Fotostrecke

"Translating HipHop": Wut weltweit

Foto: Isabel Ferrin-Aguirre 

Rap-Übersetzungen HipHop-Sprache, schwere Sprache

HipHopper sehen mit ihren Baggy Pants und Baseballcaps weltweit ziemlich gleich aus. Doch welcher deutsche Rapper versteht schon die Wortwitze und Reime eines Kollegen aus Kolumbien? Ein Berliner Projekt will jetzt Abhilfe schaffen.

Es gibt Standardbegriffe im HipHop, die braucht man nicht zu übersetzen. Wenn du "freestylen" willst, verstehen das die Homies von Kuala Lumpur bis Anchorage. Auch das gute alte "Check it out!" haben Rapper aus aller Herren Länder abertausendfach in ihre Reime geworfen. Das ist auch in Kolumbien nicht anders.

"Check it out, yo!", shouten die beiden Rapper von der Bühne des kleinen Theatersaals in der Hauptstadt Bogotá, während das Publikum die Arme schwenkt. Flaco Flow y Melanina heißen sie. Der eine ist lang und dünn ("flaco"), der andere hat sich nach dem gleichnamigen Hautpigment benannt. "Flow" - noch so ein unübersetzbares HipHop-Wort - haben sie beide.

CDs verkaufen sie nicht besonders viele - aber ihre Hits können die meisten im Publikum Wort für Wort mitrappen, YouTube sei Dank. Dort erreicht der Song "De Barrio en Barrio"  über das Leben in den Slums über 800.000 Klicks. Das finstere "La Jungla"  ("Der Dschungel") handelt vom Krieg in Kolumbien und kommt auf fast vier Millionen Klicks.

Dieser Tage stehen die Rapper von der Pazifik-Küste allerdings vor einer ganz neuen Aufgabe: Auf einem Workshop des "Translating HipHop"-Projekts in Bogotá müssen sie sich Kolleginnen und Kollegen aus anderen Ländern verständlich machen. Die wissen zwar, was "flow" und "freestylen" bedeutet, aber sie sprechen weder Spanisch noch verstehen sie die Wortwitze, Anspielungen und Doppeldeutigkeiten, mit denen die Reime gespickt sind.

"Dafür brauch' ich ja ein Jahr!"

"Translating HipHop" bringt HipHop-Musiker aus der ganzen Welt zusammen, damit sie fremde Texte in ihre jeweilige Sprache übersetzen und damit auftreten. Organisiert hat das Ganze das Haus der Kulturen der Welt (HKW) in Berlin, das im November ein dreitägiges Spektakel ausrichtet, um die Ergebnisse der Workshops zu präsentieren, die außer in Bogotá noch in Beirut, Manila und Nairobi stattfinden. "Wir bekommen HipHop-Acts von überall her angeboten", sagt Detlef Diederichsen, der im HKW die Bereiche Musik, Tanz und Theater leitet. "Aber ich habe mich immer gefragt: Wer versteht es dann, wenn man es in Berlin zeigt?"

Irgendwann stand Diederichsen im großen Saal des HKW, und ihm fielen die Übersetzerkabinen oberhalb der Ränge auf, die aus der Zeit stammen, als der Fünfziger-Jahre-Bau noch Berlins Kongresshalle war. "Da dachte ich: Das ist genau das, was wir brauchen. In jeder Kabine könnte ein Rapper sitzen, der das, was auf der Bühne passiert, in seine Sprache bringt - und das Publikum kann mit Headsets zwischen den Sprachen wählen."

Vielleicht wird es tatsächlich so aussehen, wenn im November die Rapper aus vier Kontinenten in Berlin zusammentreffen, vielleicht auch anders. Erst mal müssen die Texte übertragen und in Form gebracht werden. Und das ist schon aus Gründen des Flows gar nicht so einfach. "Beim Hook hab ich zumindest schon mal ein paar Silben gleich", sagt Pyranja, Rapperin aus Berlin , die sich beim Workshop im Innenhof eines alten Theaters in der Innenstadt von Bogotá mit Melanina zusammengesetzt hat. "Aber bei der Strophe - wenn ich das Silbe für Silbe so rappen soll, brauch' ich ja ein Jahr dafür!"

Die Wut verstehen lernen

Zwar gibt es kaum einen Winkel der Erde, in dem nicht Leute über Beats rappen und dabei Baseballcaps und Baggy Pants tragen. Aber ihre Sprachen haben eben jeweils ihre eigene Taktung. Den spanischen Flow ins Deutsche zu übertragen, ist schwer genug - aber was macht man mit dieser synkopierten Sprachmelodie, in der MC Kah rappt ? Der Rapper aus dem Osten der kenianischen Metropole Nairobi erzählt seine Stories in einer Mischung aus Suaheli, Englisch und dem Straßenslang Sheng, die sich ganz eigenwillig um die Beats schlängelt.

Auch Shielbert Manuel aus dem Slumbezirk Tondo in Manila tut sich mit der spanischen Sprachmelodie schwer. "Wenn ich das in Tagallo übersetze, kann ich das nicht mit demselben Flow machen", erklärt der ehemalige Gangleader. Manuel hat über eine Rolle in dem Gangster-Filmepos "Tribu" seinen Weg aus dem Teufelkreis von Armut und Kriminalität gefunden. Vor ein paar Jahren noch verdiente er seinen Lebensunterhalt mit Drogenhandel und Schutzgelderpressung. Jetzt sitzt der philippinische Rapper mit dem freundlichen Jungsgesicht fröstelnd in der Andenmetropole und repräsentiert seine HipHop-Crew Tondo Tribe.  "Um eine Metapher übersetzen zu können, muss ich eigentlich die ganze Geschichte dahinter kennen", sagt er. "Sonst kann ich die Wut dahinter gar nicht verstehen."

