Neues Rammstein-Album Ein geiles bisschen Horrorshow

Mit "Deutschland" inszenierten Rammstein ihre Rückkehr - und sorgten für einen Eklat. Jetzt folgt das neue Album: Das R rollt, die Gitarren bratzen, es geht um Sex, Gewalt und "Ausländer". Ist das skandalös? Mhm. Eher witzig.

Jes Larsen

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Es gibt eine Stelle auf "Rammstein", dem ersten neuen Studioalbum der Berliner Rockband seit zehn Jahren, an der man sehr laut lachen muss. Sie kommt zur Mitte der Platte im Song "Puppe". Sänger Till Lindemann gibt darin eine lange eingeübte Kunstfigur, die des Kindes, das - gequält von Mensch und Milieu - zum Monster geworden ist: Jeden Tag muss es aufs Neue mit anhören, wie seine sich offenbar prostituierende Schwester ihre Freier empfängt. Artig spielt er mit der ihm überlassenen Puppe, aber irgendwann reicht's. "Und dann reiß ich der Puppe den Kopf ab", explodiert der ganze Grusel: "Dann BEISS ich der Puppe den HALS ab! Es geht mir nicht gut. Nein!"

Das kommt so unvermittelt, wird mit so viel Schmierentheaterhaftigkeit aus Lindemanns Kehle hervorgegurgelt, es ist so ganz und gar drüber, dass es nicht nur an Selbstparodie grenzt, sondern sich bereitwillig der Lächerlichkeit zu Füßen wirft. Ein gewaltiges Kasperletheater. Mal wieder.

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Rammstein: Vom Reiben und Rrrrrollen

Der größte Gefallen, den man Rammstein im 25. Jahr ihres Bestehens tun kann, ist ja, sie zu ernst zu nehmen. Darüber müssten sie dann wohl ihrerseits hysterisch kichern. Als "Urszene von Pegida und AfD" wurden sie für ihr Spiel mit deutschromantischer Symbolik und Nazi-Ästhetik einst gescholten, Unbehagen und Ekel hatten sich in der medialen Betrachtung der Band festgesetzt - auch noch, als sie sich im Zuge der Diskussion über das "Stripped"-Video und seine Riefenstahl-Bilder von rechtem Gedankengut distanzierten.

Bei Konzerten der Band laufen dennoch regelmäßig Thor-Steinar-Träger auf und feiern den teutonisch konnotierten Lärm. Diese Zumutung haben Rammstein bisher stets schweigend in Kauf genommen. Das ist vielleicht der einzige Vorwurf, den man den Ex-Punks aus DDR-Untergrundbands wie First Arsch und Feeling B machen kann.

Ihre orgiastische Pyroshow, eine Mischung aus Soziopathenhorror und Heavy-Metal-Operette, zusätzlich befeuert durch zackige Gitarrenriffs, lockt schon seit den Neunzigern ein Millionenpublikum in Stadien. Keine andere deutsche Rockband - sorry, liebe Scorpions - hat es geschafft, international so erfolgreich zu sein wie Rammstein. Im Ausland grinst man zumeist gelassen über die blutig-schwitzige Überinszenierung von Maskulinität, die Überbetonung des germanischen R-Rollens, den ganzen, bis zur Schmerzgrenze geschmacklosen Grand Guignol: Der Zirkus kommt in die Stadt, die Freaks sind wieder da, nichts wie hin!

In Deutschland tut man sich schwerer mit dem künstlerischen Tabubruch, vor allem wenn er zum Zwecke der ultimativen Provokation Symbole aus der NS-Zeit in ambivalentes Licht setzt - wie zuletzt im Teaser-Video zur Comeback-Single "Deutschland", als die Bandmitglieder in KZ-Uniformen am Galgen standen. Ein empörter Aufschrei ging durchs Land, solche Macht besitzt diese Band.

Im nachgereichten Video, einer kunstvollen, phantasmagorisch zugerichteten Schlachtplatte deutscher Kulturgeschichte, ließen Rammstein die Eklatblase dann jedoch schnell wieder platzen: "Du (übermächtig, überflüssig) / Ich (Übermenschen, überdrüssig)", grollt Lindemann darin, und positioniert sich und seine Band dann im Refrain so eindeutig wie noch nie zuvor: "Deutschland! Meine Liebe kann ich dir nicht geben." Dem Rechtsrock-Fan, der in diesem Sommer in einem Rammstein-Konzert lauthals "Deutschland" brüllen will, wird also der Nationalismus im Halse stecken bleiben.

Multilinguales Aufreißen

Dieses Spiel mit Kampfbegriffen treiben Rammstein auch mit "Ausländer" - einem Song ihres neuen Albums, dem das Kunststück gelingt, Italo-Disco mit Metal-Riffs zu spielen. Wer Nazi ist und vor der Bühne mitjohlen will, muss die Zeile "Ich bin Ausländer" singen, Ätsch!

Hinter Titel und Refrain verbirgt sich zudem keine Beschäftigung mit arabischen oder afrikanischen Migranten, wie viele in diesen Zeiten automatisch erwarten, sondern ein schwiemelig-schmieriges Selbstgespräch eines Gigolos ureuropäischer Prägung - der klassische Südländer, wenn man so will. Es geht ums universelle, multilinguale Aufreißen und, ist ja klar, um Klischees: "Mi amore, mon chérie, take a chance on me", lockt der alemannische Antänzer Lindemann, "ich bin zu Hause überall".

