Queen Latifah Hart, zart, smart

Soul und HipHop, Familienfilme und politischer Aktivismus, Ghetto-Härte und Hollywood-Glamour: Passt das alles in eine Karriere? Bei Queen Latifah schon. Keine andere afroamerikanische Pop-Künstlerin ist so wandlungsfähig - und so ehrgeizig.
Von Jonathan Fischer

Würden ihre langjährigen Rap-Kollegen Chuck D, LL Cool J oder Ice Cube ein Album mit Nat-King-Cole-Standards aufnehmen, der Aufschrei der HipHop-Welt wäre unüberhörbar. War es denn nicht genau dieser Mittelklassen-Schmu, gegen den man einst angetreten war? Um jetzt mit Jazz-Revue-Nummern zu kapitulieren? Die eigene einst so rebellische Jugend zu verraten?

Queen Latifah ist eine Hollywood-Lady und Soul-Diva. Sie kann aber auch die taffe HipHop-Aktivistin sein

Queen Latifah ist eine Hollywood-Lady und Soul-Diva. Sie kann aber auch die taffe HipHop-Aktivistin sein

Foto: AP

Von Queen Latifah aber ist man einiges gewohnt: Seit ihrer frühen Rapkarriere hat sie eine ganze Reihe von Metamorphosen durchgemacht, die zeigen, mit welch vielfältigem Talent sie begabt ist. Oder sollte man sagen: Mit welcher Chuzpe sie sich auf alle Chancen stürzt, die ihr über den Weg laufen? Erst Rap, dann Hollywood, Fernsehserien, eine eigene Talkshow, ein Buch und nun die Krönung von Queen Latifahs Karriere. Mit "Travelin’ Light" jedenfalls hat sich die Renaissance-Frau noch einmal neu erfunden: als Jazzdiva!

Tatsächlich stellt das beim traditionsreichen Verve-Label erschienene Album nicht die erste Exkursion der Old-School-Raplegende in den Jazz dar. Bereits 1998 hatte Queen Latifah für ein Millionen-Publikum den Billy-Strayhorn-Klassiker "Lush Life" gesungen - als Schauspielerin im Kinofilm "Living Out Loud". Keine Frage: Das mediengewandte Selbstbewusstseinspaket hat eine Stimme, die zu schade ist, um sich auf den Sprechgesang zu beschränken. Schon ihre frühen HipHop-Hits zeigten Queen Latifahs vokale Virtuosität: Die Raps scharf artikuliert mit stets wechselnden Synkopen, dazwischen ihr sinnlich-kraftvolles Timbre in melodiösen Gesangslinien.


2004 erfüllte sie sich mit dem "Dana Owens Album" dann erstmals ihren Traum: Unter ihrem bürgerlichen Namen sang sie einige ihrer liebsten Soul- und Popnummern ein, unterstützt von Produzentenlegende Arif Mardin und Ron Fair, sowie mit Al Green als Duettpartner. Das Album gefiel sowohl der Kritik als auch den Fans: Owens alias Queen Latifah wurde sogar für einen Grammy nominiert. Ob sie diesen Coup mit "Travelin’ Light" nun wiederholen kann?

In der Tat gilt Queen Latifah als Erfolgs-Junkie. Ein Workaholic, der kaum zu bremsen ist, sobald er sich mal eine Sache vorgenommen hat. Vielleicht hat das mit ihrer Herkunft aus einer verarmten Mittelschichtsfamilie in New Ark, New Jersey zu tun: Die junge Dana Owens rappte auf der Straße und hatte dank ihrem energischen Mundwerk keine Mühe, sich selbst gegen die männliche Konkurrenz durchzusetzen.

Doch unter ihrer rauen Schale verbarg sich stets Einfühlsamkeit: "Queen Latifah Raps erzählen mehr von Intelligenz und Zuneigung als von Munition und Macho-Posen", schwärmte sogar die "New York Post" als sie 1989 von ihrem Debut "All Hail The Queen" mehr als 400.000 Stück verkaufte – ohne sich auf die Gangster-Mode einzulassen.



Wenn Latifah jemanden niedermachte, dann hatte sie immer auch eine Lektion parat. Und wenn die Rapperin prahlte, galt ihre Selbstbestärkung gleichzeitig allen Frauen: "You ain’t a bitch or a ho" - du bist keine Schlampe oder Nutte - adressierte sie ihre Soul-Schwestern in dem Song "U.N.I.T.Y." Und warnte die Männer: "Geld wird mich nicht dazu bringen, dich zu lieben."

Eine Bodenständigkeit, die ihr später half – nachdem sie als Talkshow-Moderatorin, Schauspielerin und Filmunternehmerin schon zu einer Straßenausgabe von Oprah Winfrey herangewachsen war - den Versuchungen des Hollywood-Größenwahns zu widerstehen: "Ich kann nie vergessen, woher ich komme, und wer mich großgezogen hat: Spätestens wenn ich heimkomme: Dann lässt mich meine Mutter den Müll runtertragen und den Hund ausführen. Damit ich mir bloß nichts einbilde!"

