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»Row Zero« bei Rammstein-Konzerten Frauen werfen Till Lindemann Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe vor

Ein Castingsystem, um Rammstein-Sänger Till Lindemann junge Frauen für After-Show-Partys zuzuführen? Nach Social-Media-Posts berichten nun auch Medien. Mutmaßlich soll es zu sexuellen Handlungen ohne Zustimmung gekommen sein.
Rammstein-Sänger Lindemann (bei einem Konzert 2019): Sex im Backstage-Hinterzimmer?

Rammstein-Sänger Lindemann (bei einem Konzert 2019): Sex im Backstage-Hinterzimmer?

Foto: Christoph Soeder / picture alliance / dpa

Sie nennt sich in ihrer Twitter-Biografie  »das Mädchen, dem BEI Rammstein was in den Drink getan wurde«: Mit ihrem Bericht in sozialen Netzwerken von ihren Erlebnissen bei einem Konzert der deutschen Band in der litauischen Stadt Vilnius löste die Nutzerin namens Shelby Lynn in den vergangenen Tagen zahlreiche Reaktionen aus.

Die irische Konzertbesucherin hatte berichtet, sie sei in die »Row Zero« der Show eingeladen worden, einen speziellen Bereich vor der Bühne. Daraus sei sie zunächst zu einer »Pre-Party« vor dem Konzert eingeladen worden, wo es alkoholische Getränke gegeben habe. Ein Mitarbeiter habe sie in einer Pause des Auftritts in einen kleinen Raum gebracht, behauptet Lynn weiter, wo sie auf Rammstein-Sänger Till Lindemann getroffen sei. Auf ihre Ablehnung, Sex mit ihm zu haben, habe dieser aggressiv reagiert.

Shelby Lynn erhebt den Vorwurf, ihr seien Drogen ins Getränk gegeben worden. Sie berichtet von gestörter Wahrnehmung und Erinnerungslücken, am Morgen danach sei sie mit Blutergüssen aufgewacht. Ein Drogentest bei der litauischen Polizei sei allerdings negativ ausgefallen.

Nach dem Bericht der Irin meldeten sich im Netz mehrere andere Frauen mit ähnlichen Erfahrungsberichten zu Wort. Andere sprangen der Band unter Hashtags wie #justiceforrammstein zur Seite. Lindemanns Ex-Freundin Sophia Thomalla sagte »Bild« , sie glaube nicht, dass es diesen Vorfall in Vilnius gegeben habe. Die Zeitung zitierte sie mit der Einschätzung, Till Lindemann sei »ein Mann, der Frauen beschützt«.

Rammstein selbst äußerten sich bisher über ihre Social-Media-Kanäle mit einem kurzen Statement: »Zu den im Netz kursierenden Vorwürfen zu Vilnius können wir ausschliessen, dass sich was behauptet wird, in unserem Umfeld zugetragen hat. Uns sind keine behördlichen Ermittlungen dazu bekannt.«

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Am Freitag nun veröffentlichten »Süddeutsche Zeitung « und NDR (auf der »Tagesschau«-Website ) die Ergebnisse ihrer gemeinsamen Recherchen zu dem Thema. Demnach hätten mehrere weitere Frauen Vorwürfe gegen Rammstein-Sänger Lindemann erhoben. Junge Frauen würden offenbar gezielt für Sex mit ihm ausgewählt. Zwei von ihnen berichten demnach von mutmaßlichen sexuellen Handlungen, denen sie nicht zugestimmt hätten.

Laut »SZ« und NDR hätten sowohl Lindemann als auch die Band Fragen zu konkreten Vorwürfen inhaltlich unbeantwortet gelassen – Anfragen des SPIEGEL erging es ebenso, ein Anwalt der Band erklärte lediglich, dass es für die vorgeworfenen sexuellen Übergriffe an einem »Mindestbestand an Beweistatsachen« fehle.

»Casting-Direktorin« für die »Row Zero«

Die Artikel zeichnen nach, wie junge Frauen offenbar gezielt angesprochen worden seien – auf Konzerten selbst oder auf Instagram –, um sie zu speziell für Lindemann ausgerichteten Aftershowpartys einzuladen. Die Frauen seien aufgefordert worden, sich attraktiv zu kleiden. Aus Chat-Verläufen zitiert die »Süddeutsche« den Dresscode: »sexy-elegant, gothic rock, Cocktailkleider, alles gut, nur keine Rammstein-T-Shirts bitte«.

Auch die »Neue Zürcher Zeitung« berichtet  von einem System um die »Row Zero« bei den Gigs, für die keine Karten zu kaufen seien. Sie schreibt von einer »Casting-Direktorin«, die für Rammstein die jungen Frauen organisiere. Sie begleite die Frauen auch zu den Partys vor und nach den Konzerten.

Zwei Frauen berichten der »SZ« und dem NDR von sexuellen Übergriffen Lindemanns, die sich am Rande der Aftershowpartys zugetragen hätten.

Eine Frau wird in den Artikeln zitiert, Lindemann habe sie nach einem Konzert seiner Solotournee im Februar 2020 mit einer »Komm her«-Fingerbewegung in einen Nebenraum im Backstagebereich geladen. Die damals 22-Jährige sagt, sie habe dort Sex mit Lindemann gehabt. Sie habe starke Schmerzen gehabt und geblutet. Es müsse ihm aufgefallen sein, wie verkrampft sie gewesen sei. Nach Aussage der mit verändertem Namen zitierten Frau habe er sich nach zehn Minuten »bedankt und gesagt, es ginge ihm jetzt besser«. Sie sei sich damals gar nicht bewusst gewesen, dass es ein Übergriff gewesen sei, sagt die Frau weiter.

Lindemann beim »Wacken Open Air« 2013: Vorwürfe mit eidesstattlichen Aussagen

Lindemann beim »Wacken Open Air« 2013: Vorwürfe mit eidesstattlichen Aussagen

Foto: Axel Heimken / picture alliance / dpa

In einem weiteren Fall ist die Rede von einer damals 21-Jährigen, die für ein Rammstein-Konzert im August 2019 »alle Stufen des Casting-Systems durchlaufen« habe und am Ende in einem Hotelzimmer wieder zu sich gekommen sei. Lindemann habe auf ihr gelegen und sie gefragt, ob er aufhören solle, erinnert sich die Frau den Artikeln zufolge.

Durch Lindemann-Gedicht »getriggert«

Laut NDR haben die beiden Frauen ihre Aussagen an Eides statt versichert und sich anonym vor der Kamera geäußert.

Beiden sei erst später klar geworden, dass der Umgang Lindemanns mit ihnen problematisch gewesen war, heißt es in den Artikeln. Die Besucherin des Wiener Auftritts spricht von einem »Schutzmechanismus, weil ich Spaß haben wollte«.

Erst später, nachdem sie ein Gedicht Lindemanns über Sex mit einer besinnungslosen Person gelesen habe, habe sie sich »getriggert« gefühlt und sei seither nicht mehr zu Konzerten Lindemanns gegangen.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben den Text nach Veröffentlichung um die Stellungnahme eines Anwalts der Band ergänzt.

feb

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