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Rammstein feiern in ihrem neuen Video die revolutionäre Kraft des Radios. Außerdem: Taylor Swift macht auf Musical - und Bruce Springsteen verzichtet auf Trump-Kritik. Das sind die Pop-Clips der Woche.

"Rammstein"-Sänger Till Lindemann: viel Schau- und Schauerwert
Rammstein

"Rammstein"-Sänger Till Lindemann: viel Schau- und Schauerwert

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Rammstein - "Radio"
Prädikat: Schlager mit Schauwert

Rammstein haben die zweite Single aus ihrem neuen Album (ab 17. Mai) veröffentlicht - natürlich nicht ohne Spektakel. Nach dem kontroversen Schlachtengemälde "Deutschland" geben sich die Berliner Rock-Theatraliker im Videoclip zu "Radio" (Regie: Jörn Heitmann) etwas beschwingter: Die Band tritt als Rock'n'Roll-Gruppe aus den Fünfzigern in einem Ambiente auf, das eher an die Zwanziger- oder Dreißigerjahre gemahnt - und feiert mit nostalgischem Flair (und Kraftwerk-Hommage) die befreiende Kraft jener Radioübertragungen aus dem Westen, die den Bürgern der DDR trotz Verbot eine Pop-Sozialisation ermöglichte. "Ich durfte nicht dazu gehören/ Nicht sehen, reden oder hören/ Doch jede Nacht für ein, zwei Stunden/ Bin ich dieser Welt entschwunden", singt der - mal wieder - grotesk geschminkte Frontmann Till Lindemann.

Radiogeräte werden an nackten Brüsten gesäugt, am Ende des Clips formiert sich eine Revolution gegen die Unterdrückermacht im Gebäude der Messe Berlin. Viel Schau- und Schauerwert hat dieser Schwarzweißfilm, der noch einmal die Herkunft von Rammstein aus der inneren Emigration und zwangsweise stillen Dissidenz zu DDR-Zeiten klarmacht. Die Lust daran, jedes Tabu bis zum Schmerzpunkt zu brechen, die lange verwehrte Kunstfreiheit in vollen Zügen auszukosten - all das ist in diesem "Radio"-Schlager drin.

Taylor Swift feat. Brendon Urie - "ME!"
Prädikat: Disney-Musical, grenzdebil

Eine angriffslustige Schlange, die sich in Schmetterlinge auflöst? Gleich in den ersten Sekunden des Videoclips zu ihrer neuen Single "ME!" stellt Taylor Swift ihren neuesten Imagewechsel eindrucksvoll zur Schau: Vorbei die Zeit, als sich Swift als Vamp und Rockerbraut kämpferisch und düster gegen ihre Hater positionierte ("Look What You Made Me Do"): In der quietschbunten Disney-Welt von "ME!" (Regie: Dave Myers und Swift) herrschen helle Farben sowie ein fast schon grenzdebil fröhliches Gemüt vor. Brendon Urie, Sänger von Panic At The Disco!, gibt den Musicalpartner für eine unschuldige Flirtgeschichte in nostalgischer "Regenschirme von Cherbourg"-Kulisse, die Individualismus und Selbstliebe zelebriert: "You're the only one of you/ Baby, that's the fun of you". Es gibt Zuckerwattewolken, pink zerfließende Kleider, schreckliches Faux-Französisch und einen Refrain, den jedes Kind mitsingen kann. Man denkt, es ist der Soundtrack zu einem neuen Animationsspektakel im Kino. Ist aber nur die neue Bonbon-Taylor. Zuckerschock, anybody?

Bruce Springsteen - "Hello Sunshine"
Prädikat: Western von gestern

Bruce Springsteen, 69, veröffentlicht am 14. Juni sein erstes Album seit fünf Jahren - das ist schön. Aber wer vom "Boss" aus New Jersey politische Botschaften ans Trump-gebeutelte Volk erhofft hatte, muss sich zunächst mit "Hello Sunshine" begnügen. Springsteens neues Album (ohne E Street Band) "Western Stars" soll Country- und Songbook-Legenden wie Glen Campbell, Jimmy Webb und Burt Bacharach huldigen, sagt er. Die orchestrale Single klingt jedoch verblüffend offensichtlich wie eine Hommage an "Everybody's Talkin'", Harry Nilssons grandiose Lasst-mich-in-Ruhe-Hymne von 1969. Im Lyric-Video gibt's dazu schöne Middle-of-the-Road-Bilder von Ur-Americana, Muscle Cars und Wüsten-Highways. Eskapismus ist natürlich auch politisch. Irgendwie.

Stormzy - "Vossi Bop"
Prädikat: Such den Idris (Elba)!

"Fuck the Government and fuck Boris!", rappt Stormzy in seinem neuen Clip und streckt den Brexiteers Theresa May und Boris Johnson zwei Stinkefinger entgegen. Englands erfolgreichster Rapper kehrt nach seinem Debütalbum "Gang Signs & Prayer" (2017) mit einem aufs Wesentliche reduzierten Beat-Track zurück, auf dem sich der aus dem Grime-Untergrund zum Superstar erhobenene Künstler seiner eigenen Integrität versichert: "My name is still chocolate/ I've got nothing left to prove." Im Clip (Regie: Henry Scholfield/Caviar) posiert er souverän auf der Westminster Bridge und vor der Bank of England - und hat sogar einen ziemlich coolen Gastauftritt von Schauspieler Idris Elba organisiert. Einfach alle tanzen nach Stormzys Vossi Bop!

