Eine Generation trauert "Prince war alles - und er gab uns den Mut, alles zu sein"

Mit seinen Songs und grandiosen Performances schuf Prince eine Welt, in der Außenseiter sexy und stark waren und sich nicht scheren mussten um die Meinung anderer. Unser New Yorker Autor Marc Pitzke nimmt Abschied.


Dearly beloved / We are gathered here today / To get through this thing called life. (Prince, 2007)

Bedford-Stuyvesant ist eines der letzten Viertel, in dem Brooklyns multikultureller Geist noch lebt. Ich zog wegen der günstigeren Miete her, aber auch, weil die Leute hier vielfältiger sind als dort, wo ich aufwuchs. Sie widersetzen sich Klischees und Konventionen: Stolz und nonkonformistisch, meist schwarz, aber auch braun und weiß, meist hetero, aber auch schwul oder androgyn - und immer, immer stilvoll.

Am Donnerstag, einem milden Frühlingstag, als ich die Nostrand Avenue entlanglief, war die Natur dieser Ecke New York Citys und ihre persönliche Attraktivität für mich hörbar - und erstmals so richtig fassbar: Aus vielen Fenstern - Wohnungen, Autos, schwarzen Barbershops - drang die gleiche Musik. Nicht irgendeine Musik. Prince.

"Prince war alles", seufzte ein eingefleischter Brooklyner aus Bed-Stuy. Ich traf ihn in einem französischen Café, das von einer Senegalesin geführt wird, unweit vom einstigen Breevort Theater, wo James Brown auftrat. "Prince war alles, und er gab uns allen den Mut, alles zu sein."

Meine ganze Jugend stirbt . Das war mein erster Gedanke. Michael Jackson , Whitney Houston , David Bowie : Obwohl sie von ganz woanders kamen, waren sie der Soundtrack unserer westdeutschen Adoleszenz.

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Prince: Ein Leben für den Pop

30 Jahre später, auf der Nostrand Avenue am anderen Ende der Welt, merkte ich, was ich damals so wenig verstand wie die Texte: Prince war viel mehr. Für mich jedenfalls, den pickligen Einzelgänger, der Klavier spielte und "Bücher" schrieb, Schlaghosen trug und nicht werfen konnte.

Prince war schwarz - oder? Ein Frauenheld - oder? Schüchtern - oder? Er bedeutete so viel mehr für viele, die sich in seiner Musik wiederfanden, offen, heimlich, lange ohne es zu begreifen, wie ich.

Prince stand für eine Welt, die schrill war - und mysteriös. Anzüglich - und anziehend. Verboten - und verehrt. X-rated - Tipper Gore, die damalige Ehefrau des späteren US-Vizepräsidenten Al Gore, lief lauthals Sturm gegen "Darling Nikki".

Prince beschwor eine Welt, in der Einzelgänger wie ich sexy waren und stark und Schlaghosen anziehen konnten, ohne sich um die Meinung anderer zu scheren.

"Die Freiheit zu sagen, was ich wollte"

Solche Meta-Gefühle verblassten aber erst mal vor seinem Genie . Prince konnte nach eigenem Bekunden "1000 Instrumente" spielen, 998 mehr als ich. Er konnte Funk, Rock, R&B, Pop und alles mögliche dazwischen, bevor ich auseinanderhalten konnte, was was war.

"Produced, arranged, composed and performed by Prince" , stand auf seinen Platten, und dann fantasierte man selbst auch vom Allroundkönnen.

Und von Sex, Liebe, Freude, Furchtlosigkeit, Freiheit. "Freiheit zu sagen, was ich wollte", sagte Prince, als sie den Branchen- und Label-Rebellen, der sich selbst zigmal neu erfand, viel zu spät in den morschen Legendenolymp der Rock and Roll Hall of Fame aufnahmen.

Drei Jahre später legte er - mit 48! - eine Super-Bowl-Halbzeitshow für die Geschichte hin . Welche Football-Teams da in Miami aufeinander trafen, wer weiß das heute noch, ich sowieso nicht mehr. Doch Prince!

Das Wetter spielte nicht mit, es goss in Strömen. Prince machte sich das zu eigen. Sein Set begann mit "Let's Go Crazy": Dearly beloved / We are gathered here today / To get through this thing called life.

Er war wie wir - also konnten wir sein wie er

To get through this thing called life: So war mir oft. Dann kam Prince, der Meister der Reinkarnation, der undefinierbaren Identität - "brillant kaleidoskopisch", schrieb Jon Pareles, der Musikkritiker der "New York Times", der das seltene Glück hatte, ihn gleich zweimal zu interviewen.

