Abgehört - neue Musik Gewimmer und Gebimmel

Noch karger, noch verzweifelter: Das neue Album von Elektro-Barde James Blake ist eine grandiose Zumutung. Außerdem: Wimmeln und Bimmeln mit Pantha Du Prince - und Discofunk aus Köln.

Von und


Liebe Abgehört-Leser, man kommt ja kaum noch hinterher, so plötzlich und unerwartet werden neue Alben auf den Markt geworfen. Unsere Rezension des am Sonntag veröffentlichten neuen Radiohead-Albums lesen Sie hier.

James Blake - "The Colour in Anything"
(Polydor/Universal, seit 6. Mai)

"I know some men hurt more than me", singt, nee, seufzt James Blake im dritten Song seines dritten Albums. Und da dachte man, der Bursche hätte keinen Humor! Niemand, also wirklich niemand, nicht Thom Yorke, nicht Drake und schon gar nicht Kanye West, NIEMAND leidet mehr als der 27-jährige Brite. "Love Me in Whatever Way" heißt das Stück, in dem sich Blake einer imaginären Verflossenen zu Füßen wirft, totale Hin- und Selbstaufgabe: "I won't be so loud if this is what you need". Ach, wenns doch nur so wäre. In den beiden vorangegangenen Stücken hatte Blake zunächst seinem Erstaunen darüber Ausdruck verliehen, dass die Geliebte sich von ihm abgewandt hat: "I can't believe this, you don't wanna see me", empört er sich in "Radio Silence" und beschwört wieder eine Funkstille, die er selbst natürlich partout nicht einhalten will.

Narzisstischer Romantik-Freak, der er ist, klagt er in "Points", dass sie nicht mehr dieselbe ist: "It's sad you're no longer her". Blake aber, das ist beglückend und bedrückend zugleich, steht immer noch da, wo er immer stand, während andere längst weitergegangen sind. Nicht nur seine Gefährtin, sondern auch jene zahlreichen Bands und Künstler, die er mit seiner minimalistischen Mimosigkeit beeinflusst und beflügelt hat - von Jamie Woon und FKA Twigs bis zu Jack Garratt und Låpsley.

Blakes Debütalbum von 2011, mehr noch der im grandios gebremsten und entsättigten Gospel-Pathos simmernde Nachfolger "Overgrown", etablierte einen Sound, der zwischen R&B und Minimal-Elektro schwebt, der mal beschleunigende Dubstep- und Dance-Elemente aufgreift, dann wieder zur in Zeitlupe hingetupften Pianoballade regrediert. Die kunstvoll gesetzten Leerstellen dieser flüchtigen, verhuschten Musik füllt Blake mit seinem Bariton-Gesang, den er binnen weniger Verse vom tiefen Gurren zum hellen Falsett-Geheul wechseln lassen kann. Es ist eine Stimme, die zum Zuhören und zur Andacht befehligt, sie ist ein Markenzeichen für die heilige Innerlichkeit eines ganzen Genres geworden, ein gefühliger, streng befindlicher Samtpfoten-Soul, der einst im Schlafzimmer von The xx behutsam etabliert wurde und dann von Bon Iver in die Blockhütte mitgenommen wurde. Blake ist der Hohepriester in dieser Trauertropfmesse - und hebt nun wehklagend zur ultimativen Predigt an.

76 Minuten dauert "The Colour in Anything", wenn man es in einer Sitzung durchhält - das ist eine lange, emotional sehr strapaziöse Zeit, selbst wenn sich die eigene Gemütslage zufällig in Blakes extensiv ausgebreitetem Unglück widerspiegelt und man sein auf und ab wogendes Wimmern mag. Blake verzichtet auf eine Weiterentwicklung seines Sounds, im Gegenteil, er holte sich mit Rick Rubin einen Produzenten, der nur eines gut kann: verdichten und reduzieren - und mit Frank Ocean und Bon Iver zwei Co-Writer und Mitstreiter (auf "My Willing Heart" und "I Need a Forest Fire"), die ähnlich verzagt sind wie er. Das Resultat ist so trist und pastellen graubraun wie das von Kinderbuchillustrator Quentin Blake getuschte Covermotiv, das den Sänger als Caspar-David-Friedrich-Schattenriss zeigt - ein romantischer Tor. Oder ein manischer Psycho, denn über ihm, im kargen, vom Sturm und Drang entlaubten Geäst, hängt in Kreuzigungspose ein stilisierter Frauenkörper.