Madonna feat. Maluma - "Medellín"
Prädikat: Ganz die alte

Augenklappe statt Cowboyhütchen! Ja, aber nee: Nicht mit Madonna! Die 60-Jährige bringt am 14. Juni ihr neues Album heraus und hat nun auch den Clip zu ihrer Comeback-Single vorgelegt (Regie: Diana Kunst und Mau Morgó). Ist natürlich ein Fashion-Fest, in dem zunächst die Album-Protagonistin "Madame X", offenbar eine Mata-Hari-artige Spionin mit bewegter Vergangenheit, eingeführt wird: "I have been kidnapped, tortured, humiliated and abused", spricht Madonna im sakralen Intro, "In the end I still have hope. I still believe in the goodness of humans." Also: "Like A Prayer" reloaded. Das hat dann aber mit dem Rest des Clips nur noch wenig zu tun, denn da geht es um die Anbahnung der Hochzeit von Madonna mit dem jungen kolumbianischen Reggaeton-Star Maluma, der hier eine sehr gute Figur macht. Madonna nicht immer, auch wenn sie provokant am großen Zeh lutscht und eine Tango-Gouvernante mit Gerte gibt. Augenklappen, rot, weiß, schwarz werden vorgeführt, am Ende aber, als die Braut in Weiß über die Festtafel tänzelt, hat sie zusätzlich dann doch wieder den Western-Hut auf - seit "Music" ihre Ersatzkrone. Ganz die Alte also.

FKA Twigs - "Cellophane"
Prädikat: Große Gefühle in Klarsichtfolie

Drei Jahre musste man auf neue Musik der britischen Elektronik-Sängerin Tahliah Debrett Barnett aliasFKA Twigs warten, was unter anderem daran lag, dass sich die inzwischen 31-Jährige mehrere Mini-Tumore aus dem Unterleib operieren lassen musste. Die Genesung war hart - das spiegelt sich in dem umwerfenden, kunstvollen Videoclip zu "Cellophane" (Regie: Andrew Thomas Huang, der auch schon für Björk arbeitete). Barnett brachte sich für die spektakulären Szenen Pole Dancing bei - und eroberte sich nach und nach die Kontrolle über ihren Körper und das Vertrauen in die eigene Physis zurück.

Der verträumt balladeske Song erzählt von Abschieden und Erinnerungen; Gefühle, die man einst hatte, werden zum Schutz in Klarsichtfolie gewickelt. Man kann sie noch sehen, aber nicht mehr berühren oder spüren. Ganz oben an der Zauberranke, die aus der Tanzstange ins Himmlische erwächst, wird sie mit der Krankheit konfrontiert - und tritt ihr beherzt mit High Heels ins Gesicht, ihr eigenes. Aus dem Absturz in einen roten Urschlamm erfolgt die Wiedergeburt einer der zurzeit wichtigsten Pop-Künstlerinnen.

Korrektur: In einer früheren Version dieses Artikels veorteten wir einen Teil der Handlung des Rammstein-Clips im Tempelhofer Flughafengebäude. Tatsächlich spielen die meisten Szenen in der Messe Berlin.



insgesamt 11 Beiträge
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saschbert 26.04.2019
1. Rammstein
Der Song ist ok, aber die Tatsache, dass der Keyboarder Flake nicht müde wird zu betonen, wie gut es ihm in der DDR ging und er keinen Mauerfall gebraucht hätte, gibt der ganzen Geschichte dann doch eine leicht unglaubwürdige Note.
.patou 26.04.2019
2.
Mein Favorit ist Stormzy, selbst wenn Idris Elba nicht dabei gewesen wäre. Bei dem Clip von Taylor Swift wird mir leicht übel. Muss sie sich ausgerechnet an Demy/Legrand vergreifen, meinem Lieblingspaar der Filmgeschichte? Das Video von Springsteen ist etwas ... langweilig.
freddykruger 26.04.2019
3. Rammstein 2
Radio find ich ganz nett, meh aber auch nicht. Die Marke Rammstein hat wohl doch so langsam ausgedient. Zumindest bei mir hat das Interesse an Rammstein schwer nachgelassen. Oje Boss, was ist das denn für ein belangloses Stück Musik? Springsteen ist alt und langweilig geworden. Da hat ja selbst Lemmy kurz vor seinen tod mehr Power im Hintern gehabt. Ich möchte aber auch nicht voreillig über das neue Album von Springsteen urteilen, ersteinmal komplett anhören und dann meckern oder Lobgesänge anstimmen. Zu meiner Schande muß ich gestehen das ich mir freiwillig das Madonna Video angeschaut habe und bereue es bitterlich. Wie immer grauenhafte Musik aus dem Setzbaukasten. Aber sie kann ja Tanzen (Achtung boshafte Ironie).
vliege 26.04.2019
4. Die Luft ist raus
Rammstein geht es leider wie vielen ehemaligen Weltklasse Bands wie z.b. Metallica. Da fehlt irgendwann das gewisse Etwas das die Band über Jahre ausmachte. Sollte im eigenen Sinne die letzte Platte sein.
mat0r 26.04.2019
5. Nicht die DDR sondern der NS Staat
Ich bin ja kein Experte für Lieder oder Rammstein aber wurde der Volksempfänger nicht von Goebbels eingeführt und sind damit nicht vielleicht die BBC Übertragungen gemeint? Die Uniformen und das gegenseitige Lauschen an den Türen würde auch eher dazu passen. Kann mich natürlich irren aber ich habe eher das Gefühl das es hier um die Anfangszeit des Radios im NS Staat geht
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