Wahlhelferin mit Beats und Reimen

Wird Queen Latifah heute nach ihrer Ansicht zum Stand von HipHop gefragt, lacht die füllige Entertainerin meistens erst einmal ihr lautes, ansteckendes Lachen. "Das Problem ist, dass ich mich nicht für 15 ausgeben kann, wenn ich 37 Jahre alt bin." All die Leute, mit denen sie damals im sogenannten goldenen Zeitalter des HipHop Anfang der neunziger Jahre aufgewachsen sei, hätten heute Kinder und einen Job. "Sie brauchen Musik, die zu ihnen spricht. HipHop aber ist – mit Ausnahme solcher Figuren wie Jay-Z oder Kanye West – nie erwachsen geworden."

Gleichzeitig nimmt sie auch ihre eigene Generation nicht von der Kritik aus. Man habe versäumt, seine Erfahrungen mit den jüngeren Rapperinnen zu teilen. Darum fingen diese oft wieder am selben Punkt an, den man schon überwunden glaubte: Stichwort "Emanzipation". "Each one teach one", zitiert Queen Latifah einen Malcolm-X-Spruch. Nach einer durch den Tod ihres Bruders 1993 ausgelösten Lebenskrise redete sie nicht nur über die Wichtigkeit von Familie, sie gründete auch eine wohltätige Stiftung.

Im Wahljahr 2004 lud sie den Präsidentschafts-Kandidaten der amerikanischen Grünen, Ralph Nader, zu ihrer Talkshow ins Studio – und animierte ihr Pulbikum im Alter zwischen 16 und 30 Jahren, sich in eigens aufgestellten Wahlkabinen als Wähler registrieren zu lassen.

Und wenn auch schwarze Frauen wie sie noch immer zu wenig im HipHop-Business sichtbar sind, arbeitet sie zumindest daran: Etwa mit Modeschauen für vollere Figuren, und ihrer eigenen Film-, Fernseh- und Musik Produktionsfirma namens Flavor Unit Entertainment: "Wenn ich nicht mehr die beste Rapperin der Welt sein kann, habe ich zumindest noch etwas in Reserve."

Filmreife Rollenwechsel

Viele jüngere Fans aber kennen Queen Latifah inzwischen sowieso eher aus dem Kino denn aus den Rap-Charts: Ihre Rolle in "Chicago" brachte ihr eine Oscar-Nominierung ein, auch Unterhaltungsfilme wie "Bringing Down The House" verdankten ihren Erfolg wesentlich ihrer so einfühlsamen wie schlagfertigen Darstellung.

Dabei war sie eher durch einen Zufall zum Film gekommen: Spike Lee suchte 1992 für "Jungle Fever" eine Kellnerin, die auch rappen kann – und seine erste Wahl, Monie Love, war schwanger geworden. So übernahm Queen Latifah die Rolle. Danach wirbelte sie durch die Sitcom "Living Single" und spielte in "Set It Off" sich selbst: Ein zähes Mädchen aus dem Ghettoviertel. Und Danny DeVito engagierte sie für "Living Out Loud" erst, nachdem er sich persönlich überzeugt hatte, was hinter ihren angeblichen Jazzgesangs-Künsten steckte. Für eine Filmrolle reichte es jedenfalls locker.

Kein leichtes Spiel mit Jazz

Wenn sie jetzt allerdings glaubt Shirley Horn, Billie Holiday oder Dionne Warwick auf Albumlänge Konkurrenz machen zu müssen hat sie etwas zu hoch gegriffen. Latifahs Seele jedenfalls sucht man zwischen Schnulzen a la "Georgia Rose" – mit Stevie Wonder an der Mundharmonika – , dem Sektkracher "I Love Being Here With You" oder einer harmlos plätschernden Neueinspielung von Smokey Robinsons "What Love Has Joined Together" vergeblich.

Am Aufwand kann es nicht gelegen haben: Klar, dass die Queen nur die erste Liga der Jazzmusiker um sich schart. Unter anderem George Duke, Joe Sample, Christian Mc Bride und der Bossa Nova-Gitarrist Oscar Castro-Neves stehen ihr im legendären Capitol Studio A in Los Angeles, wo schon Sinatra und Konsorten aufnahmen, zur Seite. Die ersten sechs Tracks hat zudem Tommy Li Puma produziert, der Mann dessen goldene Händchen ein halbes Jahrhundert Jazzgeschichte geprägt haben.

Queen Latifah aber hat nicht den gesangstechnischen Hintergrund, um Songs, die schon Sarah Vaughn oder Nina Simone interpretiert haben, ernsthaft etwas hinzufügen zu können. So bleibt nur ihr Mut zu bewundern. Und ihre wunderbar warme, aber doch sehr begrenzte Stimme.

Aber wer weiß, ob sie nicht auf ihrer nächsten Tournee schon wieder die Rolle wechseln wird: Berichten zufolge nutzte sie jede Pause bei den Aufnahmen zu "Trav’lin Light", um sich an einem speziell für sie aufgebauten Schlagzeugset zu üben.


"Travlin' Light" ist bei Verve/Universal erschienen