Jonathan-Meese-Prozess Realsatire mit Hitlergruß

Interview oder Performance? Die SPIEGEL-Redakteurinnen Ulrike Knöfel und Marianne Wellershoff haben beim Prozess gegen Jonathan Meese als Zeuginnen ausgesagt. Sie verbrachten bei Gericht einen Tag, der als Blamage für die deutsche Justiz endete.

AP

Wir sitzen im Flur vor dem Gerichtssaal, in dem sich gerade Historisches ereignet. Drinnen wird um die Freiheit der Kunst gerungen. An der Tür leuchtet ein Schild "Öffentliche Verhandlung". Wir aber müssen zunächst draußen warten, denn wir sind als Zeuginnen geladen und dürfen nicht zuhören.

Wir verpassen also den Auftritt des Angeklagten Jonathan Meese, der sich hier im Kasseler Amtsgericht verteidigt gegen den Vorwurf, gegen Paragraf 86a des Strafgesetzbuchs verstoßen zu haben. Im Juni 2012 hat er bei einem von uns moderierten, öffentlichen SPIEGEL-Gespräch an der hiesigen Universität zum Thema "Größenwahn in der Kunstwelt" den Hitlergruß gezeigt. Zweimal sogar.

Nun wirft man ihm vor, er habe ein "Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen" verwendet. Die Geste war eine Antwort auf die Frage, ob er, der die Diktatur der Kunst fordere, auch Respekt vor anderen Künstlern habe und vor guter Kunst stramm stehen könne. Aber Meese mag keinen übertriebenen Respekt, schon gar keine Verherrlichung. Seine Antwort - also der ausgestreckte Arm - ist Satire.

In der Kunstwelt hat schon die Ankündigung des Prozesses für Aufregung gesorgt, sogar in den Internetforen der New Yorker Galerienszene wird darüber diskutiert. Vielleicht gibt Meese nun hinter der verschlossenen Tür vor 50 Zuhörern und 20 Journalisten die beste Performance des Jahres, während wir in diesem kahlen Gerichtsflur sitzen und mit dem Sammler Harald Falckenberg über Infantilismus und Übertreibungen diskutieren. Soll heißen: in der Kunst ist Unerlaubtes erlaubt, darf gespielt werden. Zuspitzungen helfen manchmal, etwas zu erkennen, was sonst nicht deutlich zu machen ist.

Falckenberg ist von der Verteidigung als sachverständiger Zeuge vorgeschlagen worden. Er versteht viel von Kunst, er kennt sich insbesondere mit Meese aus, dessen Kunst er besitzt, und er war auch mal Hamburger Verfassungsrichter. Sein Wissen wird ihm und Meese nicht helfen, er wird später nicht aussagen, die Richterin will oder braucht seine Aussage offenbar nicht.

"Das wird dann aber eine Performance"

Dann werden immerhin die Zeuginnen nacheinander in den Saal gebeten. Erst sagt die Zeugin Knöfel aus, dann die Zeugin Wellershoff. Die Richterin, der Staatsanwalt, die Verteidiger, sie alle wollen dasselbe wissen: Hat es sich damals bei dem SPIEGEL-Gespräch an der Uni Kassel um ein journalistisches Interview gehandelt? Oder um eine künstlerische Performance? Dass Meese den Hitlergruß gezeigt hat, ist eine Tatsache. Und das Zeigen des Hitlergrußes als Symbol der NSDAP ist strafbar. Es sei denn, die Anwesenden haben die Armstreckung ersichtlich als künstlerische Aufführung verstanden und nicht als Identifikation aufgefasst. Das dürfte von der in Artikel 5 des Grundgesetzes garantierten Kunstfreiheit geschützt sein.

Wir sagen aus, was sich nach unserer Wahrnehmung an jenem Abend im Juni im Kasseler Uni-Saal abgespielt hat: Der Künstler Meese hat das SPIEGEL-Gespräch zur Performance gemacht. Schon als wir das Podiumsgespräch mit ihm vereinbart hatten, haben uns seine Mitarbeiter darauf vorbereitet: "Das wird dann aber eine Performance."

Wir waren damals einverstanden. Meese hat uns dann noch am Morgen der Veranstaltung seitenweise handgeschriebene Manifeste geschickt, die wir abends im Saal aushängten. Und den Zuschauern im Uni-Saal wurde auch unabhängig davon schnell klar, dass dies trotz unserer ernst gemeinten Fragen kein klassisches Interview war, sondern ein Meese-Happening. Das Podium wurde zur Bühne, als der Künstler es betrat, als er sein Manifest vortrug und einfach nicht mehr aufhören wollte. Als er, wie so oft, die "Diktatur der Kunst" forderte, die Ideologiefreiheit, die Abschaffung der Demokratie, die auch nur eine Ideologie sei, und als er überhaupt sehr schnell immer lauter und meesehafter wurde.

Damals an der Uni Kassel haben die Zuschauer gelacht. Sie verstanden, dass sie eine überdrehte Performance sahen, ein Happening, eine Aktion. Auf jeden Fall Kunst. Im Kasseler Gericht aber verstehen Staatsanwalt und Richterin dies nicht so, vielleicht wollen sie es partout nicht verstehen. Wir Zeuginnen werden angehört, aber nicht wirklich verstanden. Das ist unser Eindruck.

