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Kontroverse um Rammstein-Musikvideo

Eine Falle

Das neue Musikvideo von Rammstein ist ein größenwahnsinniger Ritt durch 2000 Jahre deutsche Geschichte. Es sorgte auch für Empörung, weil es die Bandmitglieder als KZ-Häftlinge zeigt. Doch der eigentliche Clou liegt woanders.

Eine Analyse von

Rammstein-Sänger Till Lindemann im Musikvideo "Deutschland": Auf empörte Reaktionen abgesehen

Donnerstag, 28.03.2019   22:57 Uhr

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Wer wissen will, warum Teenager von Moskau bis Los Angeles die Gruppe Rammstein und sonst keine anderen Künstler deutscher Zunge kennen, der wird in ihrer Musik die Antwort darauf nicht finden. Die Antwort steckt in der Art und Weise, wie Rammstein sich selbst - und ihre teutonische Herkunft - zu inszenieren wissen, nämlich professioneller und radikaler als alle anderen Kollegen.

Erst für Aufsehen, dann für Aufregung und schließlich für Empörung sorgte der Teaser zum Video für die erste Single des kommenden Albums: "Deutschland". Zu elegisch absteigenden Keyboardkadenzen sind die Gesichter der Bandmitglieder zu sehen, wie sie, den Strick um den Hals und in der gestreiften Häftlingsuniform von KZ-Insassen, auf ihre Hinrichtung warten. Am Ende erscheint "Deutschland" in Fraktur. Und ein Hinweis in römischen Ziffern auf das Datum, an dem das komplette Video erstmals freigeschaltet wird. So erzeugt man Spannung.

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Ausschnitt aus dem Video: Bandmitglieder in gestreiften Häftlingsuniform von KZ-Insassen

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So erzeugt man auch einen Skandal, noch bevor das Video selbst zu sehen ist. Anhand der 35 Sekunden kritisierte Zentralratspräsident Josef Schuster, der Holocaust werde zu "Marketingzwecken missbraucht". Felix Klein, der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, vermutete eine Skandalisierung zu Verkaufszwecken und damit das Überschreiten "roter Linien".

Wen man eben schnell mal fragt und was derjenige dann eben so sagt, wenn das Mahnen und Warnen ohnehin zu seinen Aufgaben gehört. Wer sich als deutsche Gruppe in KZ-Kleidung zu Opfern der NS-Diktatur stilisiert, wer also in eine so empörende Pose sich wirft, der hat es auf genau diese empörten Reaktionen abgesehen. Der hat sie berechnet und bekommen. Und das zu Recht.

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Zumal es auch jenseits der derzeitigen Erregungsfreude unserer Gesellschaft gute Gründe gibt, den Umgang mit der braunen Vergangenheit - und Gegenwart - auch im popkulturellen Kontext einer sehr genauen Prüfung zu unterziehen. Werden da die "roten Linien" verschoben? Kann 2019 gesagt und gezeigt werden, was 2009 oder 1999 noch undenkbar gewesen wäre?

Triggert die Bedenken der Bedenkenträger

Aber undenkbar, war es das wirklich? Sind nicht 2018 mit Farid Bang und Kollegah zwei Rapper mit dem "Echo" ausgezeichnet worden, die in jeder Hinsicht verstümmelte Zeilen wie "ein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen" für sagbar hielten? Haben Rammstein nicht schon 1998 in "Stripped" der Ästhetik einer Leni Riefenstahl gehuldigt? Und anschließend jede Nähe zu rechtem Gedankengut weit von sich gewiesen?

Interessant, wie differenziert und besonnen eine Sprecherin der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vashem in Jerusalem auf die Provokation reagierte. Die Erinnerung an den Holocaust dürfe nicht nur als "bloßes Werkzeug" dienen, um ein Produkt zu verkaufen oder, wie in diesem Fall, öffentliches Interesse für ein Video zu wecken. Gleichwohl seien "künstlerische Arbeiten, die an Holocaust-Bilder erinnern", nicht generell zu verurteilen. So schnuppert man erst einmal an einem Stöckchen, statt im Reflex darüber zu springen.