Die Musik greift diese Ambivalenz des Liebeswahns kongenial auf: Elektronische Verschichtungen und Verschiebungen stören in jedem Stück das Aufkommen von Harmonie, auch Blakes Stimme ist immer wieder verzerrt, durch Vocoder und Autotune bis zur Unkenntlichkeit entstellt, es schabt, es pocht und fiept, klackert und grunzt, bis fast alle Lücken und Pausen, die in Blakes Musik bisher Luft zum Atmen ließen, zum Ersticken gefüllt sind. "Where is my beautiful life", fragt Blake in der schön verstoppten Ballade "Put That Away and Talk to Me". Tja, futsch isses, das schöne Leben, wahrscheinlich für immer. Keine Katharsis, keine Erlösung: So viel zu Schönheit erhobenen Schmerz muss man aushalten wollen. (7.7) Andreas Borcholte

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Pantha Du Prince - "The Triad"
(Rough Trade/Beggars/Indigo, ab 20. Mai)

Wenn Hendrik Weber über seine neue Platte spricht, benutzt er eine eigentümliche Formulierung: Er sei bei der Arbeit an "The Triad", dem neuen Album seines Projekts Pantha Du Prince, den Gesetzmäßigkeiten des Materials gefolgt. Eigentümlich, weil man diese Begrifflichkeit doch eher mit der Bildhauerei verbinden würde. Vielleicht noch mit der Arbeit eines Romanciers, der eine große Geschichte erzählt. Aber ein Musikproduzent, dessen Tracks tief in der Ästhetik von House und Techno verwurzelt sind? Die an Maschinen entstehen? Wie soll das gehen?

Elektronische Musik ist gleichzeitig etwas zutiefst Ausgedachtes, etwas, das es ohne den Erfindergeist des Menschen nicht gäbe. Und auf eine eigenartige Weise vom Menschen Unabhängiges. Denn wenn die Maschinen erst einmal laufen, dann laufen sie. Bis jemand sie um- oder abschaltet. Sich darauf einzulassen, das ist die Kunst des Produzenten. Meist haben sie dabei die Tanzfläche im Kopf. Die Musik soll in einem DJ-Set funktionieren, Tänzerinnen und Tänzer bewegen. Das ist dann funktionale Musik, die Nacht für Nacht von den DJs neu zusammengesetzt wird. Manchmal geht es Produzenten aber auch um andere Orte als den Club, andere Verortungen als die Tanzfläche. Utopische Orte, dystopische Orte. Orte anderen Zusammenseins. So ist das bei Hendrik Weber und Pantha Du Prince.

Weber ist ein Intellektueller. Für ein Projekt am Berliner Haus der Kulturen der Welt arbeitet er gerade mit Wissenschaftlern an einem Projekt zum sogenannten Technosphärenwissen. Er interessiert sich für Philosophie, kann komplexe Begriffe romantischen Denkens aus dem Ärmel schütteln und für seine Kunst fruchtbar machen. Aber er ist auch Instinktmensch. Ein Einzelgänger, den das Raue und Unzivilisierte anzieht. All das findet sich in seiner Musik.

"Lichterschmaus" heißt eines der Stücke auf "The Triad" - und so klingt das ganze Album. Wie ein großes Fest der Farben, des blitzenden und glänzenden Lichtergewimmels. Das mag mit den Glockensounds zu tun haben, die Weber liebt und immer wieder einsetzt. Die ganze Zeit federt und bimmelt es in den Stücken, dass es eine Freude ist. Aber das ist nicht alles. All die Pracht ist eingearbeitet in Gegenstimmen, chorartige Gesänge, milde Flächen, House-Beat-Gezischel.

Weber ist der einzige deutsche Künstler, der beim britischen Indie-Label Rough Trade unter Vertrag ist - und in gewisser Weise passt das. Nur wenigen Produzenten aus der elektronischen Tanzmusik ist es mit ähnlicher Souveränität und ähnlichem Glück gelungen, Autoren zu werden. Künstler, die nicht nur eine eigene Handschrift haben, sondern auch für diese Handschrift geliebt und geschätzt werden. Und zwar lagerübergreifend. Von der Indierock-Crowd genauso wie von den Ausgeh-Nasen und den Modemädchen, den Galeriebetreiberinnen und den Leuten, die eher im Theater zu Hause sind als im Technoklub.

