R&B-Sängerin Banks In der Gemütsgeisterbahn

Stress durch Berühmtheit? Innere Dämonen? Alles eine Frage der richtigen Verdauung: Die US-Sängerin Banks zeigt sich auf ihrem neuen Album "The Altar" angstfrei - und findet zu neuer Popsouveränität.

Sängerin Banks
Universal Music

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Verdauung ist gerade ein sehr wichtiges Thema im Leben der kalifornischen Sängerin Jillian Rose Banks. Nicht nur, dass sie die Plattenfirmen-Menschen und Assistenten beim Interviewtermin in Berlin unter Stress setzte, ihr biologisch, nicht industriell produziertes Essen zu besorgen, das ihrer "Clean-Eating"-Vorliebe entspricht. Banks hatte in den vergangenen zwei Jahren seit Erscheinen ihres Debütalbums auch psychisch an so manchem zu knabbern.

Neben reichlich vorhandenen Privatdämonen zählt dazu auch der Erfolg. "Goddess", eine suggestive Sammlung intimer Selbstzerfleischungen in brüchiger Elektro-Ästhetik, landete in zahlreichen Ländern in den Top 20 der Charts und machte die Mittzwanzigerin neben FKA Twigs und Jessy Lanza zu einer Galionsfigur in der Szene junger Songwriterinnen, die das R&B-Genre mit selbstbewusster Weiblichkeit und unkuscheligen Inhalten neu definierten. Danach gibt es zumeist nur zwei Möglichkeiten: Das nächste Album wird unausgegorener Krampf oder ein künstlerischer Triumph.

"The Altar" ist keines von beidem, aber für Banks dennoch ein Befreiungsschlag. Hatte man die Sängerin bei ihren beiden Auftritten in Berlin (erst in der Berghain-Kantine, dann im großen Klub) noch als von der eigenen Stimm- und Publikumsgewalt eingeschüchterte Künstlerin erlebt, die sich gerne mit weiten Kleidern und Hut tarnte, überraschte sie im Comeback-Video zur Single "Fuck with Myself" damit, sich komplett nackig zu machen.

"I fuck with myself more than anybody else" singt Banks darin über einen sanft dahin klackernden Horrorfilm-Score und unheilschwangere Synthiesounds, ihre Stimme zu einem mokant-gutturalem Rap gepresst. Jegliche voyeuristische Lust an nackter Haut vergeht dem Zuschauer schnell angesichts dieser kühlen Herausforderung: Du kannst mich nicht verletzen oder berühren, das besorge ich schon selbst am besten, lautet die Botschaft dieses bemerkenswerten Songs. Oder auch: Ich scheiß' drauf, ob ich euch gefalle oder nicht. (Clip auf Vevo ansehen)

"Dieses ganze neue Leben in dieser verrückten Musikbusiness-Welt hat mich zwangsweise mit vielen Dingen konfrontiert", sagt Banks, inzwischen 28 Jahre alt. "Ich musste lernen, wie ich die Kontrolle behalte, wie ich Nein sage, wie ich mich so konditioniere, dass ich den Mut und das Selbstbewusstsein habe, Menschen auf eine nicht-emotionale Weise zu sagen, was und wie ich es gerne hätte. Ich lernte, auf mein Bauchgefühl zu vertrauen."

Beim ersten Album, erzählt sie, habe sie sich gefühlt, als hätte jemand ihr geheimes Tagebuch entdeckt und sie dann gezwungen, öffentlich daraus vorzulesen. "Jetzt habe ich verdaut, was das bedeutet und verstehe mehr, wie ich mich in dieser neuen Umgebung verhalten muss. Ich bin dadurch weniger ängstlich, ich habe weniger Probleme damit, gesehen zu werden."

Musikalisch schlägt sich das, was Banks als "Metamorphose" bezeichnet, ein Prozess des Finden eigener Stärke, in eindrucksvoller Klarheit und Souveränität nieder. Schon "Goddess" enthielt vielerlei Verheißungen. "The Altar" löst nun mit euphorischen Abnabelungshymnen wie dem trotzig-emanzipierten "Gemini Feed", dem kalt funkelnden Rihanna-EDM-Dröhnen "Trainwreck", dem nervösen "This Is Not About Us", der Exorzismus-Übung "Poltergeist" oder der fragilen Pianoballade "To The Hilt" vieles an ein, was man sich von Banks an Pop-Potenzial erhofft hat. Als Produzenten scharte sie erneut Tim Anderson, Al Shux und SOHN um sich, sowie DJ Dahi und einige Beatspezialisten aus dem Umfeld von The Weeknd.

Wie eine Lokomotivführerin habe sie sich im Studio gefühlt, als sie die Männer an ihren Laptops und Konsolen dirigiert habe, sagt Banks. Keine Frage, auf ihrer persönlichen Gemüts-Geisterbahn hat sie rasant Fahrt aufgenommen. Weniger Furchtlose hätten dabei wohl längst die Hosen voll.

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sekundo 05.10.2016
1.
gutturaler Rap" Das muss Herrn Borcholte bei der letzten Séance von Marvin Gaye eingeflüstert worden sein!
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