"Radio", die zweite Single, beschwört die Inspiration westlicher Musiksendungen zu DDR-Zeiten, als die Bandmitglieder ihren Rock'n'Roll- und Freiheitsdrang noch nicht öffentlich ausleben durften. Umso mehr erklärt sich vielleicht ihre prollige Renitenz gegen moralische Koordinatensysteme. Je enger der gefühlte Spielraum, desto größer die Ausbruchsgeste, aber dieses instinktive Aufbäumen wirkt nicht reaktionär aufschäumend, sondern unpolitisch libertär.

Im Zweifel regelt's eh der Trieb, das Animalische. Dafür steht "Sex", ein musikalisches Dampframmeln, das in der Strophe deftig über "dralles Fleisch" sinniert und im launig-hymnischen Refrain fast schon an die Toten Hosen erinnert: "Komm mit mir / Wir leben nur einmal / Wir lieben das Leben / Wir lieben... SEX". Ein weiterer Beleg dafür, dass Rammstein niemals mit Intellektuellen verwechselt werden sollten.

Mal Kraftwerk, mal Ostrock-Blues

Der Rest des siebten Rammstein-Albums bietet dann den gewohnten, an Industrial-Metal-Bands wie Clawfinger geschulten Riffrock, der sich vorrangig ums fürchterliche Herzleid des vortragenden Protagonisten dreht. Dieser schluchzt, lechzt und trotzt in Songs wie "Weit weg", "Was ich liebe" und "Tattoo" einer Verflossenen hinterher, dass es nur so in der dicken Schwarte gekränkter Männlichkeit kracht: "Deinen Namen stech ich mir / Dann bist du für immer hier / Aber wenn du uns entzweist / Such ich mir eine, die genauso heißt", singt Lindemann einmal. Eher unter die Haut geht die ausnahmsweise unvergrrrrollte Ballade "Diamant", eine resignierte Ode an die Frau, die es geschafft hat, das hartleibige Mannsbild anzukratzen. Ach je.

Man kann im Gedröhne und Gemucke manchmal nuancierte Popreferenzen ausmachen, mal Kraftwerk, mal Anne Clark, mal Ostrock-Blues und Kraut ("Weit weg"), mal Metallica, mal Morricone. Am Ende aber bleibt die seit Bestehen in Urbesetzung spielende Band auch diesmal ihrer Formel treu: ein geiles bisschen Horrorshow. Sie seien halt wie AC/DC und zögen ihr Ding durch, meinte neulich ein US-Blogger, der sich die Frage nach der anhaltenden Popularität von Rammstein stellte. Da ist was dran: Wie die australischen Rocker neigen Rammstein zur sympathischen Selbstkarikatur - und haben es als Klassenclowns der deutschen Popschule zu Ruhm und Reichtum gebracht.


"Rammstein" (Vertigo Berlin/Universal) wird am 17. Mai veröffentlicht



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ogg00 14.05.2019
1. kürzer gesagt
Kürzer gesagt bedienen sich Ramstein weiter beim Crossover der 90er und damit sie gesehen werden, nehmen sie jede naheliegende Provokation mit. Marilyn Manson ist dann eher der Vergleich. Klappt halt nur nicht ewig. Mehr in die Jungs reinhudeutem, nimmt sie schon viel zu ernst und wichtig, sorry. Und so gar keine neue Ideen zu haben, ist dann auf Dauer eben doch bald mal zu wenig.
sekundo 14.05.2019
2. Diese pösen, pösen
Macker aus Magdeburg haben mittlerweile ihren Härtegrad so weit überzogen, dass der nur noch unfreiwillig komisch wirkt. Und den Grunzer Till Lindemann als Sänger anzupreisen, ist schon waghalsig.
meera91 14.05.2019
3. Ach diese Kritik gibt es doch jedes Mal...
"...und positioniert sich und seine Band dann im Refrain so eindeutig wie noch nie zuvor..." Und der ganze Song Links 2 3 4 wird völlig vergessen? Diese Band hat sich schon immer klar von der rechten Szene distanziert. Anders als bei Onkelz und Co. hat auch niemand von denen eine gruselige Rechtsrock-Vergangenheit. Sie wollen mein Herz am rechten Fleck Doch sehe ich dann nach unten weg Da schlägt es in der linken Brust Der Neider hat es schlecht gewusst Langweilige Kritik, die auch vor 20 Jahren hätte geschrieben werden können...
robert_müller 14.05.2019
4. einfach nur ein wenig Spaß
Rammstein Konzerte sind wie ein Besuch in einem Swingerclub. Eine kurze flucht aus dem langweiligen Alltag in "schmutzigen", sinnbefreiten aber obergeilen Sex. Mir macht es Spaß!! Wer auf "Blümchensex" steht, sollte dann lieber auf ein intellektuell ansprechendes Jazz- oder Liedermacherfestival gehen.
sekundo 14.05.2019
5. Ooooch!
Zitat von meera91"...und positioniert sich und seine Band dann im Refrain so eindeutig wie noch nie zuvor..." Und der ganze Song Links 2 3 4 wird völlig vergessen? Diese Band hat sich schon immer klar von der rechten Szene distanziert. Anders als bei Onkelz und Co. hat auch niemand von denen eine gruselige Rechtsrock-Vergangenheit. Sie wollen mein Herz am rechten Fleck Doch sehe ich dann nach unten weg Da schlägt es in der linken Brust Der Neider hat es schlecht gewusst Langweilige Kritik, die auch vor 20 Jahren hätte geschrieben werden können...
Nun sind die Neider schuld! Wenn man permanent auf zwei Reifen an der rechten Flanke entlang rauscht, darf sich niemand wundern, wenn diese skurrile Combo dem gesunden teutschen Volksempfinden zugeordnet wird. Aber dann bitte kein Geweine. Denn merke: Ein teutscher Kerl weint nicht!!
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