Rapper Kanye West Amerikas Black Jesus

Christliche Glaubensbekenntnisse boomen im aktuellen Rap-Geschäft. Der für acht Grammys nominierte HipHop-Star Kanye West setzt dem Trend nun die Dornenkrone auf: Als schwarzer Jesus posiert er auf dem Cover des amerikanischen "Rolling Stone".

Von Daniel Haas


"Gott hat mich nicht auf diesen Planeten gesetzt, nur um eine Menge Platten zu verkaufen und Gucci-Accessoires zu horten", sagte Kanye West unlängst in einem Interview der "Weltwoche". Der Rap-Superstar, für acht Grammys im Gespräch, hat eine Mission. Sie beinhaltet die Befreiung des erfolgreichsten Genres des Popgeschäfts vom schnöden Materialismus. HipHop-Amerika geht auf Distanz zu Ghetto-Glamour und Gang-Gewalt, und West ist der Apostel dieser Bewegung.

Rap-Star West: Glaube an Gott und Geld
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Rap-Star West: Glaube an Gott und Geld

Konsequent also, wenn sich der Musiker auf dem aktuellen Titel des amerikanischen "Rolling Stone" als schwarzer Jesus inszenieren lässt. Schließlich begann die Solokarriere des Chicagoer Reimers und Produzenten mit dem Hit "Jesus Walks", einer Hymne an den christlichen Erlöser.

Der Song markierte eine Trendwende im milliardenschweren Rap-Business: Waren religiös motivierte Texte bislang tabu, debütierten in der Folge selbst Haudegen wie DMX oder Mase mit Bekenntnissen zur Spiritualität.

Wests Auftritt als Gottessohn wirkt wie die selbstbewusste Überzeichnung einer in der afroamerikanischen Gemeinschaft verbreiteten Auffassung: dass die Kirche das letzte Bollwerk gegen eine zunehmende Verrohung durch Geschichtsvergessenheit und Materialismus sei. So sieht es beispielsweise der schwarze Kulturkritiker Cornel West, der in seiner klassischen Studie "Race Matters" von einem grassierenden "schwarzen Nihilismus" spricht.

Von Perspektivlosigkeit kann bei Amerikas Rap-Elite zurzeit jedoch keine Rede sein: Ob Reverend Run, Mitglied der legendären Formation Run DMC, seiner Erlösung von Alkohol und Depressionen die Einschreibung in ein Priesterseminar folgen lässt oder Pop-Mogul Sean "P. Diddy" Combs ein Gospel-Label gründet - im HipHop gibt momentan eine Dreifaltigkeit von Kalkül, Kreativität und Glaube den Ton an.

Eine christliche Tugend hat West allerdings nicht ganz im Blick: die Demut. Im am Freitag erscheinenden "Rolling Stone"-Magazin posiert er auch als Box-Ikone Muhammad Ali und beschwert sich, dass man ihm sein Selbstbewusstsein vorwerfe. "Ihr wollt, dass ich großartig bin, aber ihr wollt nicht, dass ich sage, dass ich es bin."

Jetzt aber kann es jeder sehen: West ist ein Auserwählter, der sich den Mächtigen der Welt entgegenstellt - nach der Katrina-Katastrophe warf er Präsident Bush Verrat an den Afroamerikanern vor - und dem Bling-Götzendienst ein Ende bereitet. Jesus, was für ein Anspruch!



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