Legendärer Musikproduzent Quincy Jones in Montreux Der Überlebende

Michael Jacksons "Thriller" wäre ohne ihn nie entstanden, Frank Sinatras Version von "Fly Me to the Moon" stammt aus seiner Feder: Quincy Jones verhalf vielen Künstlern zu Weltruhm. Jetzt gastierte er in Europa - vielleicht zum letzten Mal.

Dominic Favre/ DPA

Aus Montreux berichtet


Das Auditorium Stravinski, die heilige Halle des Jazz-Festivals von Montreux, ist ausverkauft, fast 4000 Fans sind am Samstagabend da, um einen Musikgottesdienst zu feiern - mit Quincy Jones. "Wir lieben dich", rufen sie immer wieder. Der 86-Jährige ist längst mehr als der berühmteste Produzent der Welt. Er ist nicht nur einzigartig, ein Mastermind der Musikgeschichte, sondern auch der Überlebende einer magischen Epoche.

Vor drei Jahren wurde Jones durch das "National Museum of African American History and Culture" in Washington, D.C., geführt. Das Haus stand kurz vor seiner Eröffnung. Jones stand vor Exponaten wie alten verrosteten Fußfesseln schwarzer Sklaven. Er kam vorbei an einer Replik der Black-Power-Geste vom 16. Oktober 1968, als bei der Siegerehrung zum 200-Meter-Rennen der Olympischen Spiele der Sprinter Tommie Smith bei geschlossenen Augen die geballte rechte Faust in den Himmel reckte und John Carlos die linke.

Weiter hinten im Museum stieß Jones auf Memorabilia und Fotos berühmter schwarzer Künstler. Marvin Gaye, Dinah Washington, Miles Davis, Ray Charles Dizzy Gillespie, Michael Jackson, Tupac Shakur. Jones wurde wehmütig. "Sie sind alle weg, es ist ein Jammer." Alle hat er produziert, alle zählten zu seinen Freunden oder waren gar Teil der Familie, alle sind sie tot. Nur er ist übrig geblieben. "Es macht mich irre, dass sie nicht mehr da sind."

Zu sehen ist diese Szene in der atemraubenden Doku "Quincy", die seine Tochter Rashida im letzten Jahr herausgebracht hat. Darin kommt auch der Satz vor: "Stehenbleiben heißt sterben."

Dieser Satz aus Stein hat Quincy Jones durch sein ganzes Leben geführt - und er scheint bis heute Gültigkeit zu haben. Nur so ist es zu erklären, dass Quincy Jones - mit 80 Grammy-Nominierungen der am häufigsten geehrte Musiker weltweit - nun noch einmal für drei Konzerte nach Europa kam. "Soundtrack of the 80's" hieß sein Programm, doch in Wahrheit zelebrierte Jones mit den Auftritten in London, Paris und am Samstagabend beim Jazzfestival im schweizerischen Montreux eine Hommage an sich selbst.

Mit 14 Jahren traf er auf Ray Charles, mit 16 stieg er in die Lionel-Hampton-Band als Trompeter ein, mit 29 verpflichtete ihn Frank Sinatra, mit 45 Jahren Michael Jackson. Seit 70 Jahren ist Quincy Jones im Geschäft. Er war immer ein Dienstleister im Hintergrund. Seine Aufgabe war es, andere zum Strahlen zu bringen. Er komponierte, arrangierte und produzierte. "Ich schrieb für jeden, der bezahlte." Nie stand er selbst im Rampenlicht.

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Qunicy Jones: Gigant Q

Nun sind die meisten seiner Auftraggeber tot, doch Jones bleibt bei seiner Rolle, es drängt ihn nichts in die Mitte. Er selbst spielte in Montreux keinen Ton, aber er regelte sein musikalisches Vermächtnis, indem er noch einmal das ganz große Gedeck auffuhr.

Jones saß da und hörte seinem Leben zu

Die Bühne gehörte einem 70-köpfigen Orchester um die Sinfonietta de Lausanne. Jones nahm Platz im Dunkel des Bühnenrands, wippte euphorisch mit den Füßen, tanzte mit den Armen, machte sich behänd Notizen, welche Tonart man vielleicht noch um eine kleine Terz hätte vermindern können. Und zwischendrin bekam er immer wieder Flutschfinger-Eis und Kakao serviert, weil wohl irgendjemand mal gesagt hat, Mr. Jones mag gern Eis und Kakao. Das Dirigieren überließ er John Clayton und Jules Buckley.

Jones saß da und hörte seinem Leben zu. "Der letzte König", wie seine Sängerin Sheléa ihm mit Kusshand zurief, als sie den Gesangspart bei einem Michael-Jackson-Song übernommen hatte.

Überhaupt Jackson: Zwar kamen im Repertoire des Konzerts auch Jones' Stücke aus den frühen Jahren vor, Klassiker wie "Soul Bossa Nova", "You Don't Own Me", Give Me the Night" oder "Stomp!"

Doch den größeren Teil des Abends widmete Jones der Zeit, die er mit Jackson verbrachte. Die Band spielte fast das komplette "Thriller"-Album, drei Lieder aus "Off the Wall" und zwei aus "Bad". Das Orchester hielt sich weitgehend an die Original-Arrangements, die Jones gemeinsam mit Clayton und Buckley auf Orchestergröße umschrieb - denn einst im Studio wurden die Platten von gerade mal einer Handvoll Musikern aufgenommen. Jetzt von einer brachialen Band, die Jackson so nie hatte.

Es war der typische Jones-Sound: Die Streicherinnen unterstreichen im Wortsinn die funky Bläsersätze und die Riffgitarren, der Background-Chor setzt die Ohrwürmer. Jones und Jackson sind einst eine Symbiose eingegangen. Er war der musikalische Vater, der liebevolle, den Jackson im leiblichen nie hatte.

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Quincy Jones in Montreux: Everytime we say goodbye

Beide lernten sich bei der Verfilmung des Musicals "The Wiz" kennen, wo Jackson die Hauptrolle spielte und Jones die Musik schreiben sollte. Er hielt nicht besonders viel von Jackson, fand ihn zu schüchtern, war aber angetan von seinem Fleiß, seinem Takt, seinem Ehrgeiz. Am Rande der Dreharbeiten fragte Jackson, ob Jones nicht einen Produzenten für ein neues Soloalbum kenne. "Ja, ich bin dein Produzent."

(K)ein Kommentar zu Jackson

Was dann kam, ist Geschichte. Erst "Off the Wall", danach "Thriller" veränderten die Musikwelt auf epochale Weise, Jones befreite Jackson vom "Kaugummi-Sound der Motown-Schmiede", wo er zuvor unter Vertrag war. Innerhalb von zwei Monaten hörte sich Jones 600 Songs an, um schließlich zwölf auszuwählen, neun schafften es aufs Album. Mit 65 Millionen Exemplaren dürfte es bis heute das meistverkaufte Album aller Zeiten sein.

Dass Quincy Jones in Montreux so viel Raum für das Jackson-Repertoire ließ, kann man auch als Statement verstehen: "Ich lasse mir mein musikalisches Erbe nicht zerstören." Als kürzlich die Doku "Leaving Neverland" erschien, die Jackson erneut des Kindesmissbrauchs beschuldigte, fingen einige Radiosender an, dessen Songs zu verbannen. Jones wollte das nicht näher kommentieren. Sein Auftritt am Samstag war Kommentar genug.

Am Ende wurde Jones sogar noch politisch, hielt ein flammendes Plädoyer für Nächstenliebe. Er selbst wuchs in den Dreißigerjahren zu Zeiten der großen Depression in Chicagos South Side auf, hat Segregation erlebt, musste Ratten essen, die seine Großmutter kochte, weil es nichts anderes zu essen gab.

Und jetzt dieser Präsident, wieder Spaltung, wieder Elend für Menschen: "Es ist der schlechteste Anführer, den die Welt gesehen hat", so Jones. Er halte es mit Nancy Pelosi, die sagte, sie wolle kein Impeachment, sondern Gefängnis für Donald Trump. "Ich will seinen Arsch im Knast sehen."

Und wenn er schon nicht im Knast lande, so Jones, wolle er zumindest seine Abwahl im kommenden Jahr noch erleben. "God will fix that. So lange muss ich durchhalten."



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Pedronini 14.07.2019
1.
[...]machte sich behänd Notizen, welche Tonart man vielleicht noch um eine kleine Terz hätte vermindern können[...] Herr Tietz, vielen Dank für den netten Artikel, aber sowas wird sich Quincy Jones wohl kaum notieren.
brotherandrew 14.07.2019
2. Wenn ...
... er sagt: "Und wenn er schon nicht im Knast lande, so Jones, wolle er zumindest seine Abwahl im kommenden Jahr noch erleben. "God will fix that. So lange muss ich durchhalten." Dann wünsche ich ihm von ganzem Herzen, dass es so kommt.
floydpink 14.07.2019
3. Meine...
...persönlichen Favoriten von ihm sind die Alben: Thriller, was fast ausschliesslich an Q. liegt, und: L.A. ist my Lady, mit Frank Sinatra. Seine Vielseitigkeit beweist er spätestens mit den sehr modernen Alben: Q's Jook Joint & Back on the Block. Von Big Band bis Hip Hop, der Typ ist perfekt.
julebusch 14.07.2019
4. Bei aller gebotenen Wertschätzung
für die "Legende": "Fly me to the moon" hat Bart Howard geschrieben, Quincy Jones hat es für Frank Sinantra dann völlig anders arrangiert.
tsitsinotis 14.07.2019
5. Ein toller Typ —
er hat mir so viel Glück geschenkt...
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