"Ich glaube, HipHop ist zu uns gekommen, weil es die Stimme der Unterdrückten ist und sich viele Probleme - Armut, Krieg, religiöse Konflikte - derzeit in der arabischen Welt kristallisieren", sagt Lynn Fattouh alias Malikah aus Beirut . Die libanesisch-algerische Rapperin ist eine der wenigen Frauen im arabischen HipHop. "Für mich ist HipHop definitiv eine Art weltweite Widerstandsbewegung", bestätigt Diana Avella, MC aus Bogotá , die mit ihrem dreijährigen Sohn zum Workshop gekommen ist.

Die 25-jährige Kolumbianerin, eine alleinerziehende Mutter, ist in einem Armenviertel von Bogotá aufgewachsen. Als Zehnjährige verkaufte sie Essen auf der Straße. Ihre bescheidene Musikkarriere sowie ihr Studium erschuftete sie sich mit Jobs in Restaurants und Friseursalons, nebenbei engagiert sie sich in Menschenrechts- und feministischen Gruppen. Kaum eine Hookline ihrer Rap-Texte kommt ohne die Worte "revolución" und "resistencia" aus - in einem Land wie Kolumbien, wo jährlich Dutzende von kritischen Journalisten und Gewerkschaftern verschleppt und ermordet werden, keine ungefährliche Pose. "Ich kenne genügend Leute, die sich weit mehr gefährden als ich", wiegelt sie ab. "Rechtsanwälte zum Beispiel, die Paramilitärs verklagt haben."

Die Zugehörigkeit zur Gegenkultur bestätigt man sich gerne in der HipHop-Community. Gleichzeitig wird auf dem Workshop in Bogotá schnell deutlich, dass die sozialen Zusammenhänge, vor denen die Rapper in ihren Ländern jeweils agieren, komplex sind. Zu komplex, um bei dem guten alten Underdog-Mythos stehen zu bleiben.

Rapper ohne Ghetto-Geschichten - auch das gibt's

Da ist die smarte Malikah, die zur funky Sonnenbrille ein Palästinenser-Tuch trägt und in ihren Videoclips auch mal nabelfrei posiert - eine selbstbewusste Vertreterin der arabischen Jugend im Aufbruch. Sie hat einen US-Produzenten, siedelt dieser Tage nach Dubai über, um in der Tourismusbranche zu arbeiten - und für ihr Debütalbum sollte eigentlich Nate Dogg ein paar Zeilen singen. Der allerdings ist kürzlich verstorben.

Da ist andererseits MC Kah aus Nairobi, der aus einem rissigen Kunstlederkoffer selbstgebrannte CDs seines aktuellen Albums verteilt. "Ich lebe davon, dass ich die CDs bei meinen Konzerten verkaufe - an die wenigen Leute, die sich das bei uns leisten können", sagt er. Der Kenianer, der bürgerlich Kang'ethe Ngigi heißt, ist ein wenig enttäuscht, dass er in Bogotá nicht auf Produzenten oder Musikmanager getroffen ist, die ihm helfen können: "Ich hab auch darauf gehofft, dass ich hier vielleicht ein paar Verbindungen machen kann, um größer, internationaler zu werden."

"Das ist fast ein wenig einschüchternd für mich hier", kommentiert Amewu die Lebensgeschichten der afrikanischen, asiatischen und lateinamerikanischen HipHop-Künstler. Sein Vater kommt aus Ghana, aufgewachsen ist er in Berlin - und Ghetto-Geschichten hat er nicht zu bieten. Dafür beeindruckt in Bogotá mit Zungenbrecher-Wortkaskaden. Pyranja, eine der bekanntesten deutschen Rapperinnen, stammt aus der Plattenbausiedlung von Rostock-Evershagen. "Aber ich hab das nie raushängen lassen", sagt sie. "Klar, für meine Affinität zum HipHop hat es eine Rolle gespielt, dass ich zwischen Neubauten großgeworden bin und in einer Familie, die sich nicht so viel leisten konnte. Aber es war mir immer zu wenig, rumzurennen und zu erzählen, wo ich her komme."

Die krassen sozialen Unterschiede machen das Übersetzen für die deutschen Rapper zu einer sensiblen Sache. Eine Zeile wie "Ich ess' mein Frühstück ohne Reis" will Pyranja nicht eins zu eins übertragen. "Das wäre lächerlich, das glaubt mir kein Mensch. Ich versuche Sachen zu finden, die meiner Lebenssituation entsprechen", sagt sie. Amewu hat sich für ein Stück der Kolumbianerin Diana Avella entschieden, in dem es um die Südhalbkugel geht und ihr Verhältnis zur sogenannten Ersten Welt. "Natürlich haben wir unterschiedliche Hintergründe", sagt er. "Aber wenn man da ansetzt, dass wir beide hier auf dem Planeten geboren sind und man jetzt versucht, mit dem klarzukommen, was einem begegnet, gibt's da schon Gemeinsamkeiten."


"Translating HipHop", Festival und Kongress, 10. bis 13. November, im Haus der Kulturen der Welt in Berlin.

http://translatinghiphop.de 

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.