Pussy-Riot-Aktivistin Mascha Alechina "Ich glaube nicht, dass Feminismus in Russland verstanden wird"

Sie stand für den Punk-Protest gegen Putin: Mascha Alechina hat ein Buch über ihre Gefängniszeit geschrieben. Hier spricht sie über die Frauenbewegung in Russland und was Trump und Putin gemein haben.

AP

Ein Interview von Kerstin Grether


Zur Person
    Mascha Alechina, geboren 1988 in Moskau, ist Performancekünstlerin und politische Aktivistin. Das Mitglied der Punkrock-Band "Pussy Riot" wurde 2012 nach einem "Punk-Gebet" in der Christ-Erlöser-Kathedrale in Moskau festgenommen und später zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilt. Sie kam Ende 2013 dank einer Amnestie jedoch frei. Die langjährige Greenpeace-Aktivistin ist Mutter eines Sohnes (*2007).

SPIEGEL ONLINE: Ihre Punk-Novelle "Tage des Aufstands" ist eine schockierende Bestandsaufnahme des russischen Gefängnissystems. Aber auch des Kampfes gegen dieses System. Hatten Sie vor ihrer Inhaftierung eine Vorstellung davon, was hinter diesen Gefängnismauern passiert?

Alechina: Nein, ich habe mir keine Vorstellung davon gemacht, was mit mir passieren würde.

SPIEGEL ONLINE: Noch in der Haft haben Sie und ihre Anwälte einiges bewirkt, etwa dass die Frauen in den eisigen Temperaturen der Strafkolonie warme Kleidung zum Anziehen bekamen. War die von ihnen vorgefundene Situation in den Lagern vorher schon bekannt oder wurde sie es erst durch ihre weltweite Aufmerksamkeit mit Pussy Riot?

Alechina: Wir haben natürlich einen Teil dazu beigetragen. Über das Thema wurde vorher in den Medien kaum berichtet. Unsere unabhängige Webseite "Media Zone", die wir direkt nach der Freilassung gegründet haben, ist mittlerweile das am meisten gelesene unabhängige Medium in Russland. Berichterstattung über Gefängnisse ist jetzt zu einer Art Mode geworden. Das finde ich gut. Mittlerweile glauben nicht nur die Menschen, die im Gefängnis sitzen, sondern auch die Menschen, die dort arbeiten, dass es Reformen geben muss. Aber das passiert halt nicht.

SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Alechina: Es ist vielleicht mit anderen Institutionen vergleichbar, die dringend reformiert werden müssten, etwa der Bildungsbereich. Wenn die Menschen in dieses System einsteigen und Teil davon werden, dann werden sie zum größten Teil zu einer Funktion und erfüllen letztendlich bestimmte vorgegebene Befehle. Dagegen arbeiten können nur starke Menschen. Es ist auch wichtig darauf hinzuweisen, dass in jedem Raum von solchen Anstalten ein Porträt von Putin hängt. Das gehört dazu. Überall. Im Direktorenzimmer des Gefängnis ebenso wie in der Isolationsanstalt.

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Pussy Riot: Punk, Aktivistin und Feministin

SPIEGEL ONLINE: Gerade letzte Woche wurden wieder Hunderte von Demonstranten in Moskau verhaftet. Wie fühlen Sie sich, wenn Sie davon hören?

Alechina: Die Verhaftungen sind Teil unserer Realität geworden. Die Anzahl wird eher noch steigen. Auch angesichts der anstehenden Wahlen, besser gesagt: sogenannten Wahlen.

SPIEGEL ONLINE: Was passiert mit den Inhaftierten?

Alechina: In den meisten Fällen werden sie zunächst für 15 Nächte verhaftet. Und manchmal ist es so, dass sich aus dem Arrest ein Verfahren entwickelt. Und manche Aktivisten bekommen dann auch eine Gefängnisstrafe.

SPIEGEL ONLINE: Im August diesen Jahres wurden auch Sie wieder verhaftet. Bei einer Aktion auf einer Brücke in Jakutsk in Sibirien forderten Sie die Freilassung des ukrainischen Regisseurs Oleg Senzow.

Alechina: Ja, allerdings nicht für 15 Tage, sondern wir wurden einfach den ganzen Tag festgehalten. So ist es eben, auch ich kann natürlich jederzeit verhaftet werden, wenn ich eine Aktion mache.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Angst davor?

Alechina: Ich denke einfach nicht darüber nach.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Mitstreiterin Nadeschda Tolokonnikowa erzählte kürzlich einem US-Fernsehsender, die USA und Trump erinnerten sie an Russland und Putin in den Anfangsjahren.

