Radio-Quote Offener Streit zwischen Hörfunk und Musikindustrie

Am letzten Tag der Musikmesse Popkomm in Berlin hat sich der Streit um die Einführung einer deutschen Quote im Radio noch einmal verschärft. Radiosender und Plattenfirmen bezichtigen sich gegenseitig, die Misere deutscher Popmusik herbeigeführt zu haben.


Phonoverbands-Vorsitzender Gebhardt: "Irgendwann wird der Hahn abgedreht"
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Phonoverbands-Vorsitzender Gebhardt: "Irgendwann wird der Hahn abgedreht"

Berlin - Die privaten Rundfunkbetreiber warfen den Künstlern am Freitag in Berlin vor, einen "Stellvertreterkrieg" zu betreiben. Viele Musiker seien bei ihren Plattenfirmen rausgeflogen und würden die Schuld für ihren Misserfolg jetzt bei den Radiosendern suchen.

Die Geschäftsführerin des Verbandes Privater Rundfunk und Telekommunikation, Ursula Adelt, erklärte bei einer Popkomm-Veranstaltung zum Thema, ein großer Teil der Misere liege bei der Musikbranche, nicht bei den Radiosendern. Wenn die Vergabe der Frequenzen neu koordiniert würde, "könnte es durchaus mehr Vielfalt geben". Es gebe eine Vielzahl interessierter Unternehmen für neue Sender.

Dagegen warf der Vorsitzende des Bundesverbandes der Phonographischen Wirtschaft, Gerd Gebhardt, den Radiosendern vor, deutsche Künstler zu negieren. Das schlage auf die Musikindustrie zurück. "Irgendwann wird der Hahn abgedreht, und dann gibt es keine Musik mehr aus Deutschland", sagte Gebhardt, der erneut für die Einführung einer Quote plädierte.

Als Vertreter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks wies der Leiter Programmpräsentation beim NDR-Hörfunk, Henry Gross, die Quotenforderung zurück. Die Öffentlich-Rechtlichen seien zwar weiterhin gesprächsbereit, aber "jenseits von einer Quote und jenseits von freiwilligen Selbstverpflichtungen". Es gehe der Musikindustrie ohnehin nur um die fünf oder sechs großen Servicewellen in Deutschland, beispielsweise NDR 2 oder Bayern 3.




Die Vorsitzende des Bundestags-Kulturausschusses, Monika Griefahn, sagte: "Wir als Bund können keine Quote machen." Eine staatliche Regelung nach französischem Vorbild müsse in den 16 Länderparlamenten entschieden werden, darüber hinaus sei auch das EU-Recht zu beachten. Griefahn sieht die Quote als plakative Forderung. "Wir stellen uns Vereinbarungen vor wie man es schaffen kann, dass deutsche Künstler mehr gespielt werden."

Gegen eine Musikquote haben sich bereits Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) und Kulturstaatsministerin Christina Weiss ausgesprochen. Beide plädierten stattdessen für eine freiwillige Selbstverpflichtung der Rundfunksender. Der CDU-Abgeordnete Günter Nooke sprach sich ebenfalls für eine freiwillige Verpflichtung aus.

Für die Quote plädierten hingegen Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer (Grüne) und der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD).

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