R'n'B-Star Jennifer Hudson Vier Oktaven Liebesleid

Für ihre Rolle in "Dreamgirls" bekam sie den Oscar, dann wurde das Leben der Sängerin Jennifer Hudson durch einen Dreifachmord in der Familie zum Alptraum. Jetzt ist ihr erstes Solo-Album erschienen: routinierte Pop-Ware - und doch ein Spiegel persönlicher und kultureller Konflikte.

Von Daniel Haas


Alles an dieser Frau ist irgendwie zu viel: zu viel Stimme, zu viel Körper, zu viel Drama. Das hat man Jennifer Hudson jedenfalls 2004 bei der Castingshow "American Idol" gesagt. Ihre Outfits seien zu extrem, ihre Frisur sei aufgedonnert, ihre Stimme aufdringlich. Als sie dann zwei Jahre später den Oscar für die beste Nebenrolle im Musical "Dreamgirls" erhielt, waren die Kritiker erst mal beschämt - aber nicht lange. Bei ihrer Plattenfirma hieß es: "Du siehst super aus, nimm weiter ab."



Hudson nahm nicht ab, dafür trat sie vergangenes Jahr bei opulenten Events wie dem Parteitag der Demokraten auf und bekam eine Nebenrolle im "Sex and the City"-Film. Da spielte sie, wie in "Dreamgirls", wieder das Pummelchen, das sich von der physischen und emotionalen Magersucht ihrer weiblichen Zeitgenossen nicht beeindrucken lässt.

Im November 2008 reicherte die Wirklichkeit Hudsons Leben dann mit so viel Kummer an, dass sich die Medien über Wochen daran mästen konnten: Die Sängerin, die mit der Überballade "And I Tell You I'm Not Going" Oprah Winfrey zu Tränen rührte, verlor durch ein Verbrechen die Mutter, den Bruder und den Neffen. Mutmaßlicher Täter: der Ex-Mann der Schwester. Das Motiv: höchstwahrscheinlich Eifersucht.

Wenn man jetzt ihr neues Album hört, dann erscheint Hudsons Drama, das artistische wie das persönliche, teilweise gespiegelt in der Auswahl der Songs. Musikalisch präsentiert sich eine Sängerin, deren Vier-Oktaven-Organ über weite Strecken in gefällige Pop-Arrangements eingehegt wird. Songs wie "Pocketbock" und "If This Isn't Love" sind Verschlankungsversuche einer Soulstimme, die ursprünglich eher an Motown-Legende Gladys Knight erinnert als an moderne R'n'B-Sängerinnen wie Beyoncé Knowles, ihre Kontrahentin im Film "Dreamgirls" - und zurzeit ihre Konkurrentin in den Pop-Charts.

Die ehemalige Destiny's-Child-Sängerin ist das Gegenmodell zur Verausgabungsästhetik, mit der Hudson berühmt wurde: Auf Beyoncés neuem Album "I Am ... Sasha Fierce" ist ihre Stimme schneidend hell, die Arrangements sind größtenteils klar und transparent, als Instrument dominiert die Gitarre - eine Bewegung hin zum weißen Pop.

Diese Aufhellung von Soul-Charakteristika - weniger Gospel-Inbrunst, weniger Funk-Enthemmung - gehörte auch zu den Grundthemen von "Dreamgirls". Konsequent, dass Hudson in der Verfilmung der Supremes-Story die Sängerin Florence Ballard spielte und Beyoncé als Diana Ross in Erscheinung trat. Deren hellere Hautfarbe und mädchenhafte Stimme waren ideal für die breite Vermarktung und Solo-Karriere, während Ballard in den Annalen der Pop-Geschichte verschwand.

Fließband der Liebesleiden

Jennifer Hudson ist deshalb noch keine Rebellin. Inhaltlich und stilistisch sind Beyoncés und Hudsons Platten letztlich zwei Seiten derselben Medaille. Anders als Soul, der immer auch mit sozialen Utopien verbunden war, ist R'n'B grundlegend unideologisch, es geht vor allem um Konsum und die serielle Produktion von romantischen Träumen. Deshalb bewegen sich die meisten Songs auch in der Endlosschleife von Sich-Verlieben, Liebe und Trennung. Lediglich die Akzente sind verschieden.

Bei Beyoncé gibt es Gedankenspiele, wie es wäre, ein Mann zu sein und dass man dann respektvoller mit den Frauen umginge ("If I Were a Boy"). Oder sie knöpft sich in "Single Ladys" einen ehemaligen Lover vor und erklärt: "Wenn's dir so gut mit mir gefallen hat, hättest du's mit einem Ehering besiegeln sollen."

Jennifer Hudson streitet sich auf ihrem Albumdebüt mit Duettpartnerin Fantasia um den Mann ("I'm His Only Woman"), erklärt in "We Gon' Fight", sie werde für ihren Liebhaber kämpfen bis zum Ende, und beschwert sich in "Invisible", ihr Partner behandle sie, als sei sie unsichtbar. Ein Motiv, das in der afroamerikanischen Kulturgeschichte seit Ralph Ellisons großer Befreiungsparabel "Invisible Man" immer auch allegorisch aufgeladen ist.

Und dann ist da noch der Hit "Spotlight", der jetzt, nach dem realen Eifersuchtsdrama wie eine nachgeholte Prognose wirkt: "Liebst du mich oder bist du der Wärter eines Hochsicherheitsgefängnisses?", fragt die Sängerin. "Sperrst du mich ein, weil du mich für dich haben willst, oder aus Angst, ich könnte einen Besseren finden?" Auch wenn es ein für den Radio- und Club-Mainstream produziertes Uptempo-Stück ist: Hier wurde Hudsons kraftvolles Timbre, das Schmachtende und Drängende ihres Stils, in zeitgemäßes R'n'B-Design übersetzt.

Kraftwerk im Mainstream

Gemeinsam mit dem Gospel "Jesus Promised Me" und dem Schmachtfetzen "And I Tell You I'm Not Going" bildet "Spotlight" ein eigenes kleines Kraftfeld innerhalb des routiniert erstellen Songportfolios. In ihm scheinen die Konflikte des schwarzen Amerikas auf: das Dilemma der Frauen, deren Männer sich in Gewalt und Kriminalität verstricken; die christlich-konservative Hoffnung auf Erlösung und Belohnung. Und der Selbstbehauptungswille einer Ethnie, die sich ihren Platz in der Gesellschaft immer wieder erkämpfen muss. In den Worten von "And I Tell You": "Ich werde nicht gehen. Ich will nicht frei sein, und du wirst mich lieben."

Bei den Grammys ist Jennifer Hudson nun für vier Preise nominiert, wenige Tage zuvor will sie, erstmals nach der Katastrophe, wieder auftreten, bei einer Wohltätigkeitsveranstaltung. Auch im US-Kino wird sie demnächst zu sehen sein: "The Secret Life of Bees" heißt der Film, eine Familiengeschichte über ein Kind, das seine Mutter sucht.

Hudsons Mitspielerin darin ist die HipHop-Legende Queen Latifah. Auch eine, die lange vielen zu viel war und von der das Publikum heute nicht genug bekommen kann.


Jennifer Hudson: "Jennifer Hudson", Beyoncé: "I Am ... Sasha Fierce" sind beide bei SonyBmg erschienen.



© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.