Missbrauchsvorwürfe gegen R. Kelly Der Absturz des R&B-Königs

Seit Jahrzehnten gibt es Vorwürfe wegen sexueller Übergriffe gegen R. Kelly. Dass sie erst jetzt ernstgenommen werden, liegt auch an rassistischen Strukturen: Die mutmaßlichen Opfer des Popstars sind schwarze Mädchen.

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Von , New York


Die #MeToo-Bewegung stürzt immer mehr Prominente vom Sockel. Ganze Branchen rechnen ab: Hollywood, Musik, Medien, Mode, Sport, Wirtschaft, Politik. Manche Männer landen jetzt sogar vor Gericht, namentlich Ex-Filmproduzent Harvey Weinstein, mit dem alles anfing. Nur wenige Beschuldigte kamen ungeschoren davon - darunter lange einer der größten Stars der US-Musikszene, der R&B-Sänger R. Kelly.

Dabei sind die Vorwürfe gegen Kelly - Pädophilie, sexuelle Übergriffe, emotionaler Missbrauch - nicht neu: Es gibt sie seit Jahrzehnten, selbst nachdem er 2008 in einem Kinderpornoprozess freigesprochen wurde. Kelly selbst hat ihnen stets widersprochen, seiner Karriere schadete das alles nicht.

Bisher. Doch jetzt gibt es erste Konsequenzen: Kellys langjähriges Label RCA, das zu Sony Music gehört, habe sich von dem Musiker getrennt, meldeten die "New York Times" und mehrere US-Branchenblätter am Freitag übereinstimmend. Auf der RCA-Website wurde Kellys Name bereits gelöscht.

Anstoß dieser Entscheidung war offenbar eine TV-Dokumentation, die Kellys mutmaßliche Opfer erstmals kollektiv zu Wort kommen ließ. Die Serie hat einer Kampagne gegen den 52-Jährigen neuen Auftrieb gegeben. Stars wie John Legend sprachen sich inzwischen gegen ihn aus, erste Radiosender und Streaming-Services spielen seine Songs nicht mehr, ein Konzert wurde abgesagt - und die Justiz prüft die jüngsten Anschuldigungen. Nun scheint der Imageschaden auch für Sony zu hoch.

Rassistische Vorurteile

Dass die Skandale so lange kaum Folgen hatten, lag nicht nur an Kellys geölter PR-Maschine und seinem Wert für die US-Musikindustrie. Sondern auch daran, dass sie einem alten Schema folgten: Viele glaubten den mutmaßlichen Opfern, meist schwarzen Mädchen, nicht. Diese leiden seit jeher unter dem gesellschaftlichen Vorurteil, "hypersexualisiert" zu sein, wie eine Studie der Georgetown University kürzlich befand.

Die sechsteilige Serie "Surviving R. Kelly", die dem US-Sender "Lifetime" Anfang Januar Rekordquoten brachte, verknüpfte das zu einer bedrückenden Botschaft: Sollten die Vorwürfe stimmen, hatte nicht nur die Musikbranche mit Schuld, sondern die gesamte Gesellschaft.

Die von der schwarzen Kulturkritikerin Dream Hampton produzierte Doku ist wie eine Anklage konstruiert. Die Spurensuche beginnt mit der frühen Biografie Kellys, seiner Jugend in Armut, seiner kurzen Ehe mit der damals 15-jährigen Sängerin Aaliyah, seinem Aufstieg zum unangreifbaren Superstar mit dem Megahit "I Believe I Can Fly" (1996).

Mutmaßliches Kelly-Opfer Faith Rodgers (links)
DPA

Mutmaßliches Kelly-Opfer Faith Rodgers (links)

Eine Frau nach der anderen sagt vor der Kamera gegen Kelly aus. Einige berichten, sie seien minderjährig gewesen, als er sich ihnen aufgezwungen habe. Andere wollen von ihm in einem "Sex-Kult" festgehalten worden sein. Kellys Ex-Frau Andrea Lee behauptet, er habe sie verprügelt. Eltern und Geschwister mutmaßlicher Opfer äußern sich ebenfalls.

