wenn ich nie behaupten würde, ein enger Freund gewesen zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Prince hasste Interviews und galt als großer Geheimniskrämer. Was, würden Sie sagen, ist das größte Missverständnis über ihn?

Howe: Es heißt immer, Prince sei ein Perfektionist im Studio gewesen, aber das stimmt einfach nicht. Im Gegenteil: Perfektion war ihm im Studio nicht besonders wichtig, es ging ihm allein um die emotionale Wucht seiner Songs. Viele der Aufnahmen im Archiv haben hörbar verzerrte Töne, die Prince einfach egal waren. Die Originalaufnahme von "Little Red Corvette" ist zum Beispiel voll davon.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Idee, nach welchen Kriterien er Songs veröffentlichte oder im Archiv versenkte?

Howe: Wenn ich darüber Spekulationen anstellen würde, wäre das unseriös. Nur so viel: Man kann Prince zwar als wankelmütig bezeichnen, aber er hatte eine extrem klare künstlerische Vision. Und wenn man das in Betracht zieht, dann passten die jeweils versenkten Songs wohl gerade nicht zu seinen derzeitigen Plänen.

Preisabfragezeitpunkt:
17.06.2019, 15:13 Uhr
Ohne Gewähr

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EUR 30,99

SPIEGEL ONLINE: Wenn man aber diese klare künstlerische Vision respektiert, ist es dann nicht seltsam, nach seinem Tod Musik auf den Markt zu bringen, die Prince zu Lebzeiten nicht veröffentlicht wissen wollte?

Howe: Darüber denke ich tatsächlich täglich nach, und es hat mir viele schlaflose Nächte beschert. Ich weiß sicher, dass Prince einige Male gesagt hat, ihm sei bewusst, dass der Inhalt seines Archivs posthum veröffentlicht würde. Prince hat seine Fans geliebt, und ich behaupte, dass es ihn glücklich gemacht hätte, sie mit diesen Veröffentlichungen zu erfreuen.

SPIEGEL ONLINE: Also werden auch künftige Generationen noch mit "neuen" Prince-Platten versorgt werden?

Howe: Es wäre genug Material da, um viele, viele, viele Jahre lang Prince-Alben veröffentlichen zu können, ja. Die Entscheidung darüber fällen aber andere. Es ist auch rechtlich nicht so einfach, weil verschiedene Plattenfirmen und Musiker beteiligt sind. Für die nächsten 18 Monate haben wir immerhin konkrete Pläne, was kommen wird. Aber dazu darf ich natürlich nichts sagen.



insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
Fishpool 19.06.2019
1. Interessantes Interview
Als jahrzehntelanger Fan verfolge ich die Aktivitäten aus dem Nachlass regelmäßig. Man ist da ja sehr aktiv in den SM. Bisher kam mir das auch sehr wie Geldschinderei vor. Sollten die Aussagen wahr sein, so relativiert sich das ziemlich. Für mich bleibt Prince einer der kreativsten und abwechslungsreichsten Musiker aller Zeiten, der nach wie vor fasziniert. Und ein genialer Gitarrist, by the way ...???
Jetzt_mal_ernsthaft 19.06.2019
2. Warum
sind diese Dinge wohl bisher unveröffentlicht ? Warum fand Prince sie nicht würdig veröffentlicht zu werden ? Weil sie seiner Meinung nach Mist waren ! Fragt doch mal Paul McCarthy ob er irgendeine nicht veröffentlichte Aufnahme der Beatles gut findet. Hier geht es nicht um gute Musik, hier geht es ausschliesslich um Geld für Rechtebesitzer. Man kann es auch Leichenfledderung nennen.
James Blönd 19.06.2019
3.
Zitat von FishpoolAls jahrzehntelanger Fan verfolge ich die Aktivitäten aus dem Nachlass regelmäßig. Man ist da ja sehr aktiv in den SM. Bisher kam mir das auch sehr wie Geldschinderei vor. Sollten die Aussagen wahr sein, so relativiert sich das ziemlich. Für mich bleibt Prince einer der kreativsten und abwechslungsreichsten Musiker aller Zeiten, der nach wie vor fasziniert. Und ein genialer Gitarrist, by the way ...???
Wenn nicht, von allen, vielleicht sogar mit etwas Abstand der Beste: Prince - Creep (Coachella) soundboard & audience footage version - https://www.youtube.com/watch?v=hAzzRQe6lms. Da kam nicht mal Hendrix ran (vermutlich aufgrund der Drogen). Dass er von Warner Bros. Records damals so gef.... wurde, als - meiner Ansicht nach - der mit Abstand größte Musiker der letzten zwei bis dreihundert Jahre: Unverzeihlich.
James Blönd 19.06.2019
4.
Zitat von Jetzt_mal_ernsthaftsind diese Dinge wohl bisher unveröffentlicht ? Warum fand Prince sie nicht würdig veröffentlicht zu werden ? Weil sie seiner Meinung nach Mist waren ! Fragt doch mal Paul McCarthy ob er irgendeine nicht veröffentlichte Aufnahme der Beatles gut findet. Hier geht es nicht um gute Musik, hier geht es ausschliesslich um Geld für Rechtebesitzer. Man kann es auch Leichenfledderung nennen.
Und wieder jemand, der den Artikel nicht richtig gelesen hat: Prince war _bewusst_, dass sein Archiv veröffentlicht wird. Wenn er es nicht gewollt hätte, hätte er die Aufnahmen vernichtet. Oder? Ist diese Kausalität tatsächlich so schwierig zu erfassen?
chrischan4u 19.06.2019
5. Ein kommerzielles Interesse...
...wird schon dabei sein. Aber es hört sich zumindest so an, als ob viele Entscheider darüber wachen, dass es gerade nicht zu einer 'Leichenfledderung' kommt. Und genug Qualität dürfte auf jeden Fall zur Auswahl bereitstehen, wenn man nur Mal bedenkt, was Prince noch zu Lebzeiten alles für Mega-Songs als B-Seiten seiner Single-Auskopplungen veröffentlicht hat. Er war einfach ein Genie und mit den jetzigen Veröffentlichungen lebt er für seine Fans einfach ein bisschen weiter!
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