"Manchmal habe ich Ehrfurcht vor dem, was ich selbst mache", sagte Prince in einem Gespräch mit Pareles 1996. "Ich fühle mich wie eine normale Person, und dann höre ich das und frage mich, wo kam das her?" Er war wie wir - also konnten wir sein wie er: Hetero, gay, bi, trans, androgyn, who cares.

"Seine Songs reflektieren die Haltung von Menschen, die eine bessere Welt wollen", sagte Princes Vaterfigur Stevie Wonder unter Tränen auf CNN. "Es bricht einem das Herz, ein Mitglied der Armee der Liebe zu verlieren."

Welcher glanzpolierte "Superstar" der Millennium-Generation hat noch diesen übergreifenden Appeal? "Mit seiner Zurschaustellung von Freiheit half er mir, mich wohlzufühlen damit, wie ich mich sexuell identifiziere", schrieb der schwule Rapper Frank Ocean auf Tumblr . Ein schwuler Rapper! Das gab es nicht, als ich noch Schlaghosen trug.

Einer der besten Freunde von Prince war Filmemacher Spike Lee, der in Brooklyn groß wurde und in Bed-Stuy "Do the Right Thing" drehte. Als sich der Abend über die Stadt legte, lud er über Instagram zur Straßenparty zu Ehren von Prince ein: "Wir werden tanzen, singen und zu seiner Musik schreien." Tausende trauerten/feierten bis in die Nacht: schwarz, braun, weiß, hetero, schwul, androgyn - und immer, immer stilvoll.

Im Video: Prince - Das Musikgenie



insgesamt 76 Beiträge
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SeasickSteve 22.04.2016
1.
Ich habe Prince mitte der 80er in einem Konzert in Den Haag gesehen und Stunden danach zufällig bei einem Jam in einen kleinen Club in Scheveningen. Dieser Mann war einzigartig! Was mir damals in besonderer Weise auffiel, war seine außergewöhnlich schöne Sprechstimme und seine ebenso außergewöhnliche kultivierte Ausdrucksweise. Sein jäher Tod ist ein unersetzlicher Verlust. "Why does my brother have 2 go hungry When U told him there was food 4 all? This is the man that stands next 2 the man That stands 2 catch U when U fall … If I came back as a dolphin Would U listen 2 me then? Would U let me be your friend? Would U let me in? U can cut off all my fins But 2 your ways I will not bend I'll die before I let U tell me how 2 swim And I'll come back again as a dolphin" Prince – "Dolphin"
hornochse 22.04.2016
2. Ja Prince war alles
Ein grandioser Jazzer ebenfalls, ein Glaubesmensch ebenso wie ein militanter Drogenverweigerer. Seine Droge war die Kreativität und das Leben. Ein musikalisches Allrounder Genie wie nur wenige im vergangen Jahrhundert zum tragen kamen. Seine Musiker selbst mussten stramm stehen wie beim Militär hatte er eine musikalische Eingebung waren sie 24std. 7. Tage die Woche für ihn abrufbar. Ein herber Schlag ist sein Tod für mich nicht nur um der verbundenen Jugendgefühle mit seiner Musik, die stetig erwachsener wurde, sondern mit ihm geht wahrlich die letzte Größe der Popikonen die sich gegen Management und Vermarktungsmaschinerie behaupten konnten und in ihrem Schaffen unabhängig und trotzdem zu Weltruhm kommen konnten.
livio69 22.04.2016
3. Kein Drogenverweigerer
Er war Drogen nicht abgeneigt. Wie es zuletzt aussah weiß ich natürlich nicht aber Drogen haben ihn auch inspiriert. Hat er selbst zugegeben. Wer stirbt schon an einer Grippe?
krautwickel 22.04.2016
4. Namen
Im Tode ist er also wieder Prince. Dieses Namensdings habe ich nie verstanden. Genauso ist es mit seiner Musik: zu verspielt, zu artifiziell, ist es jetzt Pop, Soul, Jazz? "Purple Rain" zu bombastisch. "Nothing compares to you" - hat jemand anders berühmt gemacht. Dem Sound fehlte überwiegend die Erdung. Dennoch - ohne Zweifel - ein großer Musiker!
tepchen 22.04.2016
5. Prince und Drogen?
Also wer sich jemals mit dem Musiker Prince beschäftigt hat würde auf die aktuellen Spekulationen keinen Pfifferling geben. Prince war so gegen Drogen eingestellt das niemand sein Haus mit irgendwas in der Tasche betreten durfte. Allerdings muss ich auch sagen, Opiate werden gerne als Schmerzmittel gegeben wenn der Patient richtig krank ist (Krebs z.B.) wenn das der Fall war konnte er es gut verstecken. Wie so viele vor ihm in den schrecklichen letzten 6 Monaten. Auf jeden Fall wieder eins der Idole meiner Jugend gegangen, langsam ist es nicht mehr schön ;(.
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