Die meisten Vorwürfe waren bereits anderswo zu lesen, insbesondere in der "Chicago Sun-Times" und 2017 in einem investigativen Dossier der Website "BuzzFeed". Doch der #MeToo-Kontext gibt ihnen neue Wucht - und offenbart, wie viele im Dunstkreis Kellys beteiligt waren. So sagt auch ein Ex-Angestellter Kellys anonym gegen ihn aus: Jeder habe gewusst, dass viele der Frauen, mit denen Kelly Sex gehabt habe, minderjährig gewesen seien. Man habe aber alles daran gesetzt, ihn zu beschützen.

Geld über Integrität?

Mit der Doku wuchs der Druck auf Kellys Label RCA und dessen Mutterhaus Sony Music. "Die Welt schaut auf euch", schrieb die Aktivistengruppe "Color of Change" in einem offenen Brief an RCA-Chef Peter Edge, der einst auch Alicia Keys mit entdeckt hatte. "Hört auf, den Missbrauch schwarzer Frauen und Mädchen zu decken."

Die Klauseln des RCA-Vertrags Kellys sind nicht bekannt, die vorzeitige Auflösung könnte aber teuer werden für Sony Music, die Firma gehört zum japanischen Sony-Konzern. Doch weiteres Zögern würde den Verdacht wecken, Sony stelle "Geld über Integrität", sagte der Musikexperte Jeff Rabhan von der New York University der "New York Times". "Die Risiken für RCA/Sony sind eklatant offenkundig."

Lady Gaga und R. Kelly 2013
REUTERS

Lady Gaga und R. Kelly 2013

Nach Angaben der Filmemacherin Hampton waren zunächst kaum Stars bereit, vor der Kamera über ihre Arbeit mit Kelly zu sprechen. Unter anderem lehnten Jay-Z, Erykah Badu und Lady Gaga entsprechende Anfragen ab. Allein Sänger John Legend, der ebenfalls bei Sony unter Vertrag steht, ist mit kritischen Statements in der Serie vertreten.

Mittlerweile hat sich Lady Gaga doch zu Wort gemeldet und ihre frühere Kollaboration mit Kelly bedauert. Auch die französische Indiepop-Band Phoenix hat eine Entschuldigung veröffentlicht.

Am lautesten dürfte jedoch die Stimme von Kellys Tochter Buku Abi nachhallen. Ihr Vater sei ein "Monster", schrieb sie auf Instagram. "Ich entschuldige mich für mein Schweigen."

"Zutiefst verstört"

"Wir waren alle Komplizen", sagte die Schauspielerin Jada Pinkett Smith in einem Facebook-Video. "Wir alle hätten es von den Dächern schreien müssen." Sie begründete das Mitläufertum unter anderem mit Kellys Erfolg: Generationen hätten seine Hits geliebt.

Selbst heute noch. Der Quotendienst Nielsen meldete, dass sich die Streams für Kelly-Songs nach der Dokumentation mehr als verdoppelt hätten, von zuvor 870.000 auf 1,7 Milionen pro Tag. Trotzdem findet die Kampagne #MuteRKelly, die Kellys Stimme zum Schweigen bringen will, neuen Zuspruch. Immer mehr Stationen blenden ihn aus. "Wer noch R. Kelly spielt, sollte sich schämen", schrieb die "Chicago Sun-Times". "Der Rattenfänger des R&B sollte keinen Penny mehr verdienen."

Die Justiz in Chicago, der Heimatstadt Kellys, ermittelt inzwischen auch wieder. Staatsanwältin Kimberly Foxx zeigte sich "zutiefst verstört" über die Doku und bat "Opfer und Zeugen", sich zu melden.

Ein Besuch der Polizei in Kellys Luxuswohnung im Trump Tower in Chicago verlief jedoch ergebnislos: Zwei Frauen, die er dort angeblich gegen ihren Willen festhalte, hätten gesagt, sie seien freiwillig da.


Im deutschsprachigen Raum läuft "Surviving R. Kelly" ab dem 18. Mai beim Pay-TV-Sender A&E-Germany.

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