Ein "Honeypot" ist eine Attrappe, die den Feind vom eigentlichen Ziel ablenken soll. Eine Falle. Und ein solcher "Honeypot" ist, auf verquere Weise, auch der Trailer zu "Deutschland". Er triggert die Bedenken der Bedenkenträger - denen dann aber das volle Video mit Anlauf in die Hände spielt.

Es ist ein größenwahnsinniger Ritt durch eine Geschichte von 2000 Jahren deutscher Geschichte. Im postmodernen Bildersturm werden so unterschiedliche Filme wie "Iron Sky", "Gladiator", "Prometheus", "Babylon Berlin", "Das Leben der Anderen", "Der Name der Rose", "Alexander Newski" und, das auch, "Schindlers Liste" zitiert.

In wildem Wirbel aufgerufen werden ikonische Bilder der deutschen Vergangenheit, von der Vernichtung des Varus bis zu den Deutschordensrittern, von den Befreiungskriegen bis zum Ende der Hindenburg, von Sigmund Jähn bis zur RAF, von den Wiedertäufern bis zu den Krawallen am 1. Mai, von Bismarck bis Marx, von Hammer bis Sichel.

Die zeitlichen Ebenen sind zersplittert, bisweilen laufen mehrere Jahrhunderte quer durch eine Szene. Einmal liegen sich Kirche und SA in den Armen. Hakenkreuze sind auf Armbinden zu sehen, das KZ gehört dazu - nicht Auschwitz, aber Mittelbau-Dora, markiert durch aufsteigende V2-Raketen. Die Detailfreude erstreckt sich bis zur korrekten Darstellung der historischen Judensterne. Ein Muslim, der ebenfalls auf seine Hinrichtung wartet, trägt den "rosa Winkel" der Homosexuellen.

Delirierende Meditation über Identität

Solche Illustrationen nationalsexueller Neurosen mag man liederlich finden oder langweilig. Eine Werbung für den Faschismus ist "Deutschland" aber nicht. Es ist, im Gegenteil, ein orgiastisch in Szene gesetztes Hadern mit Deutschland: "Deutschland, mein Herz in Flammen, will dich lieben und verdammen", dröhnt Sänger Till Lindemann und kommt zu dem Schluss: "Übermächtig, überflüssig, Übermenschen überdrüssig".

So eindeutig wie hier haben sich Rammstein bisher noch nie vom Nationalismus distanziert. Nicht auszuschließen, dass auf der kommenden Tournee in Stadien weltweit "Deutschland!" gebellt werden wird, mit gereckten Fäusten, wie beim Fußball.

Anders als beim Fußball aber waltet hier wenigstens ein wenig Ambivalenz. Deutschland? "Meine Liebe kann ich dir nicht geben", rollt Lindemann das R wie Sisyphos seinen Stein. Zwar bleibt das einfältig, ist aber auch kein Essay von Klaus Theweleit. Sondern Pop, Musik für die Massen. Eine delirierende Meditation über Identität - damit spielte Jan Böhmermann vor ein paar Jahren schon mit seiner Rammstein-Parodie "Be Deutsch". Identitäre und andere Rassisten werden daran keine Freude haben.

Das liegt am eigentlichen Clou, der effektiver ist als der plumpe Pathos der Texte - die Besetzung der allegorischen Germania durch Ruby Commey, Schauspielerin am Berliner Ensemble.

Denn es ist eine Schwarze, die da im Teutoburger Wald auf die römischen Legionen wartet. Eine Schwarze, an der sich die Kolonialherren kannibalisch weiden. Eine Schwarze, die von Schäferhundwelpen entbunden wird. Eine Schwarze, die eine goldene Rüstung trägt, eine Pickelhaube oder, auch das, SS-Uniform trägt und den ganzen Spuk überleben wird.

Es ist, wenn man so will, "eine künstlerische Arbeit", die unter anderem den Holocaust als Teil der Geschichte aufruft. Klar, dass das 2019 in Deutschland ablehnende oder zwiespältige Gefühle hervorruft. Klar, dass der kalkulierte Tabubruch den Verkäufen der Platte dienen wird. Rammstein halt, so funktionieren die.

Das Urteil der internationalen Fachpresse - über Musik, nicht über nationale Befindlichkeiten - trudelt gerade ein. Die finden's "epic".

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es fälschlicherweise, es seien im Video keine Hakenkreuze zu sehen. Wir haben das korrigiert.

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