"The Triad" ist das vierte Pantha-Du-Prince-Album und das erste nach dem Meisterwerk "Elements of Light", das er zusammen mit dem norwegischen Glockenorchester The Bell Laboratory eingespielt hatte. Es macht dort weiter, wo "Black Noise" aufgehört hatte, die großartige Platte von 2010, die den melancholischen Spätherbst-Sound der ersten Alben aufgenommen und in etwas Umfassenderes verwandelt hatte. "Black Noise" war eine Platte zum Wandern in der Natur, viele Sounds waren in den Schweizer Bergen aufgenommen und dann digital verfremdet worden. Die Musik hatte eine opake Schönheit.

"The Triad" ist heller, sonniger und glücklicher. Zehn Stücke, die wie eine Einladung klingen, unsere dunkle Gegenwart als Anfang glücklicherer Zeiten zu begreifen. (8.7) Tobias Rapp

Pantha Du Prince - "The Winterhymn"

The Winterhymn von Pantha Du Prince auf tape.tv.

Golf - "Playa Holz"
(Styleheads/Groove Attack, ab 13. Mai)

Macaulay Culkin, Älteren noch als Nervensäge "Kevin - Allein zu Haus" bekannt, Jüngeren eher als "Party-Monster" vertraut, gab neulich zu Protokoll, er sei ein Mann in den Dreißigern, der im Wesentlichen pensioniert sei. Seine Zeit verbringe er mit "Whatevering", ein sehr schönes Wort. "Macaulay Culkin" heißt nun auch der bekannteste Song der Kölner Band Golf, die darin Verständnis für den dahindriftenden Kinderstar äußern: "Uns fällt auf, dass ihn keiner so versteht wie wir/ Und überhaupt macht das Filmemachen keinen Sinn." Im ersten Song ihres Debütalbums "Playa Holz" hatten die jungen Musiker ihrer Millennials-Generation bereits ein schönes Credo formuliert: "Ich will nichts und davon viel." Ein anderer Song heißt schlicht "Wasser": "Das ist Wasser, schwimm einfach mit."

Go with the flow, da könnte man nun mit Blumfeld die Diktatur der Angepassten beklagen, die sich 20 Jahre später vollends verfestigt zu haben scheint. Anders als andere zurzeit populäre Pop-Biedermänner und -frauen verzichten Golf jedoch auf sehr angenehme Art auf Pathos und deutsche Schwermutsstimmen, die Klaus Lage und Hans Hartz nachraspeln. Golfs Musik ist vertontes "Whatevering" im allerbesten Sinne: Ein für deutschen Pop überraschend hüftelastischer Funk-Bass pumpt sich durch beinahe jeden Song, die Hi-Hat zischelt wie eine frisch geöffnete Fanta-Flasche und der Gesang lässt sich entspannt auf Badetücherlagen aus Synthiesounds fallen. Ab und zu tutet auch mal ein fröhlicher Bontempi-Sound durch das tighte Treiben. Funk-Pioniere wie Chic stehen hier ebenso Pate wie Giorgio Moroder, alte Salsoul-Singles, Italo-Disco und Rheingolds "Dreiklangsdimensionen".

Das Rucksacktourismus-Flair reicht von Thailand über eine "Tour de France", die ausnahmsweise mal nichts mit Kraftwerk zu tun hat, bis zum spanischen Kluburlaub in "Coconut", bleibt aber die ganze Zeit so typisch deutsch, dass es nur in der verknurpelten Liebeserklärung an "Hannover" enden kann - "kein England und kein Mofa". Hannover, whatever. Aber kam nicht mit den zu Unrecht vergessenen Spice auch eine der wenigen Funk-Bands des Landes von dort? Egal. Vamos a la Playa! (7.9) Andreas Borcholte

Golf - "Playa Holz"

Golf: Playa Holz auf tape.tv.

Wertung: Von "0" (absolutes Desaster) bis "10" (absoluter Klassiker)

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insgesamt 2 Beiträge
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NeueTugend 10.05.2016
1. Jetzt weiß ich nicht,
ob es "Abgehört - neue Musik:" so schon länger in dieser Form gibt, aber ich finde es nicht schlecht. Ich sage immer: Die Welt ist voller guter Musik, man muss sie nur entdecken.
angst+money 11.05.2016
2.
Also bei mir hat Macaulay Culkin in der letzten Fargo-Staffel einen - wenn auch kurzen - Eindruck hinterlassen. Ansonsten: gibt es eigentlich zwischen gepiercten Muskelbergen und nachdenklichen jungen Männern auch noch noch andere Musiker? Oder muss ich mir doch noch einen Bart wachsen lassen?
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