Rap auf dem Index Weg mit der "Maske"

Wer den Tabubruch zum musikalischen Stilprinzip erhebt, kann sich über eine Indizierung freuen. Spitzenreiter im Verbotenwerden: das HipHop-Label Aggro Berlin. Erneut landen Stars der Plattenfirma auf dem Index, darunter erstmals Erfolgsrapper Sido.


Skandalrapper Sido: Indizierung als PR-Schub
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Skandalrapper Sido: Indizierung als PR-Schub

Ob Monika Griefahn (SPD), Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Kultur und Medien, den guten alten Zeiten nachtrauert? Jener friedlichen HipHop-Ära, Anfang der Neunziger, als Deutschrap vorwiegend im Schwabenland verfertigt wurde, von herzigen Spaßmachern wie den Fantastischen Vier oder den Pop-Intellektuellen um Max Herre und seinem Freundeskreis?

Die Zeiten, als Stuttgart noch als Rap-Metropole galt und "Die da!" als Avantgarde des Genres gehandelt wurde, sind jedenfalls vorbei. Die Musik spielt heute in Berlin, der Sound ist rau, und die Texte machen sich einen eigenen, am amerikanischen Gangster-Rap geschulten Reim auf die Verhältnisse. Für Frau Griefahn geben allerdings nur Sexismus und Brutalität den Ton an; in einer Pressemitteilung erklärte sie: "Die frauenfeindlichen und zum Teil rechtsradikalen Titel stecken voller Gewalt und Pornografie."

Gemeint waren vor allem die Künstler des Labels Aggro Berlin, deren erfolgreichste Vertreter nun zum Teil erstmals, zum Teil erneut mit einer Indizierung geadelt werden. Geadelt? Für Rapper Sido, dessen "Maske" das deutschlandweit bestverkaufte HipHop-Album des Jahres 2004 war, ist ein Platz auf dem Index der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien der konsequente Abschluss einer Selbstinszenierung, in der Humor, Aggressivität und ein untrügliches Gespür für Provokation eine lukrative Allianz eingehen.

Noch zwei weitere Produktionen des Labels landen jetzt auf dem Index: Der Sampler "Aggro Ansage Nr. 4" und Bushidos Album "Vom Bordstein bis zur Skyline". Damit klettert der Berliner Rapper, der mittlerweile zum Musikmulti Universal gewechselt ist, an die Spitze der Indexcharts: Seine erste CD, "King of Kingz" ist bereits veboten, für "Electro Ghetto" ist ein Termin anberaumt.

Was aber sollen diese Restriktionen bewirken außer zusätzlicher PR? Zwar dürfen die CDs oder Musikvideos nur noch an Käufer über 18 Jahren abgegeben werden, auch öffentliche Werbung und der Versand sind verboten. Aber die Tonträger sind bereits seit anderthalb bis drei Jahren auf dem Markt - und im Netz sowieso verfügbar.

Sido und Bushido selbst sind unterdessen eifrig bemüht, ihr Gangster-Image zu relativieren. Gegenüber der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" erklärte Bushido, seine Fans könnten ihn zwar bewundern, sie wüssten aber: "Wenn sie das in ihrem Leben genauso machen würden, wäre es falsch." Für sein kommendes Album "Staatsfeind Nr.1" kündigte er eine künstlerische und menschliche Neubesinnung an. Auch Sido (kurz für "superintelligentes Drogenopfer") versprach Besserung und entledigte sich unlängst der bedrohlichen Totenkopfmaske.

Bei Aggro Berlin hatte man für Griefahns Vorwürfe eine Replik parat, die aus dem Lehrbuch sozialdemokratischer Soziologie stammen könnte: "Dass ausgerechnet Politiker, die tatsächlich Einfluss auf gesellschaftliche Entwicklungen haben und ausüben, Sozialausgaben kürzen und Jugendfreizeiteinrichtungen schließen, jetzt mit dem Finger auf die Opfer ihrer Arbeit zeigen, ist grotesk."

Daniel Haas



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