Selbst die Richterin lächelt amüsiert

Die Richterin lässt dann den anderthalbstündigen Mitschnitt des SPIEGEL-Gesprächs vorführen. Manchmal lächelt sie amüsiert. Selbst der Staatsanwalt muss schmunzeln. Zweimal hatte Meese bei unserer Veranstaltung damals kurz hintereinander den Arm zum Hitlergruß gestreckt, er machte sich lustig über die Glorifizierung von hoch gehandelten Malern, über den Narzissmus von Künstlern, auch über sich selbst. Immer wieder betonte er an diesem Nachmittag an der Uni, er sei gegen Religionen, gegen alle Ideologien, gegen jede Idealisierung oder gar Anbetung von Menschen - sogar dann, wenn es sich um den Dalai Lama handelt. Er verurteilte auch noch die Dadaisten, überhaupt alle Künstler der Moderne, weil sie Adolf Hitler nicht aufgehalten und verhindert hätten. Jede Sequenz in dem Mitschnitt scheint für Meese zu sprechen.

Die Richterin und der Staatsanwalt fragen nun nach dem Einkommen des Künstlers, um die Höhe einer möglichen Geldstrafe berechnen zu können. Die Richterin kündigt an, zwei Hitlergrüße als einen gelten zu lassen. Die Verteidiger schließen daraus, dass die Richterin von einer Strafbarkeit und nicht von einer distanzierenden Performance auszugehen scheint.

Wie sie zu dieser Einschätzung kommt, ist uns unverständlich. Was eigentlich spricht dafür außer der Beharrlichkeit, mit der wir damals immer wieder versucht haben, unsere journalistischen Fragen zu stellen? Wohl wissend, dass uns der Performer Meese gegenübersitzt. Auch zu unseren im SPIEGEL gedruckten Gesprächen mit Meese sind wir während des Prozesses befragt worden, zu Überschriften und kursiv gedruckten Einschüben. Die Kasseler Gesprächs-Performance war in Auszügen im SPIEGEL veröffentlicht worden. Doch dass ein Abdruck im Magazin den Charakter der Live-Veranstaltung nur bedingt wiedergeben kann - das scheint so nicht verstanden werden zu wollen.

Die Anwälte des Angeklagten ärgern sich. Sie stellen also einen Antrag, wollen einen neuen Sachverständigen laden, der das Gericht überzeugen soll, dass es sich um eine Performance gehandelt habe. Dass das mit dem ausgestreckten Arm Teil eines Kunstwerks war.

Kein Bedarf an Kunstprofessoren

Was ist Kunst? Und wer beurteilt das: Juristen oder Kunstexperten? Das Gericht, so sagt die Richterin, wolle eine Rechtsfrage klären und benötige dazu keine Meinungen von Kunstprofessoren. Die Richterin lehnt den Antrag ab. Meeses Anwälte stellen einen Befangenheitsantrag gegen sie. Sie versucht, eine kühle Mimik zu bewahren.

Um 13 Uhr hat die Verhandlung begonnen. Nun ist es 18.46 Uhr. Der Befangenheitsantrag wird abgelehnt von einem weiteren Richter, der bis jetzt unter den Zuschauern saß. Er beschließt: Die Richterin ist nicht befangen. Sie bleibt also.

Diesen Beschluss liest die Richterin vor, was die Verteidiger wiederum eigentümlich finden. Sie melden sich zu Wort, wirken regelrecht aufgebracht. Sie sind erstaunt, dass die Richterin selbst die Erklärung des anderen Richters vorträgt. Und dann stellen diese beiden Verteidiger einen "unaufschiebbaren Antrag" - nun nennen sie jenen Richter befangen, der die Befangenheit der Richterin gerade eben abgelehnt hat. Die Begründung lautet: Dieser andere Richter habe sich den Verteidigern in einer Pause vorgestellt, habe ihnen auch die Hand geschüttelt, er habe aber Meese den Handschlag verweigert mit den Worten, das sei nicht nötig. Die Verteidiger deuten dies als Abwertung.

Die Richterin sagt, "dann können wir ja nach Hause gehen". Die Hauptverhandlung wird vertagt auf den 29. Juli. Was Kunst ist, wie Kunst wirkt, was Kunst darf und wer darüber entscheiden darf, wurde nicht geklärt. Fair oder Farce? Der Tag endet als Blamage.

Meese mag keinen Realfanatismus. Sagt er immer. Das hier ist Realsatire. Noch schlimmer.



insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
spon_1873159 19.07.2013
1. Im SPIEGEL-Interview...
...hat Meese sehr genau erklärt wie der Hitlergruss gemeint war. Ich bin KEIN Meese-Fan, aber ich respektiere wie genau reflektiert er sich geäussert hat. Ein Verrückter? Ein Künstler? Auf jeden Fall kein Volksverhetzer!
mczeljk 19.07.2013
2.
Unser Rechtssystem ist bisweilen an Lächerlichkeit kaum zu überbieten
spon-KluuU 19.07.2013
3. meeses performances
meeses performances sind laut und aufdringlich, ur-komisch (erz-komisch), verstörend, anstrengend, infantil, intellektuell - und einiges mehr - vor allem aber provokant und politisch. es wäre erschreckend, wenn meese verurteilt werden würde. Eine verurteilung wäre die abschaffung der meese-kunst durch die justiz. und in der logik des kunstmarktes - der ritterschlag für den künstler meese.
pilot8 19.07.2013
4. echt bitter
würde mir etwas Solidarität von anderen Künstlern wünschen, wie wäre es mit einer großen performance am verhandlungstag vor Gericht?
gesell7890 19.07.2013
5. wobei blamiert sich unsere justiz denn nicht?
mollath, nsu, die ber-verantwortlichen zur kiasse zu bitten, kachelmann-prozeß - das ist galoppierende inkompetenz auf jeder ebene. hat aber in deutschland tradition. über nichts kann man sich mehr amüsieren als über die depperten staatsanwälte der 20er jahre...
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