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Kid Cudi: Elektropop und Empfindsamkeit

Foto: Nabil Elderkin

Rap-Newcomer Kid Cudi Auch HipHopper dürfen heulen

Als Papa starb, begann der kleine Sohn zu reimen, um mit seiner Trauer fertigzuwerden. Heute ist der Junior erwachsen, trägt den Künstlernamen Kid Cudi und gilt als große Rap-Hoffnung. Denn er beweist: Selbst der Macker-Mucke HipHop steht Herzschmerz sehr gut.
Von Jonathan Fischer

Das romantische Liebeslied hat im HipHop keine Tradition. Wenn Rapper sich doch einmal trauten, Gefühl zu zeigen, dann lief es in der Vergangenheit meist auf das Geständnis hinaus, selbst als ausgewiesener Macker nicht gänzlich autonom von weiblicher Zuwendung zu sein: So wie etwa "I Need Love" von LL Cool J. Ein Song, der mehr Rechtfertigung vor der HipHop-Anhängerschaft erforderte als jede Gangster-Pose. Common, Andre 3000 und Dead Prez gehörten schließlich zu den ersten HipHop-Stars, die am Macho-Klischee rüttelten, andere Facetten der Männlichkeit in den Vordergrund stellten, bis Kanye West letztes Jahr mit dem Album "808s & Heartbreaks" endgültig die Frage auf den Tisch brachte: Können sich Herzschmerz und HipHop reimen?

Nun aber geht Kid Cudi in Sachen Romantik weiter als je ein Rapper zuvor: "Man On The Moon: The End Of Day" heißt sein von Kanye West produziertes und von der HipHop-Welt mit Spannung erwartetes Debütalbum. Tatsächlich lebt der 25-Jährige vom Mainstream aus gesehen auf dem Mond: Seine Songs bedienen weder die genreüblichen Ghettoklischees, noch erzählen sie von nächtlichen Drogendeals und Shootouts.

Stattdessen hören wir die in schlaflosen Nächten geführten Selbstgespräche eines jungen, einsamen Mannes, der von Lust und Trauer, den Kämpfen mit der eigenen Verzweiflung und seinem Glauben an die Zukunft erzählt. Geschichten, die für viele Hörer eigene Alltagserfahrungen widerspiegeln. Und dabei so zartfühlend daherkommen wie die klassischen Soulballaden eines Sam Cooke.

Schlafzimmer-Songbastler

Die Single "Day'n Nite" hatte die Welt 2006 erstmals auf Kid Cudi aufmerksam gemacht: Eine Bekennergeschichte im Tagebuch-Stil, die humorvoll die eigenen Unzulänglichkeiten schilderte und das Ganze mit eingängigen Melodien unterlegte. Cool im herkömmlichen Sinne war das nicht. Und erntete wohl gerade deswegen Millionen von Klicks im Internet.

Überhaupt verkörpert der als Scott Mescudi in Cleveland im Mittleren Westen aufgewachsene Junge den Antityp des klassischen HipHop-Stars: Zum Rappen war er gekommen, als sein von ihm vergötterter Vater mit Krebs im Sterben lag - und der Elfjährige zu schreiben anfing, um seinem Schmerz Ausdruck zu verleihen. "Ich hielt ihn für Superman. Dann musste ich miterleben, wie er immer kränker wurde und mich zuletzt nicht mehr erkannte."

Nur seine engsten Freunde bekamen seine Reime zu hören. Ansonsten hatte der Schlafzimmer-Songbastler keinerlei Kontakte zur HipHop-Szene, als er sich 2006 entschloss, seine musikalischen Ambitionen endlich ernst zu nehmen und nach New York zu ziehen.

Ein neues Genre schaffen

Mescudi, der zu diesem Zeitpunkt ein abgebrochenes Filmstudium und eine Laufbahn als McJobber hinter sich hatte, kam bei einem Onkel in der South Bronx unter: "Ich hing das erste halbe Jahr ohne Job und Freunde herum. In der örtlichen HipHop-Szene war ich ein Nobody." Also feilte Kid Cudi täglich an seinen Songs, komponierte für das anonyme Publikum seiner Myspace-Seite. Und ließ sich nicht davon entmutigen, dass Plattenfirmen wie Def Jam seine Demobänder ablehnten, er zum Überleben in Lebensmittelläden jobben musste und auf Partys lediglich für Freigetränke auftrat.

Schließlich brachte das kleine Label Fool's Gold den heimlichen Hit "Day 'N' Nite" auf Platte heraus. Wenig später meldete sich bei ihm eine Stimme, die er bisher nur aus dem Radio kannte: Kanye West. Er habe zufällig das Demo gehört, sei begeistert und brauche einen Songwriter wie ihn für das nächste Album. Ergebnis der Studiozusammenarbeit: "Heartless" und "Welcome To Heartbreak", zwei der stärksten Songs von Wests 2008er Album "808s & Heartbreaks".

Offensichtlich hatte Kid Cudis Gefühl für Melodien, seine Fähigkeit, introvertierte Texte mit poppigen Refrains zu verbinden, den HipHop-Zeitgeist genau getroffen. West jedenfalls nahm den rappenden Nerd für sein Label G.O.O.D. Music unter Vertrag. Empfahl seinen Schützling weiter, was zu einem Gastauftritt Kudis auf "The Blueprint 3" von Jay-Z führte. Besser noch: Er machte das Debütalbum des Niemands aus Ohio zur Chefsache, lud Elektrogrößen wie Ratatat als Co-Produzenten ein und vertraute ansonsten ganz auf die Synergie mit dem seelenverwandten Nachwuchsrapper. Ein neues Genre, tönte West, wollten er und Kid Cudi aus der Taufe heben.

Weiten des Weltalls

Tatsächlich erinnern die Songs von "Man On The Moon: The End Of Day" kaum noch an klassischen HipHop: Elektropop im Stil der achtziger Jahre trifft auf zarte Klaviermelodien. Flächige Synthesizer schieben sich unter Mitsing-Refrains, auf die wohl mancher R'n'B-Stars neidisch sein dürfte. Und auch Kid Cudis beiläufiger melodischer Singsang passt zum Image vom empfindsamen Einzelgänger, der gerade sein Tagebuch vertont.

"They all didn't see/ the bit of sadness in me", erzählt er auf "Soundtrack 2 My Life" von seiner Familie. Besucht auf "Solo Dolo" all die Alpträume seiner Jugend. Phantasiert mit West über die codierten sexuellen Botschaften des gesampelten Lady-Gaga-Hits "Poker Face".

Und entflieht schließlich in "Enter Galactic (Love Connection Part I)" in die tröstlichen, synthiegekühlten Weiten des Weltalls. Bisweilen verlieren die beiden Innenweltastronauten allerdings die Peilung - und so manch waberndes symphonisches Zwischenspiel tendiert zum süßlichen Kitsch. Ausschuss, den man aber gerne in Kauf nimmt, um dafür eine neue Phase in der Evolution des Genres auszurufen: Ja, Herzschmerz und HipHop können sich tatsächlich reimen. Und in Songs wie "Day N' Nite" bisweilen gar eine himmlische Intensität entwickeln.


Kid Cudi: "Man On The Moon: The End Of Day" (Universal)