Alechina: Ich glaube, Trump verwendet sowohl eine Rhetorik als auch eine Ästhetik, die Putin sehr nahe ist. Eine wichtige Parallele ist, dass in Wirklichkeit vielleicht doch keiner damit gerechnet hat, dass Trump plötzlich Präsident wird. Und in Russland hat auch niemand wirklich damit gerechnet, dass nach dem Zerfall der Sowjetunion sich so eine Verabschiedung von der Zukunft entwickelt.

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Mascha Alechina:
Pussy Riot

Tage des Aufstands

Aus dem Russischen von Maria Rajer

ciconia ciconia Verlag; 292 Seiten; 20 Euro

SPIEGEL ONLINE: Leute, die gegen Trump protestieren, haben in der Regel nicht dieselben Risiken wie Leute, die gegen Putin demonstrieren. Wäre so etwas wie der "Women's March" auch in Russland möglich?

Alechina: Zuerst sollte man vielleicht daran erinnern, dass Trump bereits gesagt hat, dass er unabhängige Medien für unwichtig hält. Und was die Frauenbewegung angeht: Im Prinzip bräuchte man alle möglichen Formen des Protests und die Frauenaktionen gehören genauso dazu wie all die anderen.

SPIEGEL ONLINE: Wie hoch ist denn das Potential an Leuten, die in Russland für Frauenrechte auf die Straße gehen?

Alechina: Gerade im letzten Jahr gingen viele auf die Straße, sowohl Schüler als auch Studierende. Ich finde das gut, ich finde das wichtig, es zeigt, dass es schon eine gute Entwicklung ist.

SPIEGEL ONLINE: Ist Russland feministischer geworden als zur Zeit der Gründung von Pussy Riot 2011?

Alechina: Das würde ich dann doch nicht sagen. Ich glaube auch nicht, dass Feminismus etwas ist, was in Russland überhaupt verstanden wird. Zum Beispiel kenne ich keine einzige Uni, in der Vorlesungen oder Seminare stattfinden, die sich mit Feminismus befassen.

Pussy Riot Theatre presents "Riot Days": Vom 9.-20. Januar elf Aufführungen in Deutschland. Mehr Informationen hier.



insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
commandertom 15.11.2017
1. "Nicht alte katholische Männer....
...sondern junge linke Frauen" (Zit. A. Schwarzer) sind es, die hierzulande gegen die herausragende Vertreterin des Feminismus antreten. Ein Besuch in süddeutschen Universitäten wäre für Mascha Alechina mit Sicherheit sehr ernüchternd.
andreika123 15.11.2017
2. Na super
Jetzt ein Buch. Die Band Mitglieder haben sich zerstritten wegen Geld. Aber hier auf Aktivisten machen nur in Westen werden die mit großen Augen betrachtet. Das ihr Auftritt in der Kirche Menschen gegen sich aufgebracht hat verstehe manche nicht. Das ging ja gegen Putin dann ist doch alles gut. Mal sehen was passieren würde wenn die das gleiche in eine Musche in Saudi-Arabien bringen, sowas werden die nicht wagen. Und dann noch ein Buch schreiben, wie groß ist die Auflage? Wer soll es kaufen? Ein Witz.
Bernd Hofmann 15.11.2017
3. Da gibt es noch viel zu tun, bis ein Bewusstseinswandel stattfindet!
Oh je, die Frauen in Russland sind nicht zu beneiden! Kein Wunder, dass immer mehr hier bei uns zu sehen sind! Und mit den Machomännern in Russland haben die auch nicht viel am Hut!
static_noise 15.11.2017
4.
@commandertom Was aber nur eine Kritik an Frau Schwarzer als Person ist und nicht am Feminismus. Sie verwechseln Theorie/Ideal mit einer einzelnen Protagonistin.
deKok 15.11.2017
5. Kuechen
Das Feminismus ist wie das Kochen eines besseres Menu. Wenn zuerst der Abfluss repariert werden muss und es kein Heisswasser gibt, redet Keiner vom zu Gesalzten und sicher nicht vom gesundenes Fressen. Relatif ist inflationair. Zum Beispiel, in Italien redet jeder jetzt von Apocalypse und Revolution (im Fussball), obschon das eher was zu tun hat mit Garibaldi und Untergang des roemischen Reich. Heist; ohne Garibaldi und roemische Reich werden apocalyptisch und revolutionair etwas fuer Tifosies. Feminismus kann nur ueber gesundenes Fressen reden (eigenlich erst auf sich aufmerksam machen oder Aenderen zuhoeren lassen) wenn erstmal eine functionierende Kueche da ist. Der Klassiker bleibt natuerlich der Alter der meint; Sei doch froh das der Teller sauber ist statt zu meckern ueber zu Gesaelzest.
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