Punk-Aktion London brennt - ein bisschen

40 Jahre Punk. Alle rennen ins Museum, einer zündet seine Plattensammlung an. Der Sohn des Sex-Pistols-Entdeckers Malcolm McLaren verfeuerte fünf Millionen Euro. Warum nur? Ein Erklärungsversuch.

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Früher schrie man "Ausverkauf!", wenn eine Punkband nach einer ersten tollen, radikalen Single eine zweite, vielleicht nicht mehr ganz so tolle und radikale herausbrachte. Heute hängt die erste Single gerahmt an der Wand, oder man verdealt sie für eine fünfstellige Summe übers Internet. Der Ausverkauf, das ist man im Zweifelsfall immer selbst.

Eine Erkenntnis, unter der Modeunternehmer Joe Corré möglicherweise besonders leidet. Er ist der Sohn von Vivienne Westwood und Malcolm McLaren, die mit ihrer Boutique "Sex" das Style-Fundament von Punk bauten und mit den Sex Pistols die wohl erfolgreichste Band des Genres managten.

Als Kind sammelte Corré im Chaos-Umfeld seiner Eltern allerhand Punk-Plunder an, der in der Boutiqe rumlag, Plakate, Badges, Singles. Später gründete er mit Agent Provocateur eine der erfolgreichsten Dessousmarken der Welt und machte Millionen mit ihr. Sagen wir mal so: Corré muss keinen Punk-Krempel übers Internet verkaufen, um über die Runden zu kommen.

Er verbrennt ihn lieber. Ausverkauf kann man ihm also nicht vorwerfen. Fünf Millionen Pfund (5,9 Millionen Euro) soll das Zeug, das er Samstagabend auf der Themse nahe der Albert Bridge in Chelsea in Westlondon in Flammen aufgehen ließ, nach eigenen Aussagen wert gewesen sein. Corré hatte es aufgebaut und dekoriert wie für einen Flohmarkt, und mit seiner lustigen Melone und einem Kopftuch darunter sah er tatsächlich auch eher wie ein Trödler aus und nicht wie einer der erfolgreichsten Hersteller der Welt für Strapse und Designer-Schlüpfer.

"Punk lässt sich nicht im Museumsworkshop lernen"

40 Jahre zuvor war mit "Anarchy in the UK" von den Sex Pistols die große Hymne des Punk veröffentlicht worden. Konzerte, Lesungen und Ausstellungen in London feiern aus diesem Anlass Nietenkleidung und No-Future-Philosophie. Findet Corré aber blöd. "Punk sollte niemals nostalgisch sein - und er lässt sich auch nicht im Museumsworkshop lernen", sagte er am Samstag. "Punk ist zu einem Marketingwerkzeug verkommen."

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Punk-Jubiläum: Fackelträger des Punk

Also zündete er seine alte Punk-Habe an und dazu auch noch ein paar Pappfiguren mit den Konterfeis von David Cameron und Theresa May, die beide nicht mehr oder noch nicht als starke Feindbilder taugen. Ein Löschboot der Feuerwehr half anschließend, die Flammen zu löschen. London brennt. Ein bisschen.

Ein, zugegeben, bescheidenes politisches Feuerwerk. Konzeptuell ist das Ganze trotzdem interessant, da Corré damit das schöne Punk-Spiel von Ent- und Um- und Aufwertung aufgreift. Ein Spiel, das von seinem Vater McLaren, der Corré angeblich so betont lieblos durch die Gegend schob wie die von ihm gemanagten Musiker und Künstler und der 2010 verstorben ist, einst auf die Spitze getrieben wurde.

Es ist ja der Gang aller Dinge, dass die effizienteste Antikunst sich irgendwann geschmeidig in den Warenkreislauf einfügt. Bei Punk funktionierte das vor 40 Jahren besonders schnell. Was auch daran lag, dass sein Miterfinder McLaren dessen Warencharakter von Anfang an einkalkuliert hatte. Er formierte mit den Sex Pistols eine Band, die er in Klamotten seiner eigenen Boutique steckte, deren Verkauf zuvor eher schleppend verlief. Der Umsturz aller Werte, wie ihn die Sex Pistols propagierten, war klar gekoppelt an die Vermehrung der eigenen Werte.

Punk war ein tolles Beispiel dafür, wie man mit bescheidensten Mitteln den wundervollsten Lärm erzeugt, wie man aus Lumpen ein Königreich baut, wie man aus dem Nichts eine Religion erfindet. Er war eben aber doch auch, bei aller Liebe zu all den heiligen Irren, die ihn verkörperten, eine perfekte Marketingmaschine. Weil sie den Wertemechanismus durcheinanderwirbelten und nach eigenen Maßstäben neu errichteten. Nach dem Motto: Was kostet das? Nichts. Was ist es wert? Mehr, als du bezahlen kannst.

Ein Wertechaos, das Corré nun noch einmal im Wortsinne befeuerte, als er seine Memorabilien anzündete. Die Hausnummer von fünf Millionen Pfund hat er übrigens selbst geschätzt. Er hätte auch fünf Milliarden Pfund sagen können. Oder fünf Pfund. Vielleicht der schönste Beitrag zum Jubiläum des schönsten Rock'n'Roll-Schwindels aller Zeiten.



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
nummer9747568 27.11.2016
1.
Sex pistols waren die Kommerzialisierung des Punk. Aber nicht der Ausgangspunkt. Vielleicht wäre eine gesamtheitliche Auseinandersetzung mit dem Thema sinnvoll bevor man sich in einem Artikel Allgemeinheiten über den Punk verfasst. Vielleicht mal einen Blick über den Teich riskieren.
klogschieter 27.11.2016
2. Punk war:
Programmatischer Nihilismus, insbesondere der britische, ganz besonders in der Lesart des Künstlers McLaren. Das hat der Bengel nicht verstanden und eine Performance hingeschludert, die nichts anderes ist als der Versuch einer Moralisierung. Dafür hätte ihm sein Papa die Hammelbeine langgezogen. Mal abgesehen davon, dass es grundsätzlich vollkommen aussichtslos ist, innerhalb eines absolut toten Zeichensystems etwas Relevantes zu sagen oder zu tun.
suboptimal_ 27.11.2016
3. Warum nicht?
Hat er selbst gesammelt und kann er gerne verbrennen. Ein paar T-Shirts und Papier. Man kann die Musik auch so hören. Von den Sex Pistols gibt es Filme und Dokumentation. Kann man sich immer noch ansehen. Von Plakaten und T-Shirts gibt es bestimmt digitale Kopien. Es gibt neue Bands - sind Live zu bewundern.
suboptimal_ 28.11.2016
4. Ach so ...
... hier ein Musikvideo-Tipp zu der Punkzeit in England. Bescheidene Videoqualität auf Youtube. Aber Generation X bzw. Billy Idol und das Publikum haben einfach einen schönen Party-Abend. :) https://www.youtube.com/watch?v=o0BRM_gH3Xc
jkl21 28.11.2016
5. Bild Journalismus
Punk war schnell auch eine kommerzialisierte Mode, mit der viele Leute viel Geld verdient haben. Aber Punk war auch eine echte Lebenseinstellung, politisches Statement und engagierter als viele heutigen Gruppierungen. Die Show von Corre und der Auftritt von Westwood sind einfach lächerlich und keinen Artikel wert und verdeckter Kommerz! Der SPON ist mal